https://www.faz.net/-gpf-7pe74

Kirchenkongress in Wuppertal : Gauck gibt Tipps für die Kirche

Als Bundespräsident und Pastor in Wuppertal: Joachim Gauck Bild: dpa

Der Bundespräsident spricht als Pastor: Joachim Gauck fordert von der Kirche eine „moralische und spirituelle Avantgarde“, statt „selbstgenügsam, bequem, oder wehleidig“ zu sein. Überschreitet er damit eine Grenze?

          Ein Vierteljahrhundert - von 1965 bis 1990 - war der heutige Bundespräsident Gemeindepfarrer. Ein einfacher und junger, später bekannter und angesehener Pastor in Mecklenburg. Die friedliche Revolution ließ aus dem lutherischen Pfarrer Joachim Gauck im antichristlichen SED-Staat zunächst den Aufarbeiter dieser Stasi-Vergangenheit werden und später, erst im zweiten Versuch, das Staatsoberhaupt des wiedervereinigten Deutschlands.

          Reinhard Bingener

          Politischer Korrespondent für Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Bremen mit Sitz in Hannover.

          Am Donnerstagabend hat sich die steile Karrierelinie Gaucks vom Pastor zum Präsidenten in Wuppertal für einen Moment zu einem Kreis geschlossen: Gauck stattete seinem alten Arbeitgeber, dem er mit seinem Ordinationsversprechen bis heute verbunden ist, einen Besuch ab. Er sprach zum Auftakt eines bisher einzigartigen Kirchenkongresses – die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) versammelt bis Sonntag die mittleren Führungsebenen aller Landeskirchen zu einem Kongress. Etwa 900 Dekane, Superintendenten und Pröpste sind dafür nach Wuppertal gekommen.

          Der Weg der Kirche ist nicht egal

          Sie sollen eingestimmt werden auf die großen Veränderungen, die auf die Kirchengemeinden und Pfarrer in Deutschland zukommen, wenn die Mitglieder älter und weniger werden.
          „Ich wünsche mir, dass die Bürgerinnen und Bürger unseres Landes aufmerken, wenn die Kirche sich neu orientiert“, so Gauck. „Und ich möchte als evangelischer Christ, als Bürger dieses Landes und als Bundespräsident meinen Beitrag zu dieser Neuorientierung leisten.“

          Denn es sei für das Land nicht egal, welchen Weg die Kirchen einschlügen. Es sei auch nicht gleichgültig für Deutschland, „wie in der Kirche von Gott gesprochen wird – ja, ob überhaupt noch vernehmbar und verstehbar von Gott gesprochen wird.“

          Darf ein Bundespräsident, der der Präsident aller sein soll, auch von Agnostikern, Katholiken, Atheisten, Muslimen und vielen anderen, so etwas sagen? Überschreitet der Präsident, den vor einigen Tagen schon der türkische Ministerpräsident Erdogan abfällig „Pastor“ genannt hat, damit eine Grenze?

          Gauck richtet diese Frage vorsichtshalber gleich an sich selbst: „Darf ich so etwas als Bundespräsident sagen?“ Er hält kurz inne. „Ich glaube, das darf ich.“ Denn die Kirchen hielten in der Gesellschaft eine fundamentale Differenz offen: Die zwischen „dem Vorletzten“, den menschlichen Dingen, und „dem Letzten“, dem Unverfügbaren. Diese Differenz mache deutlich, dass in einer Demokratie zwar Mehrheitsentscheidungen zählten – „vollkommen zu Recht“, wie Gauck hervorhebt -, damit über die Wahrheit aber noch nichts entschieden sei. Gauck führt das aus: „Es macht die Befragung unseres Gewissens zugleich freier und ernster, wenn wir uns im Letzten vor einer Instanz verantwortlich wissen, die wir nicht selbst gemacht und mehrheitlich bestimmt haben“.

          „Wohl nie Mainstream einer Gesellschaft“

          Doch der Bundespräsident benennt auch die Krise der Kirchen deutlich: Die Strukturen beider  Kirchen seien „geradezu radikalen Veränderungen ausgesetzt“. Die Kirchen dürften diese nicht nur erdulden, sondern müssten sie selbst gestalten, wollten sie „nicht nur blinde Passagiere auf einem fremdgesteuerten Schiff sein“. Die Glaubensgemeinschaften dürften kein „sanftes Ruhekissen für bürgerliche Gemütlichkeit“ sein, sondern „Zumutung für die Gesellschaft“, fordert Gauck und lässt seine Talente als Prediger hervorschimmern: Dass Teilen „richtiger ist als Behalten“, dass „der geschlagene Nächste am Wegesrand, in welcher Gestalt auch immer er aktuell auftritt, Herausforderung für unsere Nächstenliebe ist“; dass Würde zu achten sei „von der Zeugung bis zum letzten Atemzug“.

          Das alles, so Gauck, „wird wohl nie Mainstream einer Gesellschaft“ - „das alles wird wohl nie mit Mehrheit verabschiedet“. Deshalb müssten die Kirchen, die „manchmal selbstgenügsam, bequem, wehleidig oder dem Zeitgeist verfallen“ seien, neu lernen, „eigensinnig“ zu sein. Gauck fordert die Kirche, im Angesicht zahlreicher Abbrüche und Krisen, sich als „moralische und spirituelle Avantgarde“ neu zu erfinden.

          Austausch über Reformen - oder kaputte Hausklingeln

          Gemessen am Applaus, scheinen die versammelten Dekane, Superintendenten und Pröpste dem Bundespräsidenten darin zustimmen zu können. Auch der EKD-Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider bedankt sich bei Gauck für seine wohlwollende, zugleich aber auch fordernde Worte. Schneider greift Gauck an den Armen, die beiden tauschen einige Sätze aus.

          Vielleicht haben sie sich über die Reform der Kirche ausgetauscht. Vielleicht ging es aber auch nur um eine Nebenkostenabrechnung oder eine kaputte Hausklingel - Schneider wohnt, quasi als Zwischenmieter, in Gaucks Berliner Altbauwohnung, solange der als Präsident in einer Berliner Dienstvilla zu Hause ist.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Ein Straßenschild mit der Aufschrift „Willkommen in Nordirland“ steht am Straßenrand an der Grenze zwischen Nordirland und der Republik Irland.

          Brexit-Streit : Auf gar keinen Fall Kontrollen

          Boris Johnson und die EU sind sich zumindest in einem Punkt einig: Grenzkontrollen zwischen Irland und Nordirland dürfen nicht sein. Doch wie soll das ohne Backstop-Klausel gehen?
          Frankfurts David Abraham (l.) und Goncalo Paciencia (r.) können Lebo Mothiba von Racing Straßburg nicht stoppen.

          Frankfurt patzt in Straßburg : Alle Hoffnung auf Teil zwei

          Eintracht Frankfurt muss um den Einzug in die Gruppenphase der Europa League bangen. Im Play-off-Hinspiel bei Racing Straßburg konnte der Bundesligist vor allem in der ersten Hälfte nicht überzeugen und verlor mit 0:1.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.