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Angst vor der Wahrheit? : Kaum einer kommt zu den Massentests

  • -Aktualisiert am

Wie am Wahltag: Testzentrum in einer Turnhalle in Hildburghausen Bild: AFP

In den Corona-Hotspots in Sachsen und Thüringen versuchen die Behörden, das Infektionsgeschehen mit Massentests unter Kontrolle zu bringen – bisher mit wenig Erfolg.

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          Es war der erste sogenannte Corona-Massentest in Deutschland, zu dem seit Mittwoch im südthüringischen Hildburghausen insgesamt 9000 Kindergartenkinder, Schüler, Erzieher und Lehrer aufgerufen waren. Die Behörden hoffen, mit Hilfe von Schnelltests einen Überblick über die Dunkelziffer, also bisher nicht entdeckte Corona-Infektionen, zu erhalten, aber auch Schulen und Kindertagesstätten schneller wieder öffnen zu können. Wer ein negatives Testergebnis vorweisen kann, darf bereits seit Donnerstag wieder Schulen und Kitas besuchen.

          Stefan Locke

          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          Offiziell sind in dem Landkreis an der bayerischen Grenze noch bis Ende kommender Woche alle öffentlichen Einrichtungen geschlossen, das eigene Zuhause darf nur noch mit triftigem Grund verlassen werden. Vor einer Woche drohte in dem Landkreis mit 63.000 Einwohnern das Infektionsgeschehen außer Kontrolle zu geraten; zeitweise gab es hier – hochgerechnet – 630 Neuinfizierte je 100.000 Einwohner in sieben Tagen – so viel wie nirgendwo sonst in Deutschland. Die Intensivstationen der Kliniken waren komplett ausgelastet.

          Die ernste Lage trug allerdings nicht dazu bei, dass viele Menschen freiwillig das kostenlose Testangebot nutzten. „Ich rechne damit, dass wir etwa ein Drittel erreichen“, sagte Landrat Thomas Müller (CDU) am Freitag, der die Zurückhaltung vieler Eltern bedauerte. Schon zu Beginn des Massentests hatten nur wenige Eltern das Angebot mit ihren Kindern angenommen; in drei Orten verweigerten Bürgermeister gar komplett die Teilnahme. Als Gründe nannten sie dem Vernehmen nach die Angst der Kinder vor Tests sowie die Furcht, im Falle von Positivbefunden die gesetzlich vorgeschriebene Notbetreuung nicht mehr aufrechterhalten zu können.

          Am Freitag sei die Teilnehmerzahl dann gestiegen, hieß es aus dem Hildburghäuser Rathaus, nachdem sich offenbar herumgesprochen hatte, dass niemandem Nachteile entstehen. Erste Ergebnisse will der Landkreis Anfang kommender Woche mitteilen. Im Laufe der Woche war die Zahl der Neuinfektionen im Landkreis leicht gesunken; am Freitag meldete das Robert-Koch-Institut 414 Neuinfizierte je 100.000 Einwohner in sieben Tagen.

          Thüringen verzeichnet inzwischen den zweitstärksten Anstieg an Neuinfektionen in Deutschland. Erstmals meldeten die Gesundheitsämter am Freitag mehr als 1000 Neuinfizierte an einem Tag; die Sieben-Tage-Inzidenz stieg auf 160 Fälle. Gesundheitsministerin Heike Werner (Linke) berief noch am Freitag den wissenschaftlichen Corona-Beirat der Landesregierung ein, um über Konsequenzen zu beraten.

          Sachsen hat die höchste Neuinzidenz

          Die bundesweit höchste und nach wie vor stark steigende Neuinfektionsrate gibt es in Sachsen. Hier stieg die Sieben-Tage-Inzidenz auf 276, das ist rund doppelt so viel wie im Durchschnitt der anderen Bundesländer. Allein in der vergangenen Woche kamen mehr als 11200 Fälle hinzu. Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) stellte für den Freistaat einen harten Lockdown noch vor Weihnachten in Aussicht, sollten die Zahlen in den kommenden zwei Wochen nicht spürbar sinken. In mehreren Landkreisen sind Krankenhäuser und Kliniken inzwischen überlastet, einzelne Häuser nahmen am Freitag keine weiteren Covid-Patienten mehr auf. Auch die Zahl der Corona-Toten steigt in Sachsen rapide, bis Freitag waren es 1142.

          In Sachsen sind vor allem die ländlichen Regionen im Süden und Osten betroffen. In den Landkreisen Bautzen und Sächsische Schweiz, die mit knapp 500 Neuinfizierten je 100.000 Einwohner in sieben Tagen zu den bundesweiten Hotspots zählen, startete Sachsens Gesundheitsministerium am Freitag ebenfalls Massenschnelltests in einzelnen Orten, die anders als in Hildburghausen die gesamte Bevölkerung einbeziehen.

          In der Gemeinde Räckelwitz im Landkreis Bautzen fungierte am Freitag die Sporthalle als Testzentrum, allerdings sei auch hier die Testbereitschaft der 1200 Einwohner zunächst verhalten gewesen, berichten Teilnehmer. Bis zum frühen Nachmittag hatten sich rund 100 Einwohner testen lassen, dabei seien drei Corona-Infektionen entdeckt worden, sagte eine Sprecherin des Landratsamtes. Das Rote Kreuz wiederum, das die Tests durchführt, rechnete mit einer größeren Teilnehmerzahl am Nachmittag.

          Auch im etwa gleich großen Rathmannsdorf in der Sächsischen Schweiz hofften die Behörden am Freitagmittag noch auf eine regere Teilnahme. Die Tests sollen in der kommenden Woche auf weitere Städte und Gemeinden ausgeweitet werden. Die Landesregierung hat dafür zunächst 200.000 Schnelltests bereitgestellt. Ziel ist es auch hier, bisher unentdeckte Infektionen zu ermitteln. Mediziner vermuten, dass das zunehmend diffuse Infektionsgeschehen vor allem auch auf Menschen zurückzuführen ist, die nichts von ihrer Infektion wissen und so das Virus verbreiten.

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