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Kinderarmut in Deutschland : Die Ware Zahlen

  • -Aktualisiert am

Graf Zahl: Meister aller Zahlen aus der „Sesamstraße” Bild: Thilo Rothacker

Die OECD hat 2009 mitgeteilt, dass 16 von hundert deutschen Kindern arm sind. Vor kurzem hieß es: stimmt nicht. Für Armut in Deutschland gibt es zwei Konfektionsgrößen. Und mit den Zahlen wird Politik gemacht. Wie kann das sein?

          6 Min.

          Kinder, die in Armut leben, gibt es doch nur in Afrika. Von wegen! Bis vor kurzem war es amtlich, dass mehr als 16 von hundert deutschen Kindern arm sind. Mitgeteilt hatte das im Jahre 2009 die OECD, die Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, der Inbegriff für Seriosität und Wahrheitsverkündung. Die zugrunde liegenden Daten hatte das DIW erhoben, das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung. Damit war klar, dass es in Deutschland weit mehr arme Kinder gibt als im OECD-Durchschnitt. Das kam ausgerechnet kurz vor einer Bundestagswahl ans Licht.

          Eckart Lohse

          Leiter der Parlamentsredaktion in Berlin.

          Doch dann die Überraschung: Vor zwei Wochen überschlugen sich die Meldungen, dass die Horrorzahlen gar nicht stimmten. Verbunden mit gegenseitigen Schuldzuweisungen teilten OECD und DIW mit, dass die Quote armer Kinder viel niedriger sei, als bisher angenommen und als in vielen andern OECD-Ländern. Ist das einfach eine neue Wahrheit, die über Nacht eingetreten ist? Oder ist das Wahre eigentlich nur die Ware? Die Ware Zahlen?

          Für Armut in Deutschland gibt es zwei Konfektionsgrößen. Für die einen liegt die Armut jenseits von fünfzig Prozent des mittleren Haushaltseinkommens: Wer weniger als die Hälfte dessen verdient, was seine Mitmenschen im Schnitt beziehen, der ist arm. Nach diesem Maßstab sind es derzeit 8,3 von hundert Kindern. Für andere beginnt Armut schon bei sechzig Prozent vom Mittelmaß. Legt man diese Grenze fest, landet man bei mehr als 16 Prozent armer Kinder. Die passenden Daten dafür liefert das Sozio-oekonomische Panel (Soep), das zum DIW gehört. Die Oppositionsparteien greifen meistens beim hohen Ergebnis zu, die Regierenden nahmen in der Vergangenheit sowohl die höheren als auch die niedrigeren Zahlen.

          Zahl, Problem, Lösung

          Statistiken gehorchen den Gesetzen von Angebot und Nachfrage. Oder, wie es der Soep-Wissenschaftler Markus Grabka einmal formuliert hat: „Studien, die kein politisch genehmes Ergebnis zeigen, verschwinden öfter in der Schublade.“ Mit Zahlen kann man Politik machen: Zahl, Problem, Lösung. Anhand der Soep-Zahlen hatte Ursula von der Leyen (CDU) 2008 als Bundesfamilienministerin ein Dossier über Armutsrisiken herausgegeben und die „Armutsreduktion durch das Kindergeld“ errechnen lassen. Dafür kamen ihr die hohen Zahlen durchaus zupass.

          Zur selben Zeit gab der damalige Bundesarbeitsminister, der Sozialdemokrat Olaf Scholz, einen Bericht heraus, in dem die Kinderarmut in Deutschland viel geringer ausfiel. Nur 12 Prozent waren demnach armutsgefährdet. Das regte viele auf. Die Grünen warfen Scholz vor, die Zahlen manipuliert zu haben. Grabka vom Soep kritisierte, Scholz habe nur die positiven Ergebnisse präsentiert und die höheren Armutszahlen, die das Soep doch bereitgestellt habe, weggelassen. Ein Jahr später, im Herbst 2009, krachte dann der OECD-Bericht mitten in den Bundestagswahlkampf.

          Woher kam dieser Zahlensalat? Das Soep am DIW hat vor zwei Jahren ein neues Messverfahren eingeführt und damit völlig veränderte Zahlen zur Armut geschaffen. Alle Daten wurden rückwirkend neu berechnet. Die Kinderarmut ist schlagartig gesunken. Von 16,3 auf zehn Prozent in 2005, dem Jahr, auf das sich Scholz in seinem Bericht bezog. Die OECD hingegen nutzte zunächst trotzdem noch die alten Zahlen.

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