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Kindesmissbrauch : Eine ernüchternde Bilanz

Matthias Katsch, Sprecher der Betroffeneninitiative Eckiger Tisch e.V., Johannes-Wilhelm Rörig, Unabhängiger Beauftragter der Bundesregierung für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, Regisseurin Caroline Link und Silke Noack, Leiterin des Hilfetelefons Sexueller Missbrauch Bild: dpa

Vor zehn Jahren wurde der Missbrauchsskandal am Berliner Canisius-Kolleg öffentlich. Obwohl Tausende Kinder Opfer sexuellen Missbrauchs wurden, wird das Thema immer noch nicht ernst genug genommen.

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          Auf dem Rechner waren lauter Missbrauchsabbildungen von Kindern zu finden. Das hat eine Lehrerin, die ihren Rektor für einen Tag vertreten hat, nach der Arbeit an seinem Bildschirm berichtet. „Kann das wirklich sein“, mag sie in ihrer Ratlosigkeit gefragt haben und rief beim Hilfetelefon für Sexuellen Missbrauch an. Das Hilfetelefon ist eine Einrichtung des Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs.

          Heike Schmoll

          Politische Korrespondentin in Berlin, zuständig für die „Bildungswelten“.

          Ein verzweifelter Vater meldete sich und erzählte davon, dass der Eishockeytrainer seinen Sohn missbraucht habe. Der Trainer des Sohnes war ein Freund der Familie, der gemeinsame Sommerurlaub mit ihm und seiner Familie stand bevor. 100.000 solcher Anrufe sind in den vergangenen zehn Jahren beim Hilfetelefon eingegangen, wie dessen Leiterin Silke Noack am Dienstag in Berlin berichtete. 45 Prozent der Anrufer waren Erwachsene, die häufig zum ersten Mal über ihre Missbrauchserfahrungen in der Kindheit sprechen wollten. 40 Prozent der Anrufer waren Angehörige von Kindern und Jugendlichen, bei denen sie Missbrauch vermuteten und 15 Prozent Fachkräfte, die in ihrem beruflichen Kontext Rat und Unterstützung beim Hilfetelefon suchten.

          Fernsehspot „Anrufen hilft“

          Beraten werden sie von 21 Männern und Frauen, die psychologisch oder pädagogisch ausgebildet sind und jahrelang Erfahrung in Beratung und Begleitung bei sexuellem Missbrauch haben. Die betroffenen Kinder und Jugendlichen zwischen 14 und 18 Jahren nehmen das Hilfetelefon bisher so gut wie nicht in Anspruch. Das soll sich jetzt durch den neuen Fernsehspot „Anrufen hilft“ ändern, den die Regisseurin Caroline Link produziert hat. Link ist die Regisseurin der Filme „Nirgendwo in Afrika“ und „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“. In dem Spot sind nachdenkliche, verängstigte Kindergesichter zu sehen, die Fragen stellen wie „darf er das“, „bin ich schuld“, „warum macht sie das“? Der Spot läuft im Fernsehen, in Kinos und in sozialen Netzwerken.

          „Die Gesellschaft muss erkennen, dass es sich um ein Megathema handelt, das alle angeht“, sagte der Unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs Johannes-Wilhelm Rörig im Hinblick auf die 200.000 bis eine Million Betroffenen.

          Der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung Johannes-Wilhelm Rörig
          Der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung Johannes-Wilhelm Rörig : Bild: dpa

          Zehn Jahre nachdem der Missbrauchsskandal am Canisius-Kolleg in Berlin öffentlich wurde, zog er eine ernüchternde Bilanz. Sexuelle Gewalt gegen Kinder und Jugendliche werde von Teilen der Gesellschaft noch immer viel zu gelassen hingenommen, obwohl Tausende von Kindern im Jahr Opfer sexuellen Missbrauchs, sexuellen Mobbings, Cybergroomings oder von Kinderpornographie würden. Die Polizeiliche Kriminalstatistik verzeichnet jährlich über 20.000 Fälle sexuellen Kindesmissbrauchs und Missbrauchsabbildungen von Kindern. Hinzu kämen Tausende von Fällen im Dunkelfeld.

          Zwar ist es immerhin gelungen, im Jahr 2012 das Bundeskinderschutzgesetz in Kraft zu setzen und die Verjährungsfristen bei Kindesmissbrauch zu verlängern, doch das genügt dem Missbrauchsbeauftragten nicht. Rörig forderte einen Pakt der uneingeschränkten Unterstützung aller Bürger, des Bundes, der Länder und Kommunen, der politischen Parteien, der Zivilgesellschaft wie Kirchen, Wohlfahrt, Sport, aber auch des Gesundheitswesens und der Internetwirtschaft. Das Ziel müsse eine „maximale Reduktion“ der Missbrauchsfälle sein. Jugendämter, Fachberatungsstellen und Ermittlungsbehörden müssten personell und finanziell besser ausgestattet sein, sagte Rörig.

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