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Ende des Gottesdienstverbotes : Kirchen? Nicht systemrelevant!

Auch künftig nur mit Mindestabstand: Im Mittelschiff des Kölner Doms Bild: dpa

Bald wird es überall wieder Gottesdienste geben. Doch ein Zurück zum status quo ante soll und darf es nicht geben. Aber wie und für wen sind die Kirchen überhaupt noch relevant?

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          Nun ist es gewissermaßen amtlich: Wie derzeit nur in Sachsen werden die Religionsgemeinschaften bald auch in allen anderen Ländern wieder öffentlich Gottesdienste feiern dürfen, der Trauer um Verstorbene gemeinschaftliche Ausdruck geben können und an den Wendepunkten des Lebens zur Stelle sein, wenn Menschen ihrer Hoffnung auf Beistand auf ihrem Lebensweg religiösen Sinn und kultische Form geben wollen. Jede andere Entscheidung der Bundesregierung beziehungsweise der vorrangig für Kultusangelegenheiten zuständigen Länder wäre nicht nur ein Affront sondergleichen gegen die religiösen Gefühle von Christen, Juden und Muslime gewesen. Eine Aufrechterhaltung des Versammlungsverbots hätte auch einer gerichtlichen Überprüfung kaum standgehalten. Zwar ist die grundgesetzlich verbürgte Freiheit der Religionsausübung in den vergangenen Wochen seitens des Staates mit guten Gründen eingeschränkt worden. Aber auch sie stand und steht unter dem Vorbehalt der Verhältnismäßigkeit. Diese aber war je länger, desto weniger gegeben.

          Diese grundrechtlich-formal orientierte Betrachtungsweise sollte jedoch nicht verdecken, dass es vor allem für die Kirchen noch lange kein Zurück zum status quo ante geben wird - und auch nicht darf. Sicher, dass sich die Christen an den Kar- und Ostertagen, immerhin den höchsten Feiertagen ihrer Religion, nicht zur gemeinsamen Feiern versammeln konnten, die Juden am Pessah-Fest die Synagogen nicht betreten konnten und in den Moscheen keine Gebete und - seit dem Beginn des Fastenmonats Ramadan - auch keine abendlichen Zusammenkünfte stattfinden durften, war ein Einschnitt, wie er vor kurzem de jure noch nahezu undenkbar erschienen wäre, hätte man ihn jemals überhaupt erwogen. De facto hätten sich an diesen Ereignissen die Gotteshäuser nach aller Erfahrung auch tatsächlich so gefüllt, wie es bei der Verbotsentscheidung unterstellt wurde. Doch sistiert waren nicht nur die Hochfeste, sondern auch die vielerorts nur noch trist anmutenden Sonntags- und Werktagsgottesdienste, in denen es keine staatlich festgelegten Abstandsregeln braucht, dass sich die Besucher in den Kirchenbänken verlieren.

          Wem schon bisher kaum der Sinn nach der räumlichen und leider auch oft inhaltlichen Leere in vielen Kirchen stand, der wird in den vergangenen Wochen nichts vermisst haben. Doch auch diejenigen, die Kirche noch immer als gemeinschafts- und sinnstiftende Sozialform des Glaubens erlebt haben, werden sich in den kommenden Wochen und Monaten noch umschauen. Die Vorschriften für die Feier der Gottesdienste, die in Bistümern und Landeskirchen in Kraft gesetzt wurden oder werden, haben zumeist fast prohibitiven Charakter. Chor- oder Gemeindegesang etwa wird es auf unabsehbare Zeit nicht geben (können). Motivierend ist das ebenso wenig wie die religiöse Unmusikalität von Politikern wie Bundeskanzlerin Merkel, der im März das Verbot von Gottesdiensten kein Wort des Bedauerns wert war. Krasser hätte sie nicht zum Ausdruck bringen können, dass Religionsgemeinschaften für diesen Staat nicht (mehr) systemrelevant sind.

          Ob darin auch eine Chance liegt, wird sich weisen. Sicher tragen die Kirchen mit ihren karitativen und diakonischen Einrichtungen auch und gerade in dieser Krisenzeit zum Wohl der gesamten Gesellschaft bei. Aber die verfassten Kirchen entwickeln sich mehr und mehr zu deren Hintergrundorganisationen. Das muss kein Schaden sein, wenn es denn gelingt, diese Einrichtungen so zu profilieren, dass sie kirchliche Identität und kulturelle Diversität miteinander verbinden - und die Kirchen im eigentlichen wie im übertragenen Sinn als Räume offen bleiben, um Transzendenzerfahrungen zu ermöglichen.

          Doch ob diese noch den Willen und die Fähigkeit dazu aufbringen, ist nicht gewiss. Im Bistum Trier etwa sind bis zum Herbst kirchliche Veranstaltungen jeder Art von Wallfahrten bis zu Exerzitien abgesagt worden. Deutlicher kann man nicht zum Ausdruck bringen, dass man sein eigenes Tun auch im existenziellen Sinn für irrelevant hält.

          Daniel Deckers

          in der politischen Redaktion verantwortlich für „Die Gegenwart“.

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