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Kirchen und Organspende : Eine freie Tat der Liebe

In Styropor-Behältern wie diesem werden Transplantationsorgane transportiert Bild: dpa

Die beiden großen Kirchen sind froh über die Entscheidung des Bundestags, die Widerspruchslösung abzulehnen. Ein Organ zu spenden, könne nur aus Freiheit erfolgen, so ihre Argumentation.

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          Die großen Kirchen haben die Entscheidung über die Organspende nachdrücklich gelobt. Das beschlossene Gesetz sei geeignet, die Zahl der Spenderorgane „wirksam zu erhöhen“ und gewährleiste zugleich eine „möglichst große Entscheidungsfreiheit“, teilten die Kirchen mit.

          Reinhard Bingener

          Politischer Korrespondent für Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Bremen mit Sitz in Hannover.

          Vor der Abstimmung hatten die Evangelische Kirche in Deutschland sowie die Deutsche Bischofskonferenz mehrfach vor dem Entwurf von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn gewarnt. Dessen doppelte Widerspruchslösung sah vor, dass künftig jeder grundsätzlich als Spender gilt, sofern er nicht widerspricht. In einem gemeinsamen Brief an alle Abgeordneten äußerten beide Kirchen Ende Dezember, sie hätten „erhebliche rechtliche, ethische und seelsorgerliche Bedenken“ gegen dieses Modell.

          Bemerkenswert daran war zunächst, in welcher Einmütigkeit sich die Kirchen positionierten. In der Medizinethik gibt es zwischen den Konfessionen latente Unterschiede, insbesondere was Fragestellungen zum Beginn des Lebens betrifft. Die divergierenden Ansätze waren zuletzt wieder deutlicher zutage getreten. Vor der Entscheidung über die nichtinvasive Pränataldiagnostik Ende 2018 hatte die katholische Kirche vor solchen Tests gewarnt, während die evangelische Kirche für eine Einführung unter Auflagen geworben hatte.

          Bei der Organspende hingegen gibt es eine breite ökumenischen Übereinstimmung. Den Ausgangspunkt der Argumentation bildet die Gottesebenbildlichkeit des Menschen: Gott hat den Menschen nach seinem Bilde geschaffen, deshalb kommt ihm eine besondere Würde und Autonomie zu. Das Ansinnen, den Staat einer Person auch ohne deren ausdrückliche Zustimmung Organe entnehmen zu lassen, bedeutet deshalb einen – nicht nur im übertragenen Sinn – tiefen Eingriff in die Selbstbestimmung über den eigenen Körper, der bei der Spende nach kirchlicher Auffassung noch nicht tot ist, sondern sich im Sterben befindet.

          Der Leiter des katholischen Büros in Berlin, Prälat Karl Jüsten, warnte deshalb, durch eine Widerspruchslösung würden „die Werte unserer Rechtsordnung“ umgekehrt. Aufbauend auf die Gottesebenbildlichkeit kommt ein ethisches Argument hinzu: Die Organspende soll, wie schon der Begriff „Spende“ nahelegt, eine freiwillige Tat sein. Die Kirchen argumentieren, eine „Liebestat“ könne nur aus Freiheit erfolgen, sonst sei sie keine Liebestat. In der Diskussion etwas zu kurz gekommen ist Prälat Jüsten, dass die Freiwilligkeit der Spende auch für die Empfänger von Organen bedeutsam sei. „Was macht das mit einem Menschen, wenn er befürchten muss, dass es möglicherweise gar keine Liebestat war?“

          Grundsätzliche religiöse oder moralische Zweifel gegenüber der Organspende gibt es aus kirchlicher Sicht jedoch nicht. Beide Kirchen haben effektivere Abläufe in den Kliniken zur Gewinnung von mehr Organen befürwortet. Sie ermutigen Christen, über eine Organspende nachzudenken und sprechen dabei auch offen mögliche Ängste hinsichtlich der Fortexistenz nach dem Tod an. Im Tod falle der „Leib des Menschen der Verwesung anheim“, während seine Seele „Gott entgegengeht“, heißt es im katholischen Katechismus. Auf evangelischer Seite wird diese Auffassung dem Sinn nach geteilt, auch wenn die Lehre von der Unsterblichkeit der Seele nicht von allen Theologen vertreten wird. Das ewige Leben umfasst allerdings nicht nur die Seele, sondern hat auch eine leibliche Dimension. Der Apostel Paulus spricht von einem „soma pneumatikos“, einem „geistigen Leib“, den der Mensch bei Gott haben wird. Die Organe auf Erden können demzufolge bedenkenlos gespendet werden.

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