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Karriere-Beratung an Universitäten : Ich will nichts schwabbeln sehen

  • -Aktualisiert am

Von Selbstbestimmung keine Spur: Studenten im Dickicht der Karriereplanung Bild: FAS/Simon Schwartz

Jetzt gehen schon Erstsemester zur Karriere-Beratung. An der Uni belegen sie Kurse wie „Gekonnt auftreten“ und „Teamkommunikation“. Nur folgt danach oft doch nicht die große Karriere. Wir fragen uns also: Was soll der Wahnsinn?

          Wenn ein Student heute wissen will, wie er es im Leben zu etwas bringt, muss er sich nur an seine Universität wenden. Dort erwarten ihn seine Karriereberater.

          Fast jede deutsche Universität hat inzwischen etwas, das sich Career Service nennt. Oder Career Center. Oder Career Development Center. Oder Professional Center. Das sind Einrichtungen mit Räumen auf dem Campus und eigenen Portalen auf den Uni-Homepages. Das „Career Service Netzwerk Deutschland“ vernetzt die Career-Einrichtungen miteinander, und wenn man das alles hört, kriegt man als normaler Mensch ja eigentlich schon Kopfschmerzen, als hätte man zehn Spam-Mails hintereinander gelesen, aber es geht gerade erst los.

          „Herzlich willkommen“, grüßen die Career Center. Der Rest ist unverständlich, wahrscheinlich eine Sprache, die man auf Karriereberaterplaneten spricht: Man wolle den Studenten „Unterstützung zur eigenständigen Bewältigung von Veränderungen“ bieten (Rostock), ihr „individuelles Profil entwickeln und auch darstellen“ (Münster), „Netzwerken als Prinzip anwenden“ (Hamburg), sie im „Kompetenzbereich Kommunikative Kompetenzen“ fördern (Berlin). Zu diesen Zwecken sollen die Studenten entsprechende Seminare besuchen. Jetzt, in den Semesterferien, geht das besonders gut. Die Studenten haben ein bisschen mehr Zeit als sonst. Aber wenn die Universitäten den Studenten schon vorschlagen, was sie in den Ferien machen sollen, warum dann nicht „Lest ein Buch“ oder „Denkt euch selbst was aus, dafür hat Gott euch doch ein Köpfchen drangeschraubt“?

          Germanys next Musterlebenslauf

          Angeblich bereiten die Kurse die Studenten auf die Arbeitswelt vor. Und die sei eben brutal. Genauso gut kann man jungen Mädchen sagen, dass sie nur dann einen Mann finden werden, wenn sie sich die Brüste machen lassen (klar, ein paar spezielle Männer fallen sonst tatsächlich aus). Eigentlich könnten die Studenten einfach ihr Fach gründlich studieren und zusätzlich normale Menschen sein, also denken und etwas ausprobieren, das sie interessiert und einen Sinn ergibt. Aber das reicht angeblich nicht mehr. Es gibt heute ein Schönheitsideal für Studenten-Lebensläufe, und die Career-Center tun so, als wären sie Heidi Klum: die Schönste, die alles weiß. Die echte Heidi sagt:

          „Willst du das hier gewinnen? Zeig uns, dass du es kannst.“

          „Jetzt musst du noch mal richtig Gas geben. Du bist nicht wandlungsfähig, ein Model muss viele Facetten zeigen können.“

          „Du bist wie eine mäßige Mahlzeit: ganz lecker, aber ziemlich fad.“

          „Ich will nichts schwabbeln sehen.“

          Die Karriereberater sagen das Gleiche. Sie übersetzen es bloß in Musterlebensläufe, die sie ins Internet stellen. Zum Beispiel die Universität Münster. Ihre Musterstudentin kann vorweisen: Schüleraustausch in Amerika, Abiturnote 1,6, Freiwilliges Soziales Jahr in einem argentinischen Kinderheim, BWL-Bachelor und BWL-Master, Auslandssemester in Amerika, Unternehmenspraktika, Organisation eines Mentorenprogramms für die Fachschaft, Arbeit als studentische Hilfskraft, zwei Stipendien – und zur Weiterbildung die Teilnahme am Seminar „Teamkommunikation“. Früher hieß das „Klarkommen mit anderen Menschen“, und wer das nicht konnte, dem half auch kein zweitägiges Seminar.

          Selbsthilfegruppen für Angstgetriebene

          Gerade Seminare sind aber heute angeblich wichtig, weil man da an sich arbeitet (beziehungsweise an sich Karriere macht, denn Arbeit ohne Karriere gibt es anscheinend gar nicht mehr). Auf den Internetseiten der Career-Center machen Menschen Gesichter wie in der Medizin-Werbung, wenn die Wirkung des Mittels einsetzt. Ultraglücklich strahlt der Bildschirm, denn er verkündigt uns große Freude. Der Kurs „Bewerbungsgespräch: Fragen und Antworten“ lockt mit Erlösung: „Auf das Vorstellungsgespräch kann man sich nicht gut allein vorbereiten.“ Unklar bleibt, wie man sich dann im Beruf jemals allein auf irgendetwas vorbereiten soll. Zum Workshop „Bewerbungsgespräche erfolgreich führen“ heißt es: „Ziel ist es, zu einer authentischen Selbstdarstellung zu gelangen.“ Davor hat uns Nostradamus leider nicht gewarnt: Bald droht alles menschliche Leben auf diesem Planeten ausgelöscht zu werden von schier kometenhaft dahinschießenden authentischen Selbstdarstellern.

          Zum Teil scheinen die Seminare aber auch Selbsthilfegruppen für Angstgetriebene zu sein, etwa „Rollen im Beruf“ (leider nichts mit Drehstühlen). Dazu heißt es: „Der Schritt vom Studium ins Berufsleben ist mit einem Rollenwechsel verbunden, der nicht zu unterschätzen ist, da sich Selbstbestimmtheit, hierarchische Strukturen und Lebensrhythmen grundlegend ändern. Wie gehen wir damit um? Was können wir daraus machen?“ Als hätte einem jemand mit zwanzig Schmusedecken auf den Kopf gehauen, hängt man benebelt da. Aus dem Jenseits singt der späte John Lennon irgendwas. Bachelor-Studenten, die in diesem Seminar ihre Rolle suchen, bekommen zwei Leistungspunkte. Hilft das irgendwem? Vielleicht gibt der Besuch einer Hochschule Aufschluss.

          Hilft das irgendwem?

          Wiesbaden, vor ein paar Tagen. Der kleine Campus der Hochschule Rhein-Main liegt still in der Mittagshitze. Ein paar Franzosen flirten träge zwischen Büschen und Beton. Warm weht der Wind vom Freibad her. Drinnen, im „Competence&Career Center“, läuft gerade der Kurs „Gekonnt auftreten“. Fünf Studenten und fünf Studentinnen sitzen im Halbkreis; süß: die Mädchen auf der einen Seite, die Jungs gegenüber. Alle sehen ziemlich jung aus und dabei hochkonzentriert. Die Kursleiterin, eine Frau mit fröhlicher Stimme und beachtlichem Schwung, verrät, wie man in Vorstellungsgesprächen gekonnt auftritt. Wichtig: auf keinen Fall die Aufregung anmerken lassen. Die Studenten sollen sagen, welche Symptome sie haben, wenn sie nervös sind. Alle sagen was. Keiner sagt Mundtrockenheit. Für Mundtrockenheit aber hat die Kursleiterin einen super Tipp: „Vorn auf die Zungenspitze beißen und dabei an Zitrone denken.“ Die Studenten scheinen hocherfreut ob der Idee.

          Dann geht es um die „Beziehungsebene“ und wie man sie herstellt. „Mentalprogrammierung“ ist auch bedeutsam. In den „rhetorischen Tricks“ müsse man sich gut trainieren. Vor der Mittagspause noch ein kleines Spiel: Ein Student nach dem anderen soll vor die Tür gehen, wieder reinkommen und pantomimisch einen Gemütszustand vorführen. Die anderen müssen raten, welcher gemeint ist. Ziel: „Über Beobachtung lernen, denn wir sehen so aus, wie wir uns fühlen“. Eine Studentin schreitet federnd herein, sie macht ein entspanntes Gesicht, setzt sich auf den Boden und zieht ihre Armbanduhr aus. Die anderen raten „Entspannung.“ Richtig. Alle freuen sich.

          Die Studenten sind freiwillig hier, sie wollen sich den Kurs nicht aufs Studium anrechnen lassen (obwohl das ginge). Sie haben auch alle schon andere Karrierekurse besucht. Ein Student bezeichnet das „Competence & Career Center“ als sein Hobby, weil er so oft herkommt. Was versprechen sich die Leute davon?

          Vergebene Liebesmühe

          Eine Studentin (International Business Administration) sagt: „Man fühlt sich dann ein bisschen wohler.“ Ihre Freundin sagt, sie finde sich selbst langweilig, wenn sie etwas vortrage; das wolle sie ändern. Noch eine sagt, es sei wichtig, ins Ausland zu gehen, und darauf könne man sich mit einem Kurs gut vorbereiten, etwa dem zur „Interkulturellen Kompetenz“. Den könne sie empfehlen.

          Dieser Kurs ist bei den Studenten besonders beliebt, sagt die Leiterin des „Competence & Career Centers“. Laut Programm sollen da „Fähigkeiten entwickelt werden, die einen erfolgreichen Kontakt mit anderen Kulturen ermöglichen“. Das klingt ein bisschen wie der Außerirdische „E.T.“ („Nach Hause telefonieren...“), ist aber leider nicht gemeint. Frage: Warum können die Studenten nicht einfach mit ihren ausländischen Freunden was trinken gehen, in der Dönerbude mal den Wirt kennenlernen, sich die Welt ohne Anleitung anschauen? Die Leiterin sagt: „Die Studenten gucken sich um, erleben etwas als fremd und wissen nicht, wie sie damit umgehen sollen.“ Außerdem: Wer in internationalen Teams arbeite, wolle wissen, wie dort mit Hierarchien umgegangen werde. Warum nicht einfach ausprobieren? „Die Unsicherheit ist sehr groß.“ Die Studenten verbinde das Gefühl, sie könnten immer noch mehr machen und sich immer noch mehr vorbereiten.

          Schön – für die Karriereberater. Sie finden gute Jobs in den Career-Centern. Neben den eigens dort Angestellten kommen viele aus kleinen und großen Agenturen dazu. Ein Coach von der sehr großen Agentur Hesse/Schrader berichtet gern davon, dass er durchs Land reist und Studenten in Career-Centern berät. Der Coach – korrekte Berufsbezeichnung Kommunikations-Berater, „weil ich Kommunikation studiert habe und Karriere sehr viel mit Kommunikation zusammenhängt“ – sagt Sätze wie: „In der heutigen hochkomplexen Arbeitswelt werden Soft Skills immer wichtiger.“ Warum eigentlich? Wenn alles so komplex ist, müsste vor allem Verstand wichtiger werden. Na ja. Der Berater findet logischerweise, Studenten sollten „das Thema Karriereplanung vom ersten Semester an im Auge haben und Schritt für Schritt daran arbeiten“. Dies gelinge schon recht gut: „Die meisten wissen, dass Karriereorientierung sehr wichtig ist. Das wird den Leuten auch von den Career Centern an den Hochschulen eingeimpft.“ So schließt sich der Kreis.

          Schlimm genug, dass es für die daraus folgende Beklemmung auch schon das passende Uni-Seminar gibt („Sie lernen interaktiv Ihre individuellen psychischen Widerstandskräfte (Resilienz) kennen, aufzubauen und einzusetzen“). Aber das Schlimmste ist, dass sich die Mühe gar nicht lohnt. Der prallvolle Lebenslauf bringt nicht den Traumjob. Die Studenten stehen dann blöd da und sind wütend. Sie haben alles gemacht, und dann reicht es nicht. Dazu sagt Hölderlin (kein Karriereberater, trotzdem gut): „Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch.“ In diesem Fall hoffentlich der Mut, sich auf sich selbst zu verlassen.

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