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Kein Abi, kein Studium : Die Lüge der Petra Hinz

Petra Hinz hat etwas Phantomhaftes: Selbst enge Parteifreunde wissen nicht, ob sie Familie hat oder wo sie wohnt. Bild: Archiv/Bearbeitung F.A.S.

Eine SPD-Bundestagsabgeordnete hat Abitur und Studium vorgetäuscht und ist nach 30 Jahren aufgeflogen. Inzwischen kann man erkennen, dass sie ein Leben wie ein Phantom geführt hat – und wohl einige Mitwisser hatte.

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          Irgendwann hat Petra Hinz wohl angefangen, an ihre eigene Geschichte zu glauben. Im Wahlkampf 2009 schwärmte sie vom Wert der Bildung. Sie stand vor einer Gruppe von Schülern in ihrem Wahlkreis: Hinz erzählte vom Studium in Bonn und berichtete, wie anstrengend das Pendeln von Essen aus dorthin gewesen sei. Wie schwer Lernen und Zugfahren mit dem ehrenamtlichen Engagement zu vereinbaren waren. Und dass sie heute sehr froh sei, als Juristin arbeiten zu können.

          Timo Steppat

          Redakteur in der Politik.

          „Deshalb kämpfe ich als Sozialdemokratin für Chancengleichheit“, sagte Hinz zum Schluss kämpferisch. Ein Genosse aus Essen, der dabei war, sagt: „Petra hat uns eine Aufsteiger-Geschichte erzählt. Sie war darin die Heldin.“ Bis Mittwochvormittag stand genau diese Biographie auf der Homepage des Bundestages: Abitur, Studium, Tätigkeit als Juristin, seit 2005 Abgeordnete für die SPD. Tatsächlich hatte sie weder das Abitur gemacht noch studiert.

          Die Lüge reicht fast 30 Jahre zurück. Damals, in den achtziger Jahren, trat Petra Hinz der SPD bei. Sie studiere Jura, sagte sie den Parteifreunden. Mit 27 kam sie in den Rat der Stadt Essen, das war 1989. Sie erzählte nicht viel davon, was sie neben der politischen Arbeit machte. Erst wenn einer konkret nach dem begonnenen Studium fragte, sagte sie, dass sie das erste Staatsexamen bestanden habe, bald darauf war auch vom zweiten die Rede. Später gab Hinz vor, als freiberufliche Juristin zu arbeiten, dann in einem Konzern. Den Kollegen im Stadtrat erzählte sie selten davon. Sie vermied es, allzu privat zu werden. Das genaue Gegenteil erlebten ihre Wähler: Sie schien offen, herzlich und freundlich.

          Ohne Akademiker-Titel keine Karriere in der SPD?

          Nach 16 Jahren im Stadtrat setzte Hinz sich 2005 bei einer Kampfabstimmung durch und wurde von ihrem Unterbezirk für den Bundestag aufgestellt. „Da wirkte die Petra zum ersten Mal ganz bei sich“, sagt einer, der für sie gestimmt hat. Sie sei stolz gewesen, Abgeordnete zu sein. Elf Jahre später zerbricht alles: Dienstag Nacht, nachdem ein Essener Lokalmagazin die Zweifel am Lebenslauf öffentlich gemacht hat, veröffentlichten die Anwälte von Petra Hinz eine dürre Stellungnahme. Warum sie mit dem Lügen angefangen habe, hieß es in der Stellungnahme, das könne sie heute nicht mehr ausmachen. Einmal habe sie versucht, das Abitur nachzuholen. Sie scheiterte.

          Mehr wollte die 54 Jahre alte Hinz dazu nicht sagen. Sie ist seit Anfang der Woche abgetaucht. Viele Fragen sind offen. Warum gibt jemand vor, Akademiker zu sein? Muss man in der SPD einen Studienabschluss vorweisen, um Karriere zu machen? Was hat Petra Hinz in den Jahren des Jura-Studiums überhaupt gemacht? In ihrem Lebenslauf klafft jetzt eine große Lücke. Und, wusste wirklich niemand davon?

          Petra Hinz bei einer Rede im Bundestag
          Petra Hinz bei einer Rede im Bundestag : Bild: dpa

          Spricht man mit Essener Sozialdemokraten, sind sie „geschockt“ oder „völlig überrascht“, manchmal auch beides. Dabei sind die meisten, die heute in Führungspositionen sind, ungefähr im Alter von Petra Hinz, Ende 40 bis Mitte 50. Die Parteikarrieren ähneln sich, trotzdem sagen fast alle, Hinz sei ihnen nie besonders aufgefallen. „Die war immer unter dem Radar“, sagt einer aus dem Parteivorstand in Essen. Sie sei gerade so laut und auffällig wie nötig gewesen, um gewählt zu werden.

          „Petra war immer mit der SPD verheiratet“

          Der Eindruck entsteht, man könne in der Essener SPD zur Bundestagsabgeordneten aufsteigen, ohne dass jemand davon etwas mitbekommt. Petra Hinz ist ein Phantom. Wo sie wohnt, weiß fast keiner. Irgendwo in ihrem Wahlkreis, im Essener Stadtteil Frohnhausen wahrscheinlich. Ob sie Familie, Kinder oder einen Mann hat, das ist den meisten ebenso wenig bekannt. Sie lebt wohl allein, sagen einige. „Petra war immer mit der SPD verheiratet“, sagt die Essener Landtagsabgeordnete Britta Altenkamp. „Die hat für die Politik gelebt.“

          Altenkamp ist wie Hinz Mitte der achtziger Jahre zur SPD gekommen. Als sie bei den Jusos war, hat Hinz schon im Stadtrat mitgespielt. Es gab keine direkten Überschneidungen. Manche Jusos hätten damals aber schon darüber geredet, dass Petra Hinz gar nicht studiert, erinnert sich Altenkamp. Sie fand das abwegig, warum sollte jemand ein Studium erfinden? Es interessierte Altenkamp aber auch nicht, sie und Hinz hätten in „freundlicher Gleichgültigkeit“ existiert. Später seien die Gerüchte verstummt.

          Der Aufstieg von Petra Hinz hat in einer Zeit stattgefunden, in der die SPD in Essen mit sich selbst beschäftigt war. Auf kleine und große Skandale folgten Führungswechsel. In anderen Kommunen des Ruhrgebiets gab es in den SPD-Verbänden schon früh ein selbst auferlegtes Verbot der Ämterhäufung, in Essen gehörte es zum Machterhalt, möglichst viele Ämter zu ergattern. Kleine Ämter-Könige herrschten über die Partei. Einer von ihnen war Willi Nowack. Er stolperte über einen Parteispendenskandal. Heute sagt er: „Jeder in der Parteiführung wusste damals, dass Petra Hinz nicht studiert hat oder dass da zumindest was Krummes läuft.“

          Man habe sie gedeckt, weil sie einen einflussreichen Fürsprecher hatte. Sein Name ist Otto Reschke, achtzehn Jahre lang Bundestagsabgeordneter, ein anderer sozialdemokratischer König. „Wer von Reschke nominiert wird, hat schon gewonnen“, sagt ein ehemaliger Funktionär. Und Reschke warb kräftig für Petra Hinz, stellte sie auf Parteiveranstaltungen als „großes politisches Talent“ vor, als „äußerst begabt“. Reschke war es, der ihr erst den Weg in den Stadtrat ebnete und sie später als seine Nachfolgerin für den Bundestag in Stellung brachte.

          Warum Nowack nichts gesagt hat zum erfundenen Studium? Weil er eigene Probleme hatte. Wegen Insolvenzverschleppung, dafür kam er später sogar ins Gefängnis. Otto Reschke betont, dass er vom gefälschten Lebenslauf ebenso überrascht war wie alle anderen. „Trotzdem bedeutet das nicht, dass die politische Arbeit von 30 Jahren auf einmal bedeutungslos ist“, verteidigt er Hinz.

          Ruhelos und wie auf der Flucht wirkt sie

          Fragt man in Essen-Frohnhausen nach ihr, nicken die Leute. „Kennen wa“, sagt ein Mann hinter seinem Schrebergartenzaun. „Die war’n paarmal da.“ Manchmal hat Hinz in Sitzungswochen des Bundestags morgens um 4 Uhr 30 den Zug ab Berlin Hauptbahnhof genommen, um am Vormittag Termine in Essen wahrzunehmen, erinnert sich ein ehemaliger Mitarbeiter. „Sie hat versucht, bei jeder Feier in einem Schrebergarten dabei zu sein“, berichtet er. Am Nachmittag sei Hinz dann häufig von Düsseldorf aus wieder zurückgeflogen, um am Abend Termine in Berlin wahrzunehmen. „Manchmal sah sie aus wie durch den Fleischwolf gedreht“, sagt eine Parteifreundin aus Berlin. Wie auf der Flucht habe Hinz häufig gewirkt, ganz ruhelos.

          Screenshot des Lebenslaufs der Abgeordneten Petra Hinz - vor Bekanntwerden der erfundenen Teile.
          Screenshot des Lebenslaufs der Abgeordneten Petra Hinz - vor Bekanntwerden der erfundenen Teile. : Bild: dpa

          Im Bundestag hat Petra Hinz kein besonderes Profil. Das Grußwort im Seniorenheim lag ihr mehr als die Rede vor dem Parlament. Dort saß sie im Haushaltsausschuss. Ein anderer Abgeordneter sagt, sie habe ihre Arbeit „lautlos“ gemacht. Sie habe sich unsichtbar machen können. „Meistens bemerkte man gar nicht, dass Petra Hinz da war.“ Nur manchmal, da sei die stille Petra hochgegangen. Einmal habe sie eine Kollegin unvermittelt angeschnauzt, als diese einen Termin vereinbaren wollte.

          Bereits kurz nach Beginn ihrer Abgeordnetenarbeit waberte ein Gerücht durch die Gänge: Hinz drangsaliere ihre Mitarbeiter. Wer auf die Toilette gehen wollte, musste sich bei der Chefin abmelden und danach wieder zurückmelden, erinnert sich ein ehemaliger Mitarbeiter. Telefonate sollten protokolliert werden, der Kontakt zu Mitarbeitern anderer Abgeordneten war angeblich verboten. Schwer vorstellbar, aber so wird es nun behauptet. Es soll „die reinste Hölle“ gewesen sein, sagen ehemalige Angestellte von Hinz übereinstimmend. Die SPD-Fraktion soll das gewusst haben, berichtet „Der Spiegel“, und habe nichts getan.

          Auf sich allein gestellt

          Vor wenigen Wochen schrieben ehemalige Mitarbeiter von Petra Hinz einen anonymen Brief an die Essener SPD. Darin fordern sie, dass sich etwas ändern müsse, sonst würden sie die Zustände in Hinz’ Büro öffentlich machen. Kurz nachdem der Brief an den Unterbezirk gegangen war, waren Auszüge in einer Lokalzeitung nachzulesen. Hinz richtete Drohungen gegen diejenigen, die ihn verbreitet haben. Sollten sie SPD-Mitglieder sein, müsse man sie aus der Partei ausschließen.

          Am vergangenen Sonntag nannte sie die Mobbingvorwürfe als Grund dafür, dass sie 2017 nicht mehr für den Bundestag kandidieren wolle. Dem Essener SPD-Chef teilte sie ihre Entscheidung mit. In aller Ruhe wolle sie die Vorwürfe aufarbeiten und sich dagegen zur Wehr setzen. Hinz wusste zu diesem Zeitpunkt schon, dass es Fragen zu ihrem Lebenslauf gibt und dass ihr Geheimnis bald öffentlich werden würde. Vieles deutet darauf hin, dass es die enttäuschten Mitarbeiter waren, die einem Lokaljournalisten den Hinweis gegeben haben.

          In ein paar Tagen hat Hinz noch einen Termin in der Bundestagsverwaltung. Sie muss das Ende ihres Mandats besprechen, ihr Büro auflösen. Normalerweise kümmert sich einer der Mitarbeiter eines Abgeordneten noch darum, die Akten zu sortieren und ein geregeltes Ende herbeizuführen. Aber vor ein paar Wochen hat auch der letzte Mitarbeiter von Petra Hinz gekündigt. Sie ist auf sich allein gestellt.

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