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Katholische Theologie : In der Hauptstadt der Heiden

Mit den theologischen Einrichtungen in Berlin ist weder Kirche noch Staat zu machen: Erzbischof Woelki will das Engagement der katholischen Kirche in der Hauptstadt verstärken Bild: dpa

In Berlin gibt es vier staatliche Universitäten, aber keine einzige Fakultät für katholische Theologie. Nach dem Willen von Kardinal Woelki soll sich das ändern.

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          Die katholische Kirche möchte ihr Engagement in Berlin verstärken. Nach Informationen der Frankfurter Allgemeinen Zeitung liegt der Philosophisch-Theologischen Hochschule der Pallottiner in Vallendar bei Koblenz eine Einladung des Erzbistums Berlin vor, in der Hauptstadt einen Zweitcampus zu errichten, auf dem die erste katholisch-theologische Fakultät in der Geschichte Berlins entstehen soll. Eine Sprecherin der Hochschule, die außer von den Pallottinern von Franziskanerinnen getragen wird, beschrieb den Stand der Gespräche mit den Worten, die Einladung werde „wohlwollend geprüft“.

          Daniel Deckers

          in der politischen Redaktion verantwortlich für „Die Gegenwart“.

          Der Berliner Erzbischof Rainer Maria Woelki, der im Sommer 2011 von Papst Benedikt XVI. mit der Leitung des etwa 400.000 Katholiken zählenden Hauptstadtbistums betraut worden war, äußerte sich über seine Motive gegenüber dieser Zeitung mit Worten: „Ich möchte die Stimme des christlichen Glaubens im gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Diskurs stärken. Deswegen ist mir eine starke katholische Theologie in Berlin wichtig, auch im Kontext der anderen Hochschulen und Universitäten.“

          Bislang ist es nicht möglich, in der Bundeshauptstadt an einer der vier staatlichen oder an einer privaten Universität einen Studiengang katholische Theologie zu absolvieren. Die traditionsreiche Humboldt-Universität verfügt dagegen über eine der größten evangelisch-theologischen Fakultäten Deutschlands. Nach der Wiedervereinigung war für kurze Zeit erwogen worden, das religionswissenschaftliche Profil der Humboldt-Universität durch die Gründung einer katholisch-theologischen Fakultät zu schärfen. Das Vorhaben scheiterte am Widerstand aus der Universität wie aus der Berliner Politik. Im Jahr 1994 beschloss der Senat, die Gründung aufzuschieben - faktisch war das Projekt damit gestorben.

          Priesteramtskandidaten studieren in Erfurt

          Ausschließlich am Widerstand innerhalb der eigenen Reihen scheiterten einige Jahre später halbherzige Versuche der Deutschen Bischofskonferenz, die katholische Theologie im Windschatten des Umzugs der Bundesregierung von Bonn nach Berlin in der Hauptstadt zu verankern. Nicht von Erfolg gekrönt war auch der Versuch, die deutschen Jesuiten zu einem Umzug ihrer Philosophisch-Theologischen Hochschule von Frankfurt am Main nach Berlin zu bewegen.

          Derzeit besteht das Angebot an katholischer Theologie in der Wissenschaftsstadt Berlin mit ihren etwa 160.000 Studenten und annähernd 3000 Professoren aus einem personell äußerst bescheiden ausgestatteten „Seminar für katholische Theologie“ an der Freien Universität Berlin, einigen Lehrveranstaltungen an der Katholischen Hochschule für Sozialwesen (KHSB) sowie aus der Guardini-Stiftungsprofessor für Religionsphilosophie und katholische Weltanschauung an der Humboldt-Universität.

          Die Priesteramtskandidaten des Erzbistums Berlin studieren wie zu Zeiten der DDR in Erfurt. Ergänzt wird dieses Angebot durch eine Katholische Akademie, ein kleines Institut des Dominikanerordens und ein Priesterseminar des „Neokatechumenalen Wegs“, einer in den sechziger Jahren in Spanien gegründeten und 2008 vom Vatikan anerkannten Bewegung.

          Erzbischof Woelki hatte sich schon kurz nach seiner Amtseinführung einen Überblick über die theologischen Einrichtungen in Berlin verschafft und war zu dem Ergebnis gekommen, dass mit ihnen weder Kirche noch Staat zu machen sei. Diese Einschätzung wird im Vatikan bis hinauf zu Papst Benedikt XVI. geteilt - was umso schwerer wiegt, als der erste Besuch des Papstes in der deutschen Hauptstadt im September 2011 in ungewöhnlich guter Erinnerung ist.

          Zudem richten strategisch denkende Kräfte im Vatikan seit einigen Jahren besonderes Augenmerk auf die Qualität der kirchlichen Präsenz in den Metropolen des 21. Jahrhunderts. Wie vor einigen Jahren die Gründung eines Kultur- und Bildungszentrums namens „Collège des Bernardins“ in den Räumen eines ehemaligen Zisterzienserklosters im Herzen von Paris vom Vatikan mit großem Wohlwollen begleitet wurde, so stehen nun das Erzbistum Berlin und mit ihm die katholische Kirche in Deutschland im Fokus Roms.

          Gesprächspartner auf Augenhöhe

          Die Verhältnisse in Berlin sind indes nicht mit denen in Paris zu vergleichen. Weder kann das Erzbistum auf eine Immobilie vergleichbarer Dignität zurückgreifen, noch verfügt es über eine Finanzkraft, die es erlaubte, große Sprünge zu machen. Gleichwohl beschränken sich die Gedankenspiele über die Stärkung der wissenschaftlich-theologischen Präsenz der katholischen Kirche in Berlin nicht auf die (Teil-)Verlagerung einer bestehenden Einrichtung - zumal die Philosophisch-Theologische Hochschule der Pallottiner unter den vielen kleinen staatlich und kirchlich anerkannten Hochschulen eine der kleineren ist.

          Die Hoffnungen Kardinal Woelkis richten sich vielmehr darauf, dass eine Fakultät zum Katalysator bislang undenkbarer Entwicklungen würde. Sollte sich etwa das historisch tiefverwurzelte Ressentiment in vielen west- und süddeutschen Bistümern gegen „Berlin“ abschwächen, könnten weitere akademische Einrichtungen aus dem Verantwortungsbereich der Bischofskonferenz oder einzelner Diözesen in die Hauptstadt verlagert werden. Denkbar erscheint auch die Errichtung weiterer Stiftungsprofessuren sowie die Entwicklung von Studiengängen, die den klassischen Rahmen katholischer Theologie auf „religious studies“ hin erweitern, um die katholische Kirche am Wissenschafts- und Politikstandort Berlin zu einem Gesprächspartner auf Augenhöhe werden zu lassen.

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