https://www.faz.net/-gpf-6znc5

Kinder von Wehrmachtssoldaten : Moffenkinder nannte man uns

Bild: Illustration Kat Menschik

Sie sind die Söhne und die Töchter von Wehrmachtssoldaten. Als sie in den Niederlanden aufwuchsen, wussten sie nicht, wer ihre Väter waren. Alle anderen aber tuschelten: Drei erzählen von ihrem Schicksal.

          9 Min.

          Monika Diederichs

          Andreas Ross
          Verantwortlicher Redakteur für politische Nachrichten und Politik Online.

          Meine Tante hat mich „Moffenkind“ genannt. Ich verstand das nicht. Damals kannte man ja noch diese gemütlichen Handwärmer, die hießen „moffen“. Aber so, wie meine Tante es sagte, klang es gemein. Das war nicht das einzige Rätsel meiner Kindheit. Wenn wir bei meiner deutschen Oma waren, gingen wir jeden Tag auf den Friedhof, und da stand mein Name auf einem Grabstein! Ich konnte ja kein Deutsch, und meine Oma sprach natürlich kein Niederländisch. Ich wusste nicht, dass Aloys Diederichs, der dort begraben lag, mein leiblicher Vater war. Und ich konnte nicht lesen, was genau in den Stein gemeißelt war: nämlich, dass er eine Tochter namens Monika hinterlasse. Das war ich, geboren im Juli 1945.

          Dass drei Omas eigentlich eine zu viel sind, fiel mir als Kind auch nicht auf. Ich war wahnsinnig gern in Heimbach-Weis, das heute zu Neuwied gehört. Allein schon das Kaffeetrinken nachmittags um vier - das ist sowieso das Beste an Deutschland. Ich war schon dreizehn, als ich einmal allein durch das Haus lief und in einem Zimmer das eingerahmte Foto eines Jungen sah. Ich dachte, ich schaute in einen Spiegel! Auf einmal ergab alles Sinn. Das war ein Kinderfoto meines Vaters. Aber ich habe niemandem etwas gesagt. Erst als ich älter war, hat meine Mutter mir gestanden, dass Papa gar nicht mein echter Papa sei, sondern dass mein Vater Ali genannt wurde, in der Wehrmacht gekämpft hatte und 1947 gestorben war. „Ich will keinen Moffen-Vater“, rief ich.

          Ich habe auch danach mit niemandem darüber gesprochen. Vor kurzem hat mich meine Mutter angerufen, sie lebt seit 55 Jahren im selben Wohnviertel von Amsterdam. Sie sagte: „Ich habe es gesagt.“ Was hast du gesagt? „Das mit dir und Ali.“ Wem hast du es gesagt? „Den Nachbarn. Aber sie wussten es schon.“ Ich war Mitte vierzig, als ich erstmals im Radio etwas über Kinder von Wehrmachtssoldaten hörte. Bis zum Anfang der neunziger Jahre habe ich gemeint, ich wäre das einzige Kind mit einem Vater aus der Wehrmacht. Dabei habe ich sogar Geschichte studiert.

          So kam mir die Idee mit der Doktorarbeit. Ich durchforstete die Archive, aber ich fand nichts. Nur ein paar Fotos von Frauen, die nach Kriegsende 1945 in niederländischen Städten auf offener Straße kahlrasiert wurden, weil man sie als „Moffen-Huren“ beschimpfte. Ich ging auf die Suche und habe schließlich mit 56 Frauen sprechen können, die sich während der Besatzung mit deutschen Soldaten eingelassen hatten. Viele kommen heute noch ins Schwärmen, wenn sie ans Kennenlernen zurückdenken: Die Deutschen waren exotisch für viele Niederländer, man traf damals ja nicht jeden Tag einen Ausländer. Und so fern der Heimat wirkten viele Wehrmachtssoldaten offenbar sehr romantisch auf junge niederländische Frauen. Die Besatzer traten in den Niederlanden ja anfangs nicht so brutal auf wie anderswo. Die Nazis sahen in uns ein „Brudervolk“.

          Als ich fertig war mit den Interviews, sagten mir die Professoren, sie taugten nicht für eine Doktorarbeit, weil ich die Frauen nur verteidigen wolle. Ich glaube, es gibt hier immer noch zu große Vorbehalte, um das Thema offen angehen zu können. Ich habe das Buch trotzdem veröffentlicht. Meine Mutter hat es nicht gelesen. Aber sie hat mir alles erzählt.

          Weitere Themen

          Pro-Palästinenser-Demo in Berlin Video-Seite öffnen

          Nahostkonflikt : Pro-Palästinenser-Demo in Berlin

          Rund 200 Unterstützer der Palästinenser marschierten am Samstag bei einer genehmigten Demonstration vom Berliner Hermannplatz zum Oranienplatz. Der 15. Mai ist für Millionen Palästinenser und ihre Unterstützer auf der ganzen Welt auch der Tag der Nakba, was auf Arabisch „Exodus“ bedeutet.

          Zurück ins Hotel Mama

          Raus aus den Studentenbuden : Zurück ins Hotel Mama

          Studieren und bei den Eltern wohnen – was mal als Nesthocken galt, ist im Pandemiealltag oft eine vernünftige Lösung. Glücklich macht sie aber nur bedingt.

          Topmeldungen

          Bislang schlug Palmer alle Bitten, von Facebook mal die Finger zu lassen, in den Wind.

          Boris Palmer : Und immer wieder lockt Facebook

          Der grüne Oberbürgermeister von Tübingen hat seine Partei schon oft provoziert. Doch dieses Mal ist er zu weit gegangen. Warum?
          Abhängig von Energie: Rauchende Schornsteine der ThyssenKrupp Stahlwerke in Duisburg (Archivbild)

          Gesetz gegen Erderwärmung : Entzug für das Klima

          Deutschland giert nach fossilem Brennstoff wie ein Schnapsbruder nach Likör. Berlin plant jetzt den Radikalentzug. Aber wer zahlt die Rechnung?

          Klimapaket : „Jetzt reicht’s!“

          Die Industrie will sich nicht länger als Umweltsünder beschimpfen lassen. Hildegard Müller und Karl Haeusgen, oberste Vertreter von Autobranche und Maschinenbau, wehren sich gegen das Klimapaket der Bundesregierung.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.