https://www.faz.net/-gpf-9ibvb

Massenhaft Daten veröffentlicht : Hacker wollte womöglich nur Aufmerksamkeit erzeugen

  • Aktualisiert am

Die Fassade des Bundeskanzleramtes spiegelt sich in den Glasscheiben des Paul-Löbe-Hauses. Bild: dpa

Ein Hacker hat massenhaft Daten und Dokumente von zahlreichen deutschen Politikern und anderen Personen des öffentlichen Lebens im Internet veröffentlicht – offenbar aus einem simplen Grund. Nun untersucht der Verfassungsschutz den Fall.

          Durch den Hackerangriff sind nach Angaben der Bundesregierung keine sensiblen Daten des Kanzleramts veröffentlicht worden. Das sagte Vize-Regierungssprecherin Martina Fietz am Freitag. Das gelte auch für die Bundeskanzlerin. Unbekannte hatten persönliche Daten und Dokumente von Hunderten deutschen Politikern, anderen Prominenten und Journalisten im Internet veröffentlicht. Zunächst hatte der RBB über den Angriff auf zahlreiche Politiker aus dem Bundestag und der Landespolitik berichtet.

          Die Bundesregierung nehme den Vorfall „sehr, sehr ernst“, sagte die Sprecherin. Die Behörden arbeiteten mit Hochdruck an der Aufklärung des Falles. Dies werde aber wohl noch einige Zeit in Anspruch nehmen. Sie warnte, die veröffentlichten Daten seien mit „großer Vorsicht zu handhaben“. Selbst in authentische Dokumente könnten gefälschte Daten eingeschleust worden sein.

          War es ein Hackerangriff?

          Vor allem Kontaktdaten wie Handynummern und Adressen wurden online gestellt. Auch zahlreiche persönliche Daten sowie parteiinterne Dokumente wurden veröffentlicht. Betroffen sind aber nicht nur Politiker, sondern offenbar auch Prominente und Journalisten. Wer hinter dem Angriff steckt, ist unklar. Auch ob alle Daten authentisch sind, ist noch offen. Die Bundesregierung prüft zudem, ob die im Internet veröffentlichten Daten überhaupt durch einen Hackerangriff abgefischt wurden. Der Twitter-Account, über den Links zu den Daten und Dokumenten geteilt wurden, ist inzwischen gesperrt worden.

          Nach Informationen des Nachrichtenportals t-online habe der Hacker mit seiner Aktion hauptsächlich Aufmerksamkeit bekommen wollen. Diese Absicht habe er in einem Chat geäußert und war offenbar dazu bereit, gleich mehrere Gesetzesbrüche zu begehen. So habe sich der Hacker Zugang zum Account des Youtubers Simon Unge verschafft und über diesen Account die Links zu den von ihm zusammengetragenen Daten publik gemacht.

          „Wir können zu dem Angriff derzeit nur sagen, dass wir das Material sichten“, sagte eine Sprecherin des Bundesamtes für Verfassungsschutz am Freitag FAZ.NET. Über mögliche Urheber oder Motive könne beim derzeitigen Sachstand nur spekuliert werden.

          Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) prüft den Fall derzeit „in enger Abstimmung mit weiteren Bundesbehörden intensiv“, teilte die Behörde am Freitag auf Twitter mit. „Nach jetzigem Erkenntnisstand liegt keine Betroffenheit der Regierungsnetze vor“, hieß es weiter.

          Das nationale Cyber-Abwehrzentrum koordiniert die Überprüfung des Vorfalls und ist am Freitagmorgen zu einer Krisensitzung zusammengetreten. Offenbar sind, mit Ausnahme der AfD, Politiker aller im Bundestag vertretenen Parteien betroffen. Der „Bild“-Zeitung zufolge wurden auch Daten von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier veröffentlicht.

          Verbreitet wurden die Links zu den Dokumenten wohl schon vor Weihnachten auf Twitter in Form einer Art Adventskalender. Nicht alle „Türchen“ dieses Kalenders verweisen aber auf Politiker. Das 8. Türchen befasst sich etwa mit dem Schauspieler und Regisseur Til Schweiger und führt zu einem Dokument mit einer Adresse. Weitere Tweets verweisen auf die Band K.I.Z., den Komiker Nico Semsrott oder den Rapper Sido. Auch mit Bezug auf den Moderator Jan Böhmermann und Journalisten von ARD und ZDF wurden Daten veröffentlicht. Laut der „Rheinischen Post“ ist auch der Moderator Oliver Welke betroffen.

          Barley: Urheber wollen Vertrauen in Demokratie beschädigen

          Der Twitter-Account, über den seit dem 1. Dezember häppchenweise Daten geteilt wurden, ist mit Begriffen wie „Security Researching“ und „Satire & Ironie“ beschrieben. Er hat inzwischen mehr als 17.000 Follower.

          Der letzte Tweet des Accounts ist vom 28. Dezember und enthält neben einem Link, der zu einem nicht mehr zugänglichen Blog führt, den Zusatz: „Jürgen Resch (Bundesgeschäftsführer Umwelthilfe)“. Warum bislang niemand auf den Hacker-Angriff aufmerksam wurde und wo die Daten abgegriffen wurden, ist noch offen.

          Zur Veröffentlichung der Daten nutzt der Account verschiedene Wege, unter anderem einen sogenannten Pastebin, eine Webanwendung, über die Texte – häufig anonym – geteilt werden können. Videos zu den Dokumenten wurden auf DTube veröffentlicht, einer verschlüsselten Videoplattform, die in ihrer Anmutung dem Google-Portal Youtube ähnelt.

          In der Vergangenheit ist es bereits mehrmals zu Hackerangriffen auf deutsche Politiker gekommen. Auch das eigentlich besonders geschützte Regierungsnetz wurde bereits erfolgreich angegriffen.

          Justizministerin Katarina Barley (SPD) bezeichnete den Vorfall am Freitag als schwerwiegend. „Die Urheber wollen Vertrauen in unsere Demokratie und ihre Institutionen beschädigen.“ Die Täter müssten rasch ermittelt und ihre möglicherweise politischen Motive aufgeklärt werden. „Kriminelle und ihre Hintermänner dürfen keine Debatten in unserem Land bestimmen“, mahnte die SPD-Politiker.

          Weitere Themen

          3 Monate Gelbwesten-Bewegung Video-Seite öffnen

          Wie geht es weiter? : 3 Monate Gelbwesten-Bewegung

          In französischen Hauptstadt Paris sind am Sonntag erneut Tausende Menschen, die sich der Gelbwestenbewegung angeschlossen haben, auf die Straße gegangen. Auch nach drei Monaten der Proteste ist das Ziel noch das gleiche: Präsident Emmanuel Macron zum Rücktritt bewegen.

          Topmeldungen

          Nach Trump-Forderung : Muss Deutschland IS-Kämpfer aufnehmen?

          Europa müsse mehr als 800 IS-Kämpfer aufnehmen, fordert Donald Trump – doch das sei kaum zu realisieren, kritisiert Außenminister Maas. Ein FDP-Politiker hat hingegen Verständnis für Trumps Forderung.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.