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Katholische Kirche : Vatikan verschickt Fragebögen zu Ehe, Familie und Sexualität

Mehr Basisdemokratie wagen: Papst Franziskus Bild: dpa

Ein Novum in der Kirchengeschichte: Papst Franziskus hat einen Fragebogen verschicken lassen, in dem Katholiken ihre Ansichten über die Kirche und Themen wie Ehe, Familie und Sexualität äußern sollen. Über die Bistümer soll er den Kirchengemeinden „sofort“ zugänglich gemacht werden.

          Vor der kommenden Bischofssynode über die Familienseelsorge möchte der Vatikan erfahren, was die Katholiken in aller Welt von der Lehre der Bibel und der Kirche über Ehe, Familie und Sexualität halten. Zu diesem Zweck hat der neue Generalsekretär der Bischofssynode, Erzbischof Lorenzo Baldisseri, im Namen von Papst Franziskus allen Bischofskonferenzen unter dem Datum des 18. Oktober ein Vorbereitungsdokument übersandt. Erstmals in der Kirchengeschichte enthält der Text einen Fragebogen, der auch den Bedürfnissen und Erwartungen der Gläubigen an die Lehre und die Praxis der Kirche gewidmet ist und auch von diesen beantwortet werden soll.

          Daniel Deckers

          in der politischen Redaktion verantwortlich für „Die Gegenwart“.

          Sollten in Deutschland einzelne Bischöfe oder die Bischofskonferenz als Ganze dem Schreiben Baldisseris folgen und Gemeinden und Gläubige direkt an der Vorbereitung der Bischofssynode beteiligen, wäre es nach den Befragungen zur Vorbereitung der Gemeinsamen Synode der Bistümer in der Bundesrepublik Deutschland (1972-1975) das erste Mal, dass sich die Katholiken hierzulande direkt an der Meinungsbildung innerhalb der Kirche beteiligen dürften.

          In einem Brief Baldisseris an den Vorsitzenden der Bischofskonferenz der Vereinigten Staaten, Kardinal Timothy Dolan, den die amerikanische Zeitschrift „National Catholic Reporter“ jetzt zusammen mit dem sogenannten Vorbereitungsdokument veröffentlicht hat, heißt es unmissverständlich, das gesamte Dokument solle über die Bistümer „sofort“ den Kirchengemeinden zugänglich gemacht werden.

          Antworten für einen neuen Text

          Die Antworten der Gläubigen sollten dann zusammen in einen neuen Text einfließen. Dieser solle als „Arbeitsinstrument“ der Außerordentlichen Vollversammlung der Bischofssynode dienen, die Papst Franziskus für den kommenden Oktober einberufen hat. Entscheidungen sollen dann noch nicht fallen. Im kommenden Jahr solle der „Status quaestionis“ festgestellt werden, heißt es in dem Schreiben. Neue Richtlinien für die Seelsorge sollten erst von einer Ordentlichen Vollversammlung der Bischofssynode im Oktober 2015 aufgestellt werden.

          Augenscheinlich sind sich Papst und Bischöfe im Klaren darüber, dass viele Aussagen der Bibel und des Lehramts der Kirche über die Formen menschlichen Zusammenlebens und die sittliche Ordnung der menschlichen Sexualität äußerst umstritten sind.

          Das gilt nicht nur für das Verbot der künstlichen Empfängnisverhütung. „Innerhalb der Kirche ist der Glaube an die Sakramentalität der Ehe und der heilenden Kraft des Bußsakramentes schwach geworden, wenn nicht längst aufgegeben“, heißt es in dem Dokument. In der Gesellschaft wiederum habe es die Kirche mit Phänomenen zu tun, die von Scheidungen und Zusammenleben ohne Trauschein über die Akzeptanz gleichgeschlechtlicher Partnerschaften und das Adoptionsrecht Homosexueller bis zu Polygamie und Leihmutterschaften, aber auch radikalem Feminismus reichen. Die biblische Auffassung der Ehe von Mann und Frau als Teil der Schöpfungsordnung oder die Lehre des Zweiten Vatikanischen Konzils von der Familie als „Keimzelle der Gesellschaft“ würden hingegen kaum noch geteilt, wenn überhaupt verstanden.

          Spannungen zwischen Ist und Soll

          Die Wahrnehmung der Spannung zwischen dem Ist-Zustand in Kirche und Gesellschaft und dem Soll-Zustand ist das Thema des Fragebogens. So werden Antworten erbeten auf Fragen wie die, warum eine Mehrheit der Ehepaare das Verbot künstlicher Empfängnisverhütung ablehnt, vor welchen Schwierigkeiten die Familien bei der Weitergabe des Glaubens an die Kinder stehen, wie die Kirche mit wiederverheirateten Geschiedenen oder Personen umgeht, die in einer gleichgeschlechtlichen Partnerschaft leben. Indem die einzelnen Kirchen diese Fragen beantworteten, nähmen sie „aktiv“ teil an der Vorbereitung der Synode, die sich zum Ziel gesetzt habe, das Evangelium im Kontext der Schwierigkeiten zu verkündigen, denen Ehe und Familie heute ausgesetzt seien.

          Ob und wie die einzelnen Bischofskonferenzen von dem Fragebogen Gebrauch machen, ist indes noch unklar. In den Vereinigten Staaten zeichnet sich ab, dass die Gemeinden von den Bischöfen entgegen dem Willen des Papstes nicht befragt werden. Hingegen hat die Bischofskonferenz von England und Wales den vatikanischen Fragebogen inzwischen so aufbereitet, dass er im Internet ausgefüllt werden kann. Die Deutsche Bischofskonferenz bestätigte am Freitag dieser Zeitung, das Vorbereitungsdokument erhalten zu haben. Über das weitere Vorgehen werde man Ende November beraten, hieß es.

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