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Katholikentag : Von Regensburg führen viele Wege nach Rom

Abschlussgottesdienst unter freiem Himmel Bild: dpa

Draußen läuft Sacropop, drinnen sind sich alle einig: Politiker, Geistliche und Gläubige – egal ob es um Lohngerechtigkeit oder Sterbehilfe geht. Nur ein Thema sorgt für Kontroversen auf dem Katholikentag.

          Zweimal in der Woche, am Mittwoch und am Samstag, kommt Karl Ebner mit seinen beiden Söhnen auf den Bauernmarkt im Regensburger Stadtteil Kumpfmühl. Die Stammkundschaft schätzt seine Kartoffeln, die Salatköpfe und die Eier seiner Hühner. Ebner ist auch Wiederentdecker der „Pfadara Ruam“. In den Ritzen des alten Schranks, in dem seine Großmutter einst die Gemüsesaat aufbewahrte, hat er vor ein paar Jahren Samen der verlorengeglaubten Speiserübe entdeckt. Seinen Namen hat dieses der Petersilienwurzel ähnliche Gemüse von Ebners Heimatort Pfatter an der Donau. Das Pfatterer Wappen besteht aus einem blauen Wellenband, darunter sind drei silberne Rüben auf schwarzem Untergrund zu sehen. Bauer Ebner gelang es, aus den uralten Samen wieder drei der alten Rüben zu ziehen, und damit viele Samen für künftige „Pfadera Ruam“.

          Reinhard Bingener

          Politischer Korrespondent für Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Bremen mit Sitz in Hannover.

          Daniel Deckers

          in der politischen Redaktion verantwortlich für „Die Gegenwart“.

          Doch Karl Ebner ist nicht nur ein tätiger, sondern auch ein tief frommer Mann, ein homo religiosus. Das von ihm komponierte Marienlied hat der Pfatterer Chor, den er leitet, bereits in der Kirche aufgeführt. Eine fast fertige Komposition einer ganzen Messe liegt noch in Ebners Schublade. Auf Papst Benedikt XVI., den er als Kardinal schon im Regensburger Dom erlebt, und der dort sogar kurz mit seinem Sohn gesprochen hat, hält der Bauer bis heute große Stücke. „Ich habe mir sein Buch gekauft und bin sehr zufrieden“, sagt er. „Auf einigen Seiten hat er genau das geschrieben, was ich allerweil gesagt habe.“ Für ihn ist Benedikt „der allerhöchste Papst“. Den Nachfolger und die Vorgänger schätzt Ebner aber ebenfalls sehr, wie er überhaupt bei den Menschen eher auf das Gute schaut. „Neulich kommt einer auf den Markt und schimpft über den Müller“, erzählt Ebner. Da habe er ihn gefragt, ob er den früheren Regensburger Bischof und heutigen Kardinal und Präfekten der Glaubenskongregation Müller überhaupt kenne. „Da sagt er: Nein.“ Und Ebner durchschaut die Zusammenhänge. „Es gibt Gott, und es gibt Satan. Und Satan versucht, eine Unruhe hineinzubringen. Aber das glaubt keiner.“

          „Es geht doch noch weiter mit der Kirche“

          Der Landwirt ist katholisch bis in die Knochen. Dennoch – oder gerade deshalb – hat er am Katholikentag in Regensburg wenig Interesse. Große Veranstaltungen sind ihm suspekt. Am Samstag geht er aber doch für zwei, drei Stunden mit, während die Söhne weiter Kartoffeln und Salat verkaufen. Vom Marktplatz in Kumpfmühl geht es einen Kilometer zum Universitätsgelände. Unterwegs sieht Karl Ebner an einer Bushaltestelle eine Schar Jugendliche auf dem Gehsteig sitzen. „Mir gefällt das schon, die jungen Leute“, sagt er. „Weil ich sehe, es geht doch noch weiter mit der Kirche.“

          Streng katholisch: Landwirt Ebner

          Die Betonbauten der Universität, in deren Gängen, Treppen und Fluren sich schon Generationen von Studenten in ihren ersten Semestern verirrt haben, hat Ebner nie zuvor betreten. An diesem Samstag sind es nicht die Studenten, sondern die Katholikentagsbesucher, die von den Betonschluchten regelrecht verschluckt werden.

          In der größten Betonschlucht, dem Auditorium Maximum, diskutiert Reinhard Kardinal Marx, der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, mit dem SPD-Vorsitzenden Sigmar Gabriel über gerechte Löhne und Managergehälter. „Es gibt Löhne, da sagt man, das kann doch niemand mehr begreifen“, klagt Marx, und Gabriel pflichtet ihm bei. Spitzengehälter, zweihundertmal so hoch wie die durchschnittlicher Arbeitnehmer, müsse die Wirtschaft von sich aus unterbinden, „sonst wird die Gesellschaft das einfordern von ihr“. Applaus für Marx, Applaus für Gabriel. Landwirt Ebner hört konzentriert zu. Gabriel lobt den Mindestlohn. Applaus für Gabriel, dann wieder Applaus für Marx.

          Ist „Kirchenasyl“ ein klarer Rechtsbruch?

          Ebner wirkt ein wenig ratlos. „Ich weiß jetzt nicht, warum sie einen Applaus gegeben haben.“ Auch die Begeisterung der Katholikentagsteilnehmer für den Mindestlohn kann er nicht teilen. Auf dem Hof beschäftigt er, wenn die Saison danach ist, einen Helfer aus Osteuropa. Wo er genau herkommt, weiß Bauer Ebner nicht. „Wir verstehen uns nur mit Zeichensprache.“ Ebner ist „sehr, sehr zufrieden“ mit dem Mann: „Ein sehr fleißiger Mensch, auch ein kräftiger Mensch. Gerade wenn einmal viel Arbeit da ist, dann langt er wirklich zu.“ Erst hat er fünf Euro in der Stunde bekommen, inzwischen seien es sieben. Mehr sei bei Gemüse nicht drin, beteuert Ebner. „Dann hätte er keine Arbeit mehr.“ Nicht nur befürchtet Ebner nun, dass die Politiker von der Wirklichkeit „wenig Ahnung“ haben. „Ich hätt gemeint, hier wird über Gott geredet. Aber das ist ja jetzt politisch.“ Doch Ebner hat auch dafür Verständnis. „Freilich soll der Bischof auch über die Nächstenliebe reden, auch politisch.“

          Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Marx, bei der Podiumsdiskussion mit Sigmar Gabriel

          400 Tote vor Lampedusa, 400.000 syrische Schulkinder allein im Libanon, das Asylsystem in Griechenland zusammengebrochen, eine Task Force „Mittelmeer“ der EU-Kommission vor weitreichenden Entscheidungen, ein Innenminister, der auch von „offenkundigem Missbrauch“ des Asylrechts spricht und „Kirchenasyl“ als klaren Rechtsbruch bezeichnet – die Luft in der Halle am Rand des Regensburgers Katholikentags knistert. Und doch geht es so fair und gleichzeitig konzentriert zu, wie es wohl kaum an einem anderen Ort dieser Republik zuginge, wenn über die Verantwortung Europas angesichts zweier Konfliktherde an seiner südlichen Grenze von welthistorischer Größe diskutiert wird.

          Eine bizarre Geräuschkulisse

          Dabei ist die katholische Kirche nicht erst seit der Wahl von Jorge Mario Bergoglio zum Papst ein durchaus parteiischer Akteur, sondern mit dem Jesuiten-Flüchtlingsdienst (JRS) oder der Gemeinschaft Sant’Egidio dort zu finden, wenn es um Unterstützung und Hilfe für Flüchtlinge und Asylbewerber geht. Aber noch nie haben deren Anliegen auch auf der politischen Ebene bis in die Verwaltung hinein so viel Aufmerksamkeit und auch so viel Anerkennung erfahren wie in den vergangenen zwölf Monaten – nicht nur innerstaatlich in Deutschland, sondern auch in Brüssel: Ein weiteres Kontingent für syrische Flüchtlinge (Bayerns Innenminister Joachim Herrmann, CSU), vielleicht dereinst Asylvorverfahren auf afrikanischem Boden (Matthias Oel, Abteilungsleiter Asyl EU-Kommission), Orientierungskurse für Asylbewerber (Michael Griesbeck, Vizepräsident Bundesamt für Flüchtlinge und Migration), Online-Universitäten in Flüchtlingslagern (Peter Balleis SJ, JRS). Ein wenig Franziskus-Effekt, vor allem aber das Ergebnis eines jahrelangen Bemühens nicht zuletzt im Raum der Kirchen, sich der „Globalisierung der Gleichgültigkeit“ entgegenzustemmen.

          Harmonie bei Kerzenschein: Abendgebet in der Regensburger Donauarena

          Heiterer geht es in der mittelalterlichen Altstadt zu. Nach den tristen Regentagen zu Beginn beheizt nun die Sonne das steinerne Weltkulturerbe und die Laune der Besucher. Auf den Donauinseln lassen sich Ordensleute bestaunen, Sacropop und lärmender Tischfußball bilden eine bizarre Geräuschkulisse. Auf der anderen Seite der Donau eine Oase der Stille: die barockglänzende Alte Kapelle mit ihrer Papst-Benedikt-Orgel. Eine Stunde lang lässt die in Wien lebende Organistin Erzsébet Windhager-Geréd Musik ihrer Heimat erklingen: Barocke Kompositionen aus Siebenbürgen, dazu Variationen über ein siebenbürgisch-ungarisches Marienlied. Der Fall des Eisernen Vorhangs war der Auftakt des Endes der Geschichte der Deutschen in Siebenbürgen. Die „Musika Transsylvanika“ hat ein kleines Stück des europäischen Traums über das Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Herkunft und Kultur für alle Ewigkeit bewahrt.

          Abtreibungsdebatte spaltet die Katholiken

          Nicht nur in der Universität, auch in der Stadt gibt es neben den vielen Ständen kirchlicher Gruppen auch Foren und Podien. Im Velodrom, einer zu einem Theater umgebauten Radrennbahn, diskutiert Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) über Sterbehilfe. In diesem Herbst wird die Frage, ob Tod auf Verlangen auch in Deutschland zu einem Recht gegenüber Dritten werden soll, erstmals den Deutschen Bundestag beschäftigen. Auf dem Podium debattieren wieder einmal Leute, die sich völlig einig sind. „Ich möchte, dass Menschen an der Hand anderer Menschen sterben, nicht von der Hand“, sagt Gröhe, und der Palliativmediziner Stephan Sahm sekundiert: „Das Leid beseitigen, nicht den Leidenden.“ Einig sind sie sich dann auch darin, dass der Ausbau palliativmedizinischer Versorgungsstrukturen in Deutschland mit der medizinisch-technischen Entwicklung längst nicht Schritt gehalten hat. Nur der österreichische Malteser Franz Graf von Harnoncourt weist die Kirchen freundlich darauf hin, dass sie es sind, die in ihren zahllosen Krankenhäusern, Hospizen, Sozialstationen und Einrichtungen der Altenhilfe Vorreiter sein und flächendeckend Maßstäbe setzen könnten.

          Ordensschwestern auf der Steinernen Brücke

          Das Kontroversthema des Katholikentags ist indes wieder einmal Abtreibung. Kirchenpolitisch ist das ein alter Hut. Über die Frage der Schwangerschaftskonfliktberatung hat sich vor 15 Jahren der deutsche Katholizismus in zwei Lager zerlegt. Rom und seine Unterstützer in Deutschland forderten unter Führung von Kardinal Ratzinger, dass katholische Einrichtungen keine Scheine ausstellen dürften. Die deutschen Bischöfe gehorchten Ratzinger, die meisten unter Murren. Aus dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken heraus gründete sich der Verein „Donum Vitae“, um Frauen innerhalb des staatlichen Systems durch eine Beratung von einer Abtreibung abzuhalten.

          Je primitiver, desto mehr Liebe

          Auf dem Katholikentag liegen sich beide Lager wieder in den Haaren. Der Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer nennt Abtreibung mit höchster seelsorgerlicher Zärtlichkeit ein „Massaker im Mutterleib“. Voderholzer war früher Leiter des Instituts Benedikt XVI. in Regensburg, das der frühere Regensburger Bischof Gerhard Ludwig Müller gegründet hat, ehe der frühere Regensburger Professor Joseph Ratzinger, dessen Bruder Georg über Jahrzehnte Leiter der Regensburger Domspatzen war, ihn nach Rom geholt hat. Von Regensburg führen viele Wege nach Rom.

          Ministranten in Regencapes bei der Messe zu Christi Himmelfahrt

          Bauer Karl Ebner müht sich eine große Freitreppe aus Beton hinauf. Auch ihn treiben die vielen Abtreibungen um. „So schlimm kann es einem gar nicht gehen, dass man das Kind umbringt“, meint er. „Aber ich rede mich leicht.“ Bei Vergewaltigungen sei es ja noch einmal schwieriger. „Wir reden uns da leicht“, sagt der Landwirt noch einmal. „Aber das Kind kann auch dann nichts dafür. Und sobald die Vereinigung war, hat Gott die Seele dazugegeben.“ Damit ist Karl Ebner wieder beim Angelpunkt seines Denkens angekommen.

          „Warum sind wir auf der Welt, habe ich mich gefragt.“ Bauer Ebner macht eine Pause. „Weil Gott Liebe braucht. Und desto primitiver der Mensch ist, desto mehr kann der Mensch lieben. Wie ein Behinderter lieben kann – das kann kein Studierter. Trotzdem bin ich froh, dass meine beide Buam so gesund und so gescheit sind.“ Der Landwirt muss zurück auf den Markt. Der Stand muss abgebaut werden. Bei dem guten Wetter ist heute noch viel Feldarbeit zu erledigen. Immerhin hat er sich jetzt eine eigene Meinung über den Katholikentag bilden können. „Es ist gut, dass sie es machen, schon. Aber wegen mir bräuchten sie es nicht machen.“

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