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Katholiken in Ostdeutschland : Gott verlassen

  • -Aktualisiert am

Kein Platz für Gott im Sozialismus: Die Leipziger Universitätskirche wurde 1968 gesprengt. Bild: epd

Wenige Gläubige, kaum Geld, fehlende Pfarrer: Die katholische Kirche hat es im Osten schwer. Ausgerechnet jetzt findet hier der Katholikentag statt. Eine Spurensuche in der katholischen Diaspora.

          Der Herr hängt schief. Das hölzerne Kreuz kippt leicht nach rechts, durch die weiß verputzte Wand, an der es hängt, geht ein feiner Riss. Die Bänke sind kühl und hart. Die Besucher der heiligen Messe nehmen es ohne Regung hin, wenn sie zur Einstimmung auf den Gottesdienst niederknien – die Sechzig-, Siebzig- und Achtzigjährigen nicht ausgenommen. Es ist kurz vor neun am Sonntagmorgen, noch immer kommen Männer und Frauen in die kleine katholische Kirche in Bad Düben, im Norden Sachsens. Bald sind die wenigen Bänke dicht besetzt. Kaum einer hat sich am Eingang zur Kirche ein Gesangbuch aus dem Regal genommen, die meisten haben ihr eigenes dabei, manche sorgsam in Leder eingebunden. Dann spielt die Orgel. Der Pfarrer betritt den Altarraum, die Gläubigen erheben sich.

          Mona Jaeger

          Redakteurin in der Politik.

          Michael Poschlod kann jedem einzelnen Gottesdienstbesucher in die Augen schauen, weil es auch an diesem Sonntag nicht so viele sind. Er will eine Verbindung schaffen – zwischen sich und den Gläubigen und andersherum. Deswegen spricht er erst über die Apostelgeschichte und dann über die AfD. Im nahen Bitterfeld haben bei der sachsen-anhaltischen Landtagswahl ein Drittel der Bürger die rechtspopulistische Partei gewählt. Warum fühlen sich so viele Menschen von deren Parolen so angezogen, fragt der Pfarrer. Und warum von der Botschaft der Kirche nicht mehr? Der Pfarrer spricht mit viel Kraft in der Stimme. Wenn er seiner Gemeinde ins Gewissen redet, legt er den Kopf leicht schief und hebt die rechte Augenbraue. Die Gemeinde hört andächtig zu und schweigt.

          Als Priester muss man Vielfahrer sein

          Nach den Fürbitten und drei Liedern wird die Kommunion ausgeteilt. Die Glocken läuten, da steht Pfarrer Poschlod schon auf dem Vorplatz und gibt jedem, der aus der Kirche kommt, die Hand. Eine Frau erzählt, dass ihr Mann an diesem Tag nicht kommen konnte, weil er krank im Bett liege. Der Pfarrer wünscht gute Besserung. Ein Mann berichtet vom letzten Chorkonzert. Auch das hört sich Pfarrer Poschlod ruhig an, obwohl er doch eigentlich gar keine Zeit hat. Vor einigen Jahren hat er den Gottesdienst in Bad Düben eine Viertelstunde nach vorne verlegt, um nach der Messe noch ein paar Minuten Zeit für die Gemeindemitglieder zu haben. Erst haben sie gemeckert, dann eingesehen, wie gut es tut, dem Pfarrer noch die Hand geben zu können und kurz mit ihm zu sprechen.

          „Nun muss ich aber los.“ Um zehn Uhr steigt Pfarrer Poschlod in sein Auto und fährt vom Kirchhof. In einer halben Stunde muss er die nächste Messe in Eilenburg halten, 20 Kilometer südlich von Bad Düben. Der Priester fährt zügig, schneidet die Kurven. Der Herr sieht’s hoffentlich nicht. Sein Vorgänger hat das viele Herumfahren irgendwann sattgehabt. Er sei mehr Kraftfahrer als Seelsorger, hat er immer gesagt. Seitdem die Pfarreien in der Umgebung, auch die von Bad Düben und Eilenburg, in den vergangenen Jahren aufgelöst und in die Großpfarrei Delitzsch überführt wurden, ist auch Pfarrer Poschlod viel unterwegs. Der Priester muss zur Kirche kommen und nicht die Kirche zum Priester. So ist das im Osten. Manchmal, wenn der Geistliche wie jetzt über die schmale Landstraße zum nächsten Gotteshaus fährt, sitzt eine alte Oma an der Bushaltestelle, an der sonntags natürlich kein Bus hält, und der Pfarrer nimmt sie in seinem Auto mit bis zur Kirche. Der Pfarrer ist hier noch richtiger Menschenfischer. Um jeden Gläubigen muss er ringen. „Die Katholiken leben im Osten wie in der Urkirche“, sagt der Pfarrer.

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