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Kinderpornoverdacht an der Odenwaldschule : Mundtote Opfer

Kaum aus den Schlagzeilen heraus: Mahntafeln an der Odenwaldschule im Kreis Bergstraße, wo neue Vorwürfe gegen einen Lehrer erhoben werden Bild: dpa

An der Odenwaldschule soll ein Lehrer Kinderpornos besessen haben. Manche Opfervertreter fordern nun die Schließung der Schule, andere halten das für scheinheilig.

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          Kaum schien die Odenwaldschule zur Ruhe gekommen zu sein, ist sie abermals in die Schlagzeilen geraten. Wie am Wochenende bekannt wurde, steht ein Lehrer für Physik, Chemie und Mathematik in dem Verdacht, im Besitz von Kinderpornographie gewesen zu sein. Offenbar bekam die Darmstädter Staatsanwaltschaft einen Hinweis aus Australien, wo die Behörden seit langem gegen einen international agierenden Kinderpornoring ermitteln.

          Heike Schmoll

          Politische Korrespondentin in Berlin, zuständig für die „Bildungswelten“.

          Bei einer Wohnungsdurchsuchung hatte die Polizei am 9. April elektronische Datenträger und persönliches Material sichergestellt. Der Lehrer, der erst seit August 2011 an der Schule arbeitet, also bei seiner Einstellung wegen des Missbrauchsskandals schon ein erweitertes polizeiliches Führungszeugnis und eine Selbstverpflichtungserklärung einreichen musste, ist von der Schule sofort freigestellt worden.

          Das Leitungsteam der Schule (Schulleiter, Internatsleitung und Geschäftsführung) informierte unverzüglich die Schul- und Heimaufsicht, also das staatliche Schulamt und das Jugendamt, außerdem schaltete es Elternvertreter, Ombudsleute und die Präventionsbeauftragte im Trägerverein ein. An die Öffentlichkeit konnte die Schule nach eigenem Bekunden erst dann gehen, als zwei Anhörungstermine für den Verdächtigten verstrichen waren, andernfalls wären Abmahnungen und fristlose Kündigung nicht gerichtsfest gewesen. Die zweite Anhörung war für Mittwoch vergangener Woche angesetzt und ebenso ergebnislos verstrichen wie die erste.

          Familienprinzip immer wieder in der Kritik

          Inzwischen hat die Odenwaldschule dem Lehrer fristlos gekündigt und ihm Hausverbot erteilt. In den Osterferien bekam er Gelegenheit, seine Dienstwohnung auf dem Schulgelände zu räumen und sein Postfach zu leeren. Gemeinsam mit einer anderen Lehrerin hatte er eine familienanaloge Wohngruppe betreut, wohnte aber zu keinem Zeitpunkt mit Schülern in einer gemeinsamen Wohnung zusammen. Das sogenannte Familienprinzip an der Odenwaldschule steht seit dem Missbrauchsskandal immer wieder in der Kritik. Es wurde nicht abgeschafft, aber zusätzlich gesichert. So gilt für alle Entscheidungen über Schüler das „Vier-Augen-Prinzip“. Eine von einem Lehrer allein betreute Wohngruppe gibt es nicht mehr. Dennoch weckt der Fall üble Erinnerungen an den früheren Musiklehrer Held, der die mit ihm zusammenwohnenden männlichen Schüler nicht nur regelmäßig missbrauchte, sondern auch noch pornographische Aufnahmen von ihnen anfertigte.

          Nach ihrem bisherigen Erkenntnisstand habe es bei dem jetzigen Fall jedoch keine Übergriffe auf Schüler gegeben, sagte die externe Missbrauchsbeauftragte des Trägervereins, Regina Bappert, am Montag dieser Zeitung. Allerdings wisse sie, „dass keine mit Kindern und Jugendlichen arbeitende Institution davor gefeit ist, dass sich Mitarbeiter bewerben, die sich Kindern gegenüber grenzverletzend verhalten“, sagte sie vor dem Hintergrund von umfangreichen Präventionsschritten, die an der Schule seit Bekanntwerden der Missbrauchsfälle üblich sind.

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