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Reformationsjahr : Mehr Luther wagen

Mit seinen Spaltungen hat Luther viele Wunden geschlagen, aber auch neue Perspektiven gegeben. Bild: dpa

Dem Reformationsjahr fehlt eine offene Debatte über die Strukturen der Kirche und den Glauben in der Moderne. Stattdessen macht es sich die Kirche bequem.

          3 Min.

          Gegen Martin Luther sind im Verlauf der vergangenen fünfhundert Jahre viele Vorwürfe erhoben worden. Eines allerdings hat sich der Reformator noch nie vorhalten lassen müssen: dass er langweilig sei. Mit den großen 500-Jahr-Feierlichkeiten, die heute beginnen, könnte sich das ändern. Der Reformator, der zum Jubiläum präsentiert wird, bleibt trotz achtjähriger Vorbereitungen eigenartig profillos. Der Luther des Jahres 2017 läuft Gefahr, als Langweiler vor dem Herrn in die Geschichtsbücher einzuziehen.

          In zahllosen Gremiensitzungen haben Kirche und Staat das Bild eines politisch glatten Reformators entworfen, der niemandem weh tun soll. Das Reformationsjubiläum soll „ökumenisch“ und „international“ gefeiert werden. All die Wunden, die Luther in seinem bewegten Leben gerissen hat, sollen 2017 geheilt werden – bei Papisten, Juden, Türken, Frauen, Bauern und den vielen anderen, denen er seine gruppenbezogenen Grobheiten entgegenschleuderte und deren Auflistung den Rahmen dieses Artikels sprengen würde.

          Leidenschaftlicher Spalter

          Die Organisatoren 2017 klammern sich deshalb eisern an ihr heimliches Veranstaltungsmotto „Versöhnen statt spalten“. Für Johannes Rau mag das einst ein trefflicher Wahlspruch gewesen sein, doch auf Martin Luther passt er nicht. Denn der Reformator war ein leidenschaftlicher Spalter. Nicht nur, dass er im Ergebnis die Christenheit gespalten hat. Das Spalten, Trennen und Unterscheiden war Luthers Weg, sich die Welt anzueignen und trotz aller Rätsel und Abgründe in ihr zurechtzukommen. Und Luther genoss es, seine Unterscheidungen mit verbaler Wucht in die Welt zu schleudern: Gesetz und Evangelium, Glauben und Werke, sichtbare und unsichtbare Kirche, geistliches und weltliches Regiment.

          Mit seinen Unterscheidungen hat Luther Breschen geschlagen, gesellschaftlich neue Räume eröffnet, aber den Menschen, das vor allem, neue Perspektiven auf sich selbst gegeben und ihre Selbstwahrnehmung geschärft. Bis heute sind es Luthers Unterscheidungen, die groben Pflöcke wie seine haarfeinen Schnitte, in denen die Reformation wirksam bleibt.

          Symbolfigur für Wahrhaftigkeit und Eigenverantwortung

          2017 verstummt diese Stimme hinter all den freundlichen Gesten, den ausgestreckten Händen, Historisierungen und Relativierungen. Man würde es sich jedoch zu leicht machen, die Schuld allein den Jubiläumsdesignern in den Kirchenämtern zuzuschieben. Sie haben ihren Luther nur vorauseilend einer Gesellschaft angepasst, die ihren Konformitätsdruck längst ins Historische ausgeweitet hat.

          Und es stimmt ja: Luther konnte nicht nur grob, sondern auch falsch und unfair urteilen. Dennoch genießt er weiter viele Sympathien für seinen Mut, Dinge beim Namen zu nennen und für seine Auffassung einzustehen. Martin Luther ist eine Symbolfigur für Wahrhaftigkeit, für Eigenverantwortung und den Anspruch auf Mitsprache geworden, weit über den religiösen Bereich hinaus.

          Diskussion über Europas Zukunft

          Die unangenehmen Fragen, die sich aus diesem Erbe Luthers ergeben, sollen im Jubiläumsjahr jedoch weiträumig umgangen werden. Das gilt einmal für den Raum der Politik. Luther, ja der Reformation überhaupt, ist ein Hang zum Partikularismus zu eigen, eine Tendenz, lieber kleinere Lösungen ins Werk zu setzen, die funktionieren, statt mit ungewisser Aussicht zu warten, bis sich das große Ganze ändert.

          Den Jubiläumsplanern steht insbesondere vor Augen, welcher europapolitische Sprengstoff darin verborgen liegt. Ein wirklich aufgeklärtes Jubiläum würde dennoch diese Seite der Reformation nicht einfach negieren, sondern die Unterscheidungskraft aufbringen, nach dem berechtigten Kern des Beharrens auf funktionierenden Institutionen zu fragen und offen darüber zu diskutieren, wie sich etwa Europa ändern müsste, um diesem Anspruch zu genügen.

          Fehlende Debatte über ein modernes Christentum

          Mit Blick auf die Kirche ist der Zusammenhang zwischen Luthers reformatorischen Einsichten und einer Reform der Organisation noch deutlicher. Frühere Reformationsjubiläen gaben deshalb auch Anlass zur abermaligen Umgestaltung der Kirche. Als EKD-Ratsvorsitzender hatte Wolfgang Huber mit seinem Programm „Kirche der Freiheit“ für 2017 Ähnliches im Sinn. Doch seine Nachfolger bremsten das Programm aus. Inzwischen hat es sich die Kirche in ihren allzu sichtbaren Strukturen wieder bequem gemacht. Luthers Mut, überfällige Veränderungen anzugehen, fehlt ihr.

          Ähnliches gilt auch auf inhaltlicher Ebene. Die religiösen Fragen, denen Luthers eigentliche Aufmerksamkeit galt, stellen sich auf andere Weise als vor 500 Jahren. Luther hatte das Christentum wieder auf Augenhöhe mit seiner Zeit geführt. Doch damals hatten, wie Nietzsche es später formulierte, die Menschen die Erde auch noch nicht von ihrer Sonne losgekettet. In den Diskussionen über das Reformationsjubiläum, in denen vor allem die Kirchenhistoriker den Ton angeben, sucht man auch nach einer offenen Debatte über das Verhältnis von Christentum und Moderne bisher vergebens.

          Reinhard Bingener
          Politischer Korrespondent für Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Bremen mit Sitz in Hannover.

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