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Streit über Schadstoffe : Kinderpneumologen weisen Zweifel zurück

  • Aktualisiert am

Stau in Stuttgart Bild: dpa

Sind die Grenzwerte für Stickoxide und Feinstaub zu niedrig, gar ohne wissenschaftliche Grundlage, wie manche Lungenärzte behaupten? Die Gesellschaft für Pädiatrische Pneumologie hält dagegen.

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          Die Gesellschaft für Pädiatrische Pneumologie (GPP) hat sich in die Debatte über die Bewertung von Luftschadstoffen und deren Grenzwerte eingeschaltet. Sie weist die Stellungnahme von etwa hundert Lungenfachärzten um den emeritierten Professor Dieter Köhler zurück, der zufolge die geltenden Grenzwerte für Stickoxide und Feinstaub auf unklarer wissenschaftlicher Grundlage basieren und ausgesetzt werden sollten.

          In einer Stellungnahme heißt es: „Der Vorstand der GPP unterstützt die Grenzwert-Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation WHO. Diese Grenzwerte sind von internationalen Expertenteams auf Basis der weltweit verfügbaren Literatur zu den Auswirkungen von Luftschadstoffen auf die Gesundheit festgelegt worden.“ Die Gesundheitsfürsorge für besonders gefährdete Gruppen – Kinder und Jugendliche, schwangere Frauen, ältere Menschen sowie Patienten mit chronischen Lungenerkrankungen – sei ein wichtiger Aspekt bei der Risikobewertung. „In der aktuellen Debatte wird die Schutzwürdigkeit dieser besonders gefährdeten Gruppen häufig nicht erwähnt. Damit wird das Prinzip der Schadensvermeidung als Kernelement ärztlicher Handlungsethik ignoriert.“

          „Zweifel ohne Belege sind unseriös“

          „Als Wissenschaftler stehen wir in der Pflicht, unsere Erkenntnisse zu hinterfragen, unsere Ergebnisse kritisch zu diskutieren und unsere Methoden des Erkenntnisgewinns kontinuierlich zu verbessern“, formuliert der GPP-Vorstand, dem zwölf Mediziner angehören. „Wissenschaftliche Aussagen pauschal in Frage zu stellen, ohne hierfür Belege anzuführen, ist unseriös. Wer öffentlichen Zweifel an dem gesundheitsschädlichen Potential von Luftschadstoffen sät, ohne hierfür wissenschaftliche Arbeiten zu zitieren, verletzt die Grundsätze ärztlich-wissenschaftlichen Handelns.“

          Die GPP ist eine wissenschaftliche Fachgesellschaft, die mehr als 900 kinderpneumologisch tätige Ärztinnen und Ärzte in Deutschland, Österreich und der Schweiz vertritt. Der emeritierte Professor Köhler behauptet seit Jahren, dass praktisch alle derzeitigen epidemiologischen und toxikologischen Studien, die den Grenzwertempfehlungen zugrunde liegen, „ideologisiert“ und damit falsch interpretiert worden seien. Die aktuelle Debatte über die Stickoxid-Grenzwerte, deren Überschreitung zu Diesel-Fahrverboten führt, hatte Köhler in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt. Vergangene Woche hatte er eine Liste mit 112 Unterstützern veröffentlicht; die meisten von ihnen sind Lungenfachärzte.

          Auch Umweltepidemiologen wenden sich gegen Köhlers Vorwürfe. In einer Kurzexpertise mit dem Titel „Die Rolle der Luftschadstoffe für die Gesundheit“ im Namen der Internationalen Gesellschaft für Umweltepidemiologie (ISEE) und der European Respiratory Society (ERS) werden etliche von Köhlers in diversen Talkshows vorgebrachten Argumente inhaltlich begründet zurückgewiesen. Etwa jenes, dass alle Raucher binnen Monaten sterben müssten, wenn die Schadstoffe tatsächlich so gefährlich wären, da sie eine Dosis inhalierten, die millionenfach über dem Grenzwert liege. Die zehn Autorinnen und Autoren der Expertise führen dagegen aus, dass beim Rauchen Dosis und Wirkung nicht linear zusammenhingen. Statt dessen lasse die zusätzliche Belastungswirkung mit steigender Dosis nach. „Das Risiko für einen Herzinfarkt unterschiedet sich kaum, ob jemand fünf oder zwanzig Zigaretten täglich raucht“, heißt es in dem Papier. „Trotz großem Unterschied in der Dosis haben beide Raucher im Vergleich zu einem Nichtraucher ein ca. 100 Prozent erhöhtes Risiko für einen Herzinfarkt. Trotz der viel geringeren Dosis erhöht regelmäßiges Passivrauchen das Herzinfarktrisiko um ca. 50 Prozent im Vergleich zu unbelasteten Personen. Eine Langzeitbelastung von zusätzlichen 5 Mikrogramm je Kubikmeter Feinstaub erhöht die Wahrscheinlichkeit für einen Herzinfarkt um ca. 10 Prozent.“

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