https://www.faz.net/-gpf-7lzh6

Kiel : Wie aus Käse Gold wird

  • -Aktualisiert am

Alles Käse, aber nicht jeder Schimmel ist willkommen – nicht einmal in der Kantine des Kieler Landwirtschaftsministeriums. Bild: Sick, Cornelia

Ein verschimmelter Käse in einer Kieler Kantine rief die Lebensmittelbehörde auf den Plan. Die Inspekteure förderten Erstaunliches zutage.

          Dass Kieler Lebensmittelinspekteure ausgerechnet in einer Kantine auf Unappetitliches stießen, mag niemanden erstaunen. Überraschender war die Herkunft des beanstandeten Lebensmittels, eines angeschimmelten Käses: Der Kantinenbetreiber hatte es dem schleswig-holsteinische Ministerium für Energiewende, Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume (Melur) abgekauft.

          Wie Nachforschungen der Inspekteure ergaben, verkaufte das Ministerium mindestens seit 1988 die Reste von Käselaiben und Butterblöcken, die regionale Bauern zwecks Qualitätsprüfung an das Ministerium gesandt hatten, an die Kieler Kantine, anstatt sie vorschriftsgemäß zu entsorgen. „Bewusst einkaufen kann jeder“, haben sich die Verantwortlichen des Melur wohl gedacht, gemäß ihrer Kampagne gegen Lebensmittelverschwendung.

          Pikant an der ministerialen Resteverwertung ist allerdings, dass die lokalen Molkereien die Milchprodukte kostenlos zur vorgeschriebenen Prüfung einsenden mussten, das Ministerium sie aber an die Kantine für gutes Geld verkaufte – mit rund 2000 Euro Gewinn im Jahr. „Das geht gar nicht, dass das Ministerium sich unseren Käse versilbert“, sagt Ulrich Gullon, Geschäftsführer der Milcherzeugervereinigung Schleswig-Holstein. Zudem sei es unhygienisch, wenn die Produkte im Labor ausgepackt würden.

          „Persönlich verstörend“

          Dieser Meinung waren auch die Lebensmittelinspekteure und schalteten die Staatsanwaltschaft in Kiel ein. Nun ermittelt diese wegen möglicher Verstöße gegen das Lebensmittelgesetz. „Neben der Gefahr der Kontamination im Labor sind auch die unklaren Transport- und Kühlwege der Lebensmittel problematisch“, sagt Ingo Plewka, Oberstaatsanwalt in Kiel. „Eine Verbrauchergefährdung hat zu keinem Zeitpunkt bestanden“, sagt jedoch die Pressesprecherin des Melur. Dennoch habe das Ministerium den Käse- und Butterverkauf natürlich sofort gestoppt, als der Rechtsverstoß bemerkt worden sei.

          Nun landen die Reste der Milchprodukte wieder im Müll. Eine Tatsache, die Robert Habeck (Die Grünen), Umweltminister in Schleswig-Holstein und damit Vorsteher des Melur, „persönlich verstörend“ findet. Man prüfe nun Optionen, um die Reste im Rahmen der geltenden Vorschriften verwenden zu können, sagt die Pressesprecherin des Melur. Erst müsse man aber die Ermittlung der Staatsanwaltschaft Kiel abwarten. Protest von den Kantinenbesuchern ist kaum zu erwarten: Es sind die Ministeriumsmitarbeiter selbst; die Kantine befindet sich im Hause.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Ashton Applewhite

          Altersdiskriminierung : „Man kann nicht jung bleiben“

          Die Amerikanerin Ashton Applewhite kämpft gegen eine Form der Diskriminierung, über die kaum jemand spricht, obwohl sie jeden irgendwann treffen wird. Ein Gespräch über Altersdiskriminierung.
          Schlechte Laune im Osten? Das stimmt nicht so ganz.

          Ostdeutschland : Woher die schlechte Laune?

          Steht es dreißig Jahre nach dem Ende der DDR wirklich so schlimm mit der deutschen Einheit und dem Osten? Nein. Die krasse Fehleinschätzung hat auch etwas mit denen zu tun, die heute die politische Meinung im Osten mitprägen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.