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Ärztlich assistierter Suizid : „Keine Gefahr eines Dammbruchs“

Wird ärztlich assistierte Suizid erlaubt, steigt die Rate der Todeswilligen nicht. Bild: dpa

Befürchtungen, bei einem gesetzlich geregelten ärztlich begleiteten Selbstmord würde die Zahl der Sterbewilligen steigen, sind Wissenschaftlern zufolge unbegründet. Anders sieht es bei einer „Tötung auf Verlangen“ aus.

          Es gibt keine wissenschaftlichen Belege dafür, dass die Anzahl der Sterbewilligen bei einem streng geregelten ärztlich assistierten Suizid in die Höhe schnellt. Darauf haben am Montag in Berlin renommierte Palliativmediziner und international renommierte Forscher wie der Schweizer Palliativmediziner Domenico Borasio, der Münchner Medizinethiker Ralf Jox, der Direktor des Instituts für Medizinrecht der Universität Heidelberg, Jochen Taupitz, und der Direktor des Instituts für Medizinethik der Universität Tübingen und frühere Vorsitzende der zentralen Ethikkommission bei der Bundesärztekammer, Urban Wiesing, hingewiesen.

          Heike Schmoll

          Politische Korrespondentin in Berlin, zuständig für die „Bildungswelten“.

          „Die Befürchtungen eines ,Dammbruchs‘ bei einer klaren gesetzlichen Regelung des ärztlich assistierten Suizids (wie sie in Oregon existiert) sind aus wissenschaftlicher Sicht unbegründet“, sagten die Ärzte. Ein deutlicher Anstieg sei nur in Ländern erkennbar, die nicht nur die Beihilfe zur Selbsttötung, sondern auch die „Tötung auf Verlangen“ durch einen anderen erlaubten, also in den Niederlanden und in Belgien. Im amerikanischen Bundesstaat Oregon, wo der ärztlich assistierte Suizid unter strengen Regeln erlaubt sei, handele es sich nach 17 Jahren um einen Anteil von zwei Promille der Todesfälle, sagte Borasio in Berlin. Wissenschaftlich sei klar belegt, dass es auch bei bester Palliativversorgung Menschen gebe, die mit Berechtigung sagten: „Das, was mir noch bevorsteht, möchte ich nicht erleben.“

          Besorgniserregend seien die Zahlen in der Schweiz, wo Suizidhilfe nur verboten ist, wenn sie aus selbstsüchtigen Gründen geschieht, ansonsten aber gesetzlich nicht geregelt ist und von Suizidhilfe-Organisationen wie Exit (nur für Schweizer) und Dignitas (vorwiegend für Ausländer) seit Ende der achtziger Jahre angeboten wird. Neuerdings will Exit die Suizidhilfe auch für Hochbetagte ohne schwere Erkrankungen ermöglichen und bietet sie in Altenheimen und Krankenhäusern an. Seit dem Jahr 2006 gibt es auch Suizidhilfe bei psychisch Kranken. Allein in den Jahren 2008 bis 2012 haben 268 Deutsche Suizidhilfe in der Schweiz erhalten, die Tendenz steigt.

          Äußerst problematisch erscheine die Entwicklung in den Niederlanden und in Belgien, wo die Anzahl der Fälle von Tötung auf Verlangen rasant in die Höhe gehe. Inzwischen sind es in den Niederlanden 34,4 von tausend Todesfällen. Dort weitet sich die Tötung auf Verlangen nach den vorliegenden Studien auch auf psychisch kranke und demente Menschen sowie auf Kinder aus. In Belgien liegt der Anteil derer, die ihr Leben durch „Tötung auf Verlangen“ beendet haben, bei 16,3 von tausend Todesfällen.

          In Deutschland, wo Anfang Juli über die unterschiedlichen Gesetzentwürfe zur Sterbehilfe und zum ärztlich assistierten Suizid debattiert wird, befürworten im Mittel 71 Prozent die Zulässigkeit der Suizidbeihilfe. Das berufsrechtliche Verbot ärztlicher Suizidbeihilfe, das der Vorstand der Bundesärztekammer verficht, unterstützt einer Befragung zufolge nur ein Viertel der deutschen Mediziner von fünf der 17 Landesärztekammern, die sich beteiligt hatten. Wo es ärztlich-assistierten Suizid gebe, bedürfe es keiner Sterbehilfeorganisationen, bekräftigten die Ärzte in Berlin.

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