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Kevin Kühnert und der Vorsitz : Was hat die SPD denn noch zu verlieren?

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Will nicht: Kevin Kühnert Bild: dpa

Kevin Kühnert will nicht für den SPD-Vorsitz kandidieren – damit zeigt auch er jene Mutlosigkeit, die für die SPD schon länger zum Problem geworden ist.

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          Kevin Kühnert will nicht SPD-Vorsitzender werden – zumindest nicht jetzt. Man kann das richtig finden wie seine Kritiker, ihre Argumente klingen ja in sich schlüssig: Zu jung und zu unerfahren im Willy-Brandt-Haus trotz seiner längst großen Bedeutung für die Partei; zu wenig Stallgeruch, zu viel Risiko zu scheitern und viel zu viele Vorschusslorbeeren für einen, dem die Halb-Abseits-Position als Juso-Vorsitzender das Glänzen bislang leicht gemacht hat. Auch ein Kevin Kühnert, der vor allem Projektionsfläche sei und erst beweisen müsse, ob er das Willy-Brandt-Haus beherrscht und ein Amt in Würde bekleiden kann, könne die deutsche Sozialdemokratie nicht im Alleingang retten. Sagen seine Kritiker.

          Das mag alles sein. Und trotzdem ist es schade, dass Kühnert nicht antritt – für ihn selbst, vor allem aber für die SPD, die die frische Luft dringend brauchen könnte. Auch wenn Kühnert Angst vor einem „Spektakel“ hat, das seine Kandidatur gegen Olaf Scholz zweifelsohne bedeutet hätte: Das Duell hätte der Partei gutgetan, denn damit hätten sich nicht nur zwei unterschiedliche Kandidaten gegenübergestanden, sondern auch zwei offenkundig unterschiedliche Politik-Konzepte: alt gegen jung, parteipolitisches Establishment gegen jugendlichen Furor, Groko-Sachpolitik gegen einen dezidierten Linksruck, für den Kühnert steht. Das hätte die Debattierinstinkte der Partei geweckt. Vor allem hätten die Genossen wieder das Gefühl gehabt, jene fundamentale programmatische Richtungsentscheidung treffen zu können, die viele schon lange schmerzlich vermissen.

          Der Juso-Vorsitzende zeigt mit seiner Ansage dieselbe Mutlosigkeit, die er vielen Altvorderen in der SPD seit langem vorwirft. Es erst dann zu wagen, wenn man sich sicher sein kann – das ist nicht gerade jene Unerschrockenheit, die viele bei ihm bisher so geschätzt haben. Dabei zeigt doch das Beispiel Jens Spahn, der bei der CDU gegen Friedrich Merz und Annegret Kramp-Karrenbauer antrat, wie man aus einer vermeintlich chancenlosen Kandidatur durch einen guten Auftritt im Kandidatenrennen eine nachhaltige Marktwertsteigerung erlangen kann – selbst wenn man dieses Mal noch nicht gesiegt hat. Auch Kevin Kühnert hätte Vergleichbares erreichen können – seine Position in der Partei wäre nicht ab-, sondern weiter aufgewertet worden. So aber kann es ihm passieren, dass das Momentum, das in den vergangenen Monaten auf seiner Seite war, ihn in zwei, drei oder fünf Jahren verlassen hat, wenn die SPD schon eine ganz andere Partei oder vielleicht auch gar keine mehr ist.

          Viele, die in der SPD jetzt froh über Kühnerts Absage sind, unterschätzen die Kraft der Symbolik; der Symbolik eines auch personell radikalen Neuanfangs. Was die SPD jetzt braucht, ist nicht mehr sachpolitischer Streit um Graduelles, sie braucht Tabula rasa, leidenschaftlichen Streit um ihre grundlegende künftige Ausrichtung – und vor allem eine Identifikationsfigur, die sich traut, auch ungewöhnliche Ideen lautstark vorzutragen und damit die politischen Instinkte der Partei wiederzubeleben. Man muss kein SPD-Anhänger sein, um das für erstrebenswert zu halten.

          Ob Kühnert wirklich das Zeug dazu hätte? Das ist ungewiss, sicher – gut möglich, dass nach dem Schulz-Zug bald auch der von Kühnert auf freier Strecke stehengeblieben wäre. Trotzdem ist alles besser als der lähmende Dämmerschlaf der programmatischen Entleerung und Mutlosigkeit, der die SPD bis nahe an den Abgrund geführt hat. Das ist der tragische Bärendienst, den die SPD sich mit der vorzeitigen Seligsprechung von Martin Schulz – getrieben auch von vielen Medien – erwiesen hat: Die Genossen trauen sich nichts mehr. Aber was haben sie denn noch zu verlieren?

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