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Start des 101. Katholikentages : Udo und die „Message der Stunde“

Der Musiker Udo Lindenberg im April vergangenen Jahres in Timmendorfer Strand Bild: dpa

Mit mehr als 50.000 Teilnehmern wird der Katholikentag in Münster wahrscheinlich alle Besucherrekorde sprengen. Das Motto „Suche Frieden“ überzeugt auch Udo Lindenberg – der seine Bilder zu den Zehn Geboten zeigt.

          „Suche Frieden“. Unübersehbar prangt das Motto des 101. Deutschen Katholikentages, der am Mittwochabend auf dem Domplatz in Münster eröffnet wird, auf türkisfarbenen Flaggen, spannt sich auf Bannern über die Einkaufsstraßen, grüßt von den Schals der Teilnehmer aus nah und fern. Die Mitglieder des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), das den Katholikentag im Rhythmus von zwei bis drei Jahren jeweils zusammen mit einem gastgebenden Bistum ausrichtet, waren am Dienstag die ersten. Und sie nutzten die Schals gleich zu einer kleinen Demonstration. Viele Frauen in weißen Blusen oder Shirts banden sie sich wie die Stola eines Diakons.

          Daniel Deckers

          in der politischen Redaktion verantwortlich für „Die Gegenwart“.

          Seit Jahrzehnten dringt das ZdK darauf, dass Frauen in der katholischen Kirche der Zugang zu den Weiheämtern nicht länger verweigert wird – und sei es, dass ein neues Amt geschaffen wird, das der Diakonin. Erhört wurde ihr Ruf bislang nicht. Immerhin lässt Papst Franziskus prüfen, wie es mit den Diensten und Ämtern von Frauen in den ersten Jahrhunderten nach Christus bestellt war. Doch ganz gleich, was dabei herauskommen wird – kategorisch ausgeschlossen hat der Papst aus Argentinien wie alle seine Vorgänger nur die Priesterweihe von Frauen. Noch also gibt es Hoffnung.

          Indes wird das Thema Frau und Kirche in den kommenden Tagen nur eines unter vielen sein. „Suche Frieden“ und damit das Motto selbst hat sich zu einem Magneten entwickelt, dessen Anziehungskraft alle Dimensionen zu sprengen droht. Weit mehr als 50.000 Dauerteilnehmer werden bis Sonntag in Münster erwartet, dazu eine deutlich fünfstellige Zahl an Tagesgästen – so attraktiv war ein Katholikentag seit dem des Wiedervereinigungsjahres 1990 in Berlin nicht.

          Einladung, über uralte Menschheitsthemen nachzudenken

          Seither ist – siehe Missbrauch und Finanzskandale – vieles geschehen, das einen langen Schatten auf die Kirche nicht nur in Deutschland wirft und die Identifikation mit dieser Institution nicht gerade befördert. Aber welche Potentiale in der Kirche und welche Erwartungen an sie noch immer vorhanden sind, das zeigt sich weniger in der immer weiter sinkenden Zahl der regelmäßigen Gottesdienstbesucher und dem mittlerweile katastrophalen Priestermangel als in Zeiten und Ereignissen wie diesen. 

          Udo Lindenbergs großformatige Bilder zu uralten Menschheitsthemen wie Glaube oder Gewalt sind in der Münsteraner Überwasserkirche zu sehen. Bilderstrecke

          So haben sich nicht nur fromme Katholiken und die übliche Politik-Prominenz von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier über Bundeskanzlerin Angela Merkel bis zur SPD-Vorsitzenden Andrea Nahles nach Münster locken lassen. „Suche Frieden“ ist auch für Udo Lindenberg „die Message der Stunde“. Also hängen „Udos 10 Gebote“ als großformatige in der unweit des Doms gelegenen Überwasserkirche. Zusammen mit Liedtexten des längst zu einer lebenden Legende gewordenen Künstlers wie „Wozu sind die Kriege da?“ und „Gott, wenn es dich gibt“ laden sie die Besucher ein, über uralte Menschheitsthemen wie Glaube und Gewalt nachzusinnen, von denen die Zehn Gebote der Bibel seit Jahrtausenden sprechen.

          „Frieden muss doch irgendwann Realität werden“

          Nicht, dass die Bilder neu wären. 2003 wurde der Zyklus erstmals in der Hamburger St. Petri Kirche gezeigt, im vergangenen Jahr hingen sie in der katholischen St. Joseph-Kirche mitten in St. Pauli – und in Paderborn. Georg Austen, der Chef des Bonifatiuswerks der deutschen Katholiken, das sich vor allem in Regionen engagiert, in denen Katholiken eine Minderheit sind, hatte den Künstler in vielen persönlichen Gesprächen dafür gewinnen können, es im „schwarzen“ Paderborn zu probieren. „Schwarz“, so erzählte es Austen jetzt noch einmal in Münster, sei geradezu eine Auszeichnung, gehe diese Charakterisierung doch auf Joseph Goebbels zurück, der damit auf die Unempfänglichkeit der katholischen Ostwestfalen für die Botschaft der Nationalsozialisten anspielte.

          Flaggen mit dem Motto „Suche Frieden“ wehen auf dem Prinzipalmarkt in Münster

          Ganz anders ist es mit der Botschaft Udo Lindenbergs. Annähernd 47.000 Besucher wollten „Udos 10 Gebote“ im vergangenen Juli in Paderborn sehen. In Münster dürften es bis zum Sonntag kaum weniger werden. Und wie damals, so wird der Erlös aus dem Verkauf von Drucken und (diesmal) auch Briefmarken sozialen Projekten für Frauen und Kinder zugute kommen, die von Udo Lindenberg und dem Bonifatiuswerk gemeinsam unterstützt werden.

          „Frieden muss doch irgendwann Realität werden“, schreibt Lindenberg jetzt im Münsteraner Ausstellungskatalog. „Die Bilder sollen zeigen, wo es wehtut. Aber sie zeigen auch wie man da rauskommt. Und irgendwann in Deinem Leben musst Du Dich entscheiden, ob Du Dich engagierst. Ob Du das lebst, zu dem Du geschaffen bist: Ein Mensch.“ Alles klar?

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