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Kernkraft als Brückentechnologie : Sie muss bis zum anderen Ufer reichen

  • -Aktualisiert am

Längere Laufzeit nötig: Das Kernkraftwerk Biblis in Südhessen Bild: dpa

Es braucht die Kernkraft noch eine Weile - bis sie durch erneuerbare Energien verlässlich ersetzt werden kann. Die von Bundesumweltminister Röttgen genannten 40 Prozent Anteil von Ökostrom in der Erzeugung sind nicht mehr als ein gutgemeintes Ziel, schreibt dessen hessische Partei und Amtskollegin Lautenschläger im F.A.Z.-Gastbeitrag.

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          Wie lang muss die Brücke sein, damit sie bis zum Ufer der erneuerbaren Energien reicht? Diese Frage prägt im Blick auf mögliche Laufzeitverlängerungen der Kernkraftwerke die Diskussion in Deutschland. Die Energiepolitik ist eines der letzten ideologischen Schlachtfelder der politischen Auseinandersetzung. Vielleicht sogar das letzte überhaupt.

          Nach meiner Überzeugung brauchen wir die Kernkraft noch eine Weile - bis sie durch erneuerbare Energien verlässlich ersetzt werden kann. Die Verlässlichkeit aber lässt sich nicht einfach durch einen bestimmten Anteil Ökostrom definieren. Die vom Bundesumweltminister genannten 40 Prozent in der Erzeugung sind sicher ein gutgemeintes Ziel - aber eben nicht mehr. Die Herausforderung ist nämlich nicht die Erzeugung von mehr Ökostrom. Sie besteht vielmehr darin, erneuerbare Energien für die Stromnutzung rund um die Uhr einsetzen zu können.

          Es gibt Zeiten, in denen Anlagen abgestellt werden müssen, weil die Menge des erzeugten Stroms nicht ins Netz eingespeist werden kann, die Netze überlastet sind oder nicht genug Abnehmer zur Verfügung stehen. Steigt der Anteil der Erneuerbaren, werden auch die Probleme größer, wenn sich an der Infrastruktur nichts ändert. Die Frage lautet also: Wie speichern wir künftig Strom aus Wind und Sonne, und welchen Beitrag können die „intelligenten Netze“ (smart grids) hierzu leisten?

          Die hessische Energie- und Umweltministerin Silke Lautenschläger
          Die hessische Energie- und Umweltministerin Silke Lautenschläger : Bild: Frank Röth

          Wesentliche Teile des Gewinns der Stromkonzerne aus einer möglichen Laufzeitverlängerung müssen vereinnahmt werden: zur Erforschung von Speichertechnologien und zur Verbesserung der Netze. Erst deren wirklicher Einsatz würde die Verlässlichkeit schaffen, die der starke Wirtschaftsstandort Deutschland benötigt. Wann es so weit sein wird, weiß niemand. Daher sollten wir uns vor Zahlenspielereien hüten, die nichts bringen. Energie muss preisgünstig und zu jeder Tages- und Nachtzeit ausreichend verfügbar sein. Und zwar nicht nur für Millionen privater Haushalte, sondern auch für die Industrie.

          Ein großer deutscher Automobilhersteller benötigt 300.000 Megawattstunden Strom im Jahr. Das sind 300 Millionen Kilowattstunden – so viel, wie die privaten Haushalte der hessischen Städte Darmstadt, Fulda, Wetzlar und Bad Homburg zusammen verbrauchen. Ein hessisches Stahlwerk braucht sogar rund 420 Millionen Kilowattstunden. Die Industrie benötigt die Leistung rund ums Jahr und rund um die Uhr. Die Deutschen wollen auch künftig Autos bauen und Stahl herstellen – übrigens auch für Windkraftanlagen. Und wir wollen auch morgen wetterunabhängig unsere Mobilität sichern.

          Derzeit werden rund 16 Prozent des Stroms in Deutschland aus erneuerbaren Energien erzeugt. Etwa 23 Prozent des Bedarfs werden durch Strom aus Kernkraft gedeckt. In den wirtschaftsstarken südlichen Ländern Baden-Württemberg, Bayern und Hessen werden allerdings rund 50 Prozent des Stroms in Kernkraftwerken gewonnen. In Nordrhein-Westfalen hingegen macht der Anteil des Kohlestroms 76 Prozent aus.

          Wer die Kernkraft als Brückentechnologie nicht will, kann nicht gleichzeitig nein sagen zu Energie aus Kohle. Kohlekraftwerke sind wegen des Kohlendioxidausstoßes nicht die von Klimaschützern empfohlenen Anlagen der ersten Wahl. Gaskraftwerke sind zwar gut steuerbar im Blick auf die schwankenden erneuerbaren Energien – aber wie steht es mit dem Preis der Versorgungssicherheit und der Abhängigkeit von Lieferländern im Ausland? Auf lange, ja für viele von uns zu lange Sicht reichen erneuerbare Energien allein nicht aus.

          Für die Laufzeitverlängerung der Kernkraftwerke als stabile Brücke mit kräftigen Pfeilern für den Klimaschutz haben die Länder Baden-Württemberg und Hessen schon vor Monaten ein Konzept erarbeitet. Es funktioniert nach dem Grundsatz: Je länger die Laufzeit, desto höher die Sicherheitsauflagen. Nun braucht es endlich ein klares Signal aus Berlin, ohne ideologische Reflexe und Vorfestlegungen. Und es muss vorangehen mit der Suche nach einem atomaren Endlager. Denn das brauchen wir unabhängig von der Frage der Laufzeitverlängerung. Die Betreiber der Kernkraftwerke sollten sich auch an den Sanierungskosten für die Schachtanlage Asse II beteiligen.

          Wenn es uns gelingt, die energiepolitisch richtigen Entscheidungen zu treffen, können wir in Deutschland über eine Brücke fahren, die zu den erneuerbaren Energien führt. Wir alle wollen weniger Kohlendioxidausstoß fürs Klima, wir wollen Versorgungssicherheit für die privaten Haushalte sowie für die Wirtschaft – und wir wollen, dass Energie für alle Verbraucher bezahlbar bleibt.

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