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Kevins Leiden : Chronik eines tödlichen Versagens

Blumen und Stofftiere im Gedenken an den toten Kevin Bild: ddp

Der Leidensweg des kleinen Kevin ist genau dokumentiert: Entgiftung, Mißhandlung, Gewichtsverlust, Heimaufenthalt und Knochenbrüche. Nach dem grausamen Tod des kleinen Jungen sind die Bremer Behörden ins Visier der Ermittler geraten. FAZ.NET-Spezial.

          6 Min.

          Seit Tagen quält Jens Böhrnsen eine Frage: „Hättest Du nicht noch öfters nach Kevin fragen müssen?“ Als Bremens Bürgermeister am 18. Januar seine Sozialsenatorin in einem persönlichen Gespräch auf das Schicksal des kleinen Kevin aufmerksam macht und sie eindringlich bittet: „Karin, kümmerst Du Dich in besonderer Weise um diesen Fall?“, kann er nicht ahnen, daß der kleine Junge trotz höchster politischer Intervention fast neun Monate später von Polizisten tot in einem Kühlschrank in der Wohnung seines heroinsüchtigen Vaters Bernd K. gefunden wird. Eingewickelt in eine Decke und drei Müllbeutel.

          Thomas Holl

          Redakteur in der Politik.

          Der am Donnerstag veröffentlichte vorläufige Obduktionsbericht läßt erahnen, was Kevin seit seiner Geburt am 23. Januar 2004 erleiden mußte. Der linke Oberschenkel, das rechte Schienbein und der linke Unterarm sind gebrochen, auf dem Schädel finden sich Blutungen (Siehe auch: Kindesmisshandlungen: Vernachlässigt, geschlagen, verhungert, getötet“).

          „Das durfte niemals passieren“

          „Niemand ist mehr auf den Schutz des Staates angewiesen als Kinder in Not. Es ist ein tragisches, es ist ein unverzeihliches Versagen, daß Kevin sich nicht auf diesen Schutz verlassen konnte. Das durfte niemals passieren.“ In einer Pressekonferenz nach dem Rücktritt der zuständigen Sozialsenatorin Karin Röpke hatte der erst seit einem Jahr als Nachfolger Henning Scherfs amtierende SPD-Politiker in seltener Offenheit das vollständige und schwer nachvollziehbare Versagen von Politik und Behörden in diesem Fall eingestanden: Trotz vielfacher Hinweise, Warnungen, richterlicher Beschlüsse und Aktenvermerken starb ein Kind unter der Vormundschaft des Jugendamtes auf grausame Weise.

          Fassungsloses Schweigen bei den Nachbarn
          Fassungsloses Schweigen bei den Nachbarn : Bild: dpa

          Denn anders als im Fall der sieben Jahre alten Jessica, die vor zwei Jahren bis auf 9,5 Kilogramm abgemagert verhungert in der Wohnung ihrer Eltern im Hamburger Problemstadtteil Jenfeld gefunden wurde, wußten die zuständigen Mitarbeiter des Bremer Jugendamtes seit mehr als zwölf Monaten um die Gefährdung Kevins durch den eigenen Vater und entschieden sich doch mehrfach gegen eine lebensrettende Unterbringung im Heim oder bei einer Pflegefamilie. (Siehe auch: Kevins Tod: Von der Leyen fordert „Frühwarnsystem“)

          Vielfache Hinweise ignoriert

          Anders auch als in Hamburg war im Fall Kevin sogar der Bürgermeister auf die akute Notlage des Kindes aufmerksam geworden und hatte sich eingeschaltet. Als Mitglied des gemeinnützigen Lions Club, der als Trägerverein der Bremer Säuglingspflege das Kinderheim „Hermann-Hildebrandt-Haus“ im Bremer Villen-Vorort Oberneuland unterhält, war Böhrnsen am 13. Januar 2006 von zwei besorgten Kuratoriumsmitgliedern, darunter dem Heimleiter Joachim Pape, auf die Bremer Praxis in der Jugendhilfe angesprochen worden, Kinder drogensüchtiger Eltern in der Regel in ihren Familien zu lassen.

          Derzeit leben etwa 60 Kinder in Bremen auf Beschluß und unter Vormundschaft des Jugendamtes weiter bei ihren Eltern, die als Bedingung an Programmen mit der Ersatzdroge Methadon teilnehmen und eine „günstige Sozialprognose“ aufweisen müssen. Als exemplarische Beispiele für dieses aus ihrer Sicht gefährliche Vorgehen der Jugendbehörden hatten die beiden Vereinsmitglieder ihrem Club-Kollegen Böhrnsen in anonymisierter Form zwei Kinderschicksale aus „Krisenfamilien“ geschildert. Eines davon war Kevin. Zweimal war das Kind für wenige Wochen im „Hermann-Hildebrandt-Haus“ untergebracht worden. Zweimal war Kevin gegen den Willen des Heimleiters wieder in die Familie zurückgebracht worden.

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