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Katholische Kirche : Zwei Männer und ein Segen

Der Kapuzinerpater Stefan Maria Huppertz segnet Maurice und Robin am 10. Mai Bild: Laila Sieber

Robin und Maurice sind aus der Kirche ausgetreten. Dennoch engagieren sie sich in einer Gemeinde – und haben sich jetzt als Paar segnen lassen.

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          Für Robin und Maurice war es ein Gang ins Ungewisse. „Wir wussten nicht so ganz, worauf wir uns einlassen“, sagt Maurice nach dem Gottesdienst. Schließlich ist in der katholischen Kirche eine Segnung gleichgeschlechtlicher Paare nicht vorgesehen. Die beiden jungen Männer sind am Montagabend in die Liebfrauenkirche in Frankfurt gekommen, zu einem der mehr als hundert Segnungsgottesdienste, die nach Angaben der Organisatoren der Aktion „Liebe gewinnt“ in ganz Deutschland gefeiert wurden – als Reaktion auf das vatikanische Verbot der Segnung gleichgeschlechtlicher Paare. Die Aktion hat viel Aufsehen erregt. Kritiker sprachen von einer politischen Instrumentalisierung, manche warnten gar vor einer Kirchenspaltung.

          Tobias Schrörs
          Politikredakteur.

          In der Liebfrauenkirche ist die Messe an diesem Werktag hingegen unaufgeregt. Regenbogen-Fahnen wehen nicht vor der Kirche im Schatten der Bankentürme. Die Kirchenbänke sind schlicht wie immer ohne Rosen und ohne weiße Schleifen. Neben der Osterkerze steht noch dasselbe Blumengesteck wie am Tag zuvor. Auf die kirchenpolitische Auseinandersetzung geht Pater Stefan Maria Huppertz in seiner Predigt gar nicht ein. Die Begriffe „Vatikan“, „Protest“ oder „Homosexualität“ fallen nicht. Stattdessen legt er die Lesungen aus, jene Bibelstellen, die an diesem Tag auf der ganzen Welt in der katholischen Kirche vorgetragen werden. So wie es Rom vorschreibt. Eine davon stammt aus der Apostelgeschichte. Nur das Wort „Vielfalt“ streift der Kapuzinerpater kurz, wenn er darüber spricht, dass Paulus und seine Begleiter „sehr unterschiedliche Lebenswirklichkeiten“ kennengelernt hätten, als sie den Glauben in aller Welt verkündeten und diese „Vielfalt aushalten“ mussten.

          Die Abendmesse mit anschließender Möglichkeit zum Einzelsegen in der Frankfurter Kirche Liebfrauen
          Die Abendmesse mit anschließender Möglichkeit zum Einzelsegen in der Frankfurter Kirche Liebfrauen : Bild: Laila Sieber

          Am Schluss der Messe lädt Pater Stefan alle ein, sich einen persönlichen Segen spenden zu lassen und er spricht davon, dass sich dort, wo Menschen liebend „als Paar unterwegs“ seien, die Liebe Gottes zeige. Maurice und Robin sind ein solches Paar. Sie bleiben noch einen Augenblick in der Bank hinten rechts sitzen, dann reihen sie sich in die Schlange im Seitenschiff ein. Viele Frauen stehen dort mit ihnen auf Abstand, die allein gekommen sind. Manche, weil sie allein leben und andere, weil der Partner oder die Partnerin nicht mitkommen konnte, wie Pater Stefan später sagt. Etwas weiter vorne wartet noch ein zweites Paar auf den Segen, ein Mann und eine Frau Mitte sechzig. Die beiden sind seit 27 Jahren standesamtlich verheiratet. Aber weil der Mann vor vierzig Jahren für kurze Zeit kirchlich verheiratet gewesen und dann geschieden worden sei, dürften sie nicht kirchlich heiraten. Im Kirchenjargon ist von den wiederverheirateten Geschiedenen die Rede, auch sie leben aus römischer Perspektive in ungeordneten Verhältnissen.

          Allen spricht Pater Stefan mit leichten Abwandlungen einen frei formulierten Segen zu: „In eurem Suchen und Finden auf euren Wegen als Einzelne und als Paar, segne und begleite, stärke und behüte euch der gute und treue Gott.“ Schließlich sind Maurice und Robin dran. Pater Stefan wechselt ein paar Worte mit ihnen. Dann hebt er die Hände und erbittet Gottes Segen: „Er segne das, was euch verbindet. So segne und begleite euch der gute und treue Gott.“

          Im November sind sie sechs Jahre zusammen: Robin und Maurice
          Im November sind sie sechs Jahre zusammen: Robin und Maurice : Bild: Laila Sieber

          Der Priester habe wissen wollen, was ihnen auf der Seele brenne, sagt Maurice später. Da hätten sie gesagt, es gehe um ein Zeichen für diese Gemeinschaft, in der Beziehung laufe es gut. Im November seien sie schon sechs Jahre zusammen. Er ist dreißig, sein Partner Robin 28 Jahre alt. In einer katholischen Gemeinde im Rhein-Main-Gebiet spielen sie in einer Kirchenband. Robin sagt, er mache dort Musik, seit er sprechen könne. Er spielt Keyboard, sein Freund Maurice Gitarre. In der Gemeinde hätten sie nie Probleme damit, dass sie als Paar aufträten, auch wenn sie es nicht eigens thematisiert hätten. „In der Band liegt es auf der Hand, wenn wir zusammen wohnen, zusammen zu den Proben kommen und uns ab zu auch ,Schatz’ nennen.“

          Von dem Segnungsgottesdienst hat Robin erst am Morgen im Internet gelesen. Da saß er im Zug von Hanau nach Frankfurt, wo er Sozialarbeiter ist. „Ich dachte mir, dass es nur gut sein kann, dass man sich auch zeigt“, sagt Robin. „Die letzten Nachrichten waren ja nicht ganz so positiv“, sagt er mit Blick auf das vatikanische Schreiben von Mitte März, in dem das Verbot der Segnung gleichgeschlechtlicher Paare bekräftigt wurde.

          Obwohl sich die beiden am Gemeindeleben beteiligen, sind sie aus der Kirche ausgetreten. Maurice schon vor längerer Zeit, Robin erst vor kurzem, nachdem er von dem Schreiben aus Rom gehört hatte. Sein letztes Wort scheint das aber noch nicht zu sein. „Je nachdem, wie sich das in der Zukunft entwickelt, sieht die Sache dann vielleicht anders aus.“

          Der Kapuzinerpater Stefan Maria Huppertz ist Kirchenrektor an der Liebfrauenkirche
          Der Kapuzinerpater Stefan Maria Huppertz ist Kirchenrektor an der Liebfrauenkirche : Bild: Laila Sieber

          Pater Stefan weiß, dass die Zeit drängt, um Gläubige wie Robin und Maurice nicht zu verlieren. Mit Blick auf die vatikanische Verlautbarung sagt der Kapuziner: „Wir wollten dem zeitnah ein Zeichen heilender Nähe entgegenstellen, darum haben wir uns an diesem Datum beteiligt.“ Mit dem „Datum“ meint er die Aktion „Liebe gewinnt“. „Es geht uns um unaufgeregte und unpolitische Zeichen der heilsamen Nähe und des Segens. Wir möchten uns aber davon distanzieren, dass die Aktion als Protestplattform für alles Mögliche genutzt wird.“

          Pater Stefans Bischof in Limburg, Georg Bätzing, hatte das vatikanische Verbot scharf kritisiert, sich aber auch von der Aktion distanziert. Er halte „öffentliche Aktionen, wie die für den 10. Mai geplanten, nicht für ein hilfreiches Zeichen und einen weiterführenden Weg“, sagte Bätzing Ende April in seiner Eigenschaft als Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz.

          „Unser Bischof hat ja ganz richtig gesagt, ob solche Segnungsfeiern jetzt das richtige Zeichen seien, da würde er ein Fragezeichen hinter machen. Ich finde, damit hat er völlig recht, da ist tatsächlich noch viel Klärungsbedarf“, sagt Pater Stefan. Gleichzeitig sieht der Kapuzinerpater, „dass die letzte Verlautbarung der Glaubenskongregation bei vielen Menschen zu Enttäuschung und Verletzungen geführt hat“. Pater Stefan bekam für das Segensangebot nicht nur Zuspruch aus der Gemeinde. „Es gab einige, die gesagt und geschrieben haben: Gut, dass ihr das macht. Und andere haben gesagt: Wie könnt ihr nur, ihr stellt euch gegen den Papst, das führt zu einer Kirchenspaltung.“

          Die Liebfrauenkirche in Frankfurt
          Die Liebfrauenkirche in Frankfurt : Bild: Laila Sieber

          Für die Leute seien Einzelsegnungen „sehr berührend“, sagt Pater Stefan. An Liebfrauen habe das eine recht lange Tradition. In Zukunft möchte er das wieder aufleben lassen. „Ich glaube, dass dann auch niemand mehr blöd guckt, wenn zwei Männer oder zwei Frauen nach vorne kommen.“

          Robin und Maurice finden es schade, dass am Montag wenige Paare zu dem Gottesdienst gekommen sind. Das mag auch daran liegen, dass die Gläubigen in der Liebfrauenkirche auch schon am Sonntagabend die Gelegenheit hatten, sich segnen zu lassen. Da seien mehr Paare da gewesen, sagt Pater Stefan. Für Robin und Maurice jedenfalls scheint der Segen hilfreich gewesen zu sein. Sie suchen nach dem richtigen Wort, um das zu beschreiben. Erst versucht Robin, das Gefühl mit „Genugtuung“ zu beschreiben, aber es scheint ihn selbst nicht zu überzeugen. Das Wort passe nicht, meint auch Maurice. Dann sagt Robin: Es sei, „als würde einem so eine Last runterfallen“.

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