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Karikaturen und Terror : Meinungsfreiheit im Sonderangebot

Nachdenklich: der Hanauer Oberbürgermeister Claus Kaminsky mit einer Mohammed-Karikatur aus der F.A.Z. Bild: Wohlfahrt, Rainer

Die Absage ist abgesagt: Wie die Stadt Hanau mit Ausstellung der Karikaturisten Greser und Lenz ein Schnäppchen machen wollte – und nun teuer dafür zahlen muss.

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          Es ist bekannt, dass es heutzutage ganz unterschiedliche Begriffe von Wahrheit, Freiheit, Respekt gibt, die jeweils zu ganz unterschiedlichen Schlüssen führen. Seit Dienstag gilt das auch für die Nachdenklichkeit. Diese Erkenntnis verdankt sich der hessischen Stadt Hanau, deren Oberbürgermeister Claus Kaminsky (SPD) in einer Pressekonferenz am Dienstag den Begriff gleich mehrfach im Munde führte. Eine Spielart der Nachdenklichkeit hatte tags zuvor dazu geführt, dass eine geplante Ausstellung, in der etwa 200 gerahmte Zeichnungen der auch für die Frankfurter Allgemeine Zeitung tätigen Karikaturisten Achim Greser und Heribert Lenz abgesagt wurde. Der Rhein-Main-Teil der F.A.Z. hatte darüber exklusiv in seiner Dienstagsausgabe berichtet.

          Timo Frasch

          Politischer Korrespondent in München.

          Als Grund für die Absage wurden von der Stadt haushalterische Erwägungen genannt, die durch die jüngsten Terrorakte von Paris neue Evidenz bekamen oder besser: bekommen zu haben schienen. Die Stadt hatte nämlich zunächst geglaubt, mit der „bereits fertigen“ Karikaturenausstellung, die schon andernorts gezeigt worden war, ein Schnäppchen gemacht zu haben. Kaminsky sprach am Dienstag von dem „Versuch, mit kleinem Geld in Hanau etwas besonderes zu präsentieren“. Allein: Die veränderte politische Großwetterlage, die massive und vor allem kostspielige Sicherheitsvorkehrungen geboten macht, brachte Hanau zum besagten Nachdenken und schließlich zur Absage.

          Die Betroffenen Greser und Lenz schienen davon zwar nicht begeistert zu sein, vermieden es aber, Öl ins Feuer zu gießen. Greser sagte dieser Zeitung, die Ausstellung sei sowieso nicht als „Jetzt-erst-recht-Behauptung“ gedacht gewesen; die Arbeiten, die sich mit dem Islam beschäftigen, bilden darunter nur eine kleine Minderheit und könnten allenfalls um ein paar aktuelle zu den Ereignissen der jüngsten Tage ergänzt werden. Auch Exponate aus der Reihe „Wichsvorlagen für die gebildeten Stände“, die möglicherweise dazu geeignet wären, Literaturwissenschaftler und Schriftsteller in Wuträusche zu versetzen, sucht man in der Ausstellung vergeblich. Im Übrigen, sagte Greser, der wie sein Partner Lenz als Ministrant im unverkrampften Umgang mit Religionen aller Art geschult wurde, hätten auch sie beide „nicht das Zeug zum Märtyrer, zumal uns im christlichen Himmel keine Jungfrauen erwarten, sondern allenfalls die paar alten Weiber, die sonntags noch in die Kirche gehen“.

          Während Greser so sprach und durch weitere Medienanfragen von seiner Arbeit abgehalten wurde, reagierte auch die Landesregierung in Wiesbaden, die vom Hanauer Oberbürgermeister bis dato offenbar nicht in den Absageprozess einbezogen worden war. Da es juristisch betrachtet nicht möglich ist, mit Landesmitteln städtische Ausstellungen zu unterstützen, sicherte der hessische Wissenschafts- und Kunstminister Boris Rhein (CDU) kurzerhand zu, er selbst werde dafür sorgen, dass die Ausstellung stattfinden könne. Zitat: „Als ich von der Absage der Karikaturenausstellung gehört habe, habe ich den beiden Künstlern sofort angeboten einzuspringen und die Ausstellung in einer unserer Liegenschaften durchzuführen. Das Hessische Ministerium für Wissenschaft und Kunst ist das Ministerium, das dafür zuständig ist, dass die Flagge der künstlerischen Freiheit nicht eingeholt, sondern auch in Hessen dauerhaft gehisst bleibt. Es kann nicht sein, dass wir vor dem islamistischen Terrorismus einknicken, das ist das falsche Signal.“

          Da hatte allerdings auch in Hanau bereits eine neue Phase des Nachdenkens begonnen. Der Oberbürgermeister gestand am Dienstag ein, dass diese durch die Berichterstattung dieser Zeitung angeschoben oder zumindest befeuert worden war, wenngleich er im Grunde schon am Montagabend das Gefühl gehabt habe, man müsse umsteuern. Seine Ausführungen am Dienstag begannen mit absolut wasserdichten Bekenntnissen: Hanau sei „bunt, weltoffen und mutig“, die Freiheit von Medien, Kunst, Kultur und Wissenschaft werde in seiner Stadt hochgeachtet. Für sonstige Grundrechte gelte dasselbe, das habe die Stadt in jüngerer Vergangenheit zwei Mal gezeigt: Erst, als man Aufmärschen der NPD entgegengetreten sei, und zuletzt, als 600 Hanauer Bürger dafür demonstriert hatten, „dass wir furchtlos an unserer Lebensweise festhalten“. Er selbst habe sich klar dafür ausgesprochen, dass man „schreiben, zeichnen, malen, dichten“ dürfe, was man wolle, das gelte „in besonderer Weise für Karikaturen und besonders in diesen Tagen und Wochen“. Und, so darf man ergänzen, in noch besonderer Weise für Greser und Lenz, die der Oberbürgermeister, der zugab, die Ausstellung sei bisher „nicht Chefsache“ gewesen, offenbar kannte. Als „Meister der Originalität und des wilden Denkens“ erhob er sie gar in die gebildeten Stände und bescheinigte dem „Künstlerduo“ die „Kraft der zwei Köpfe und vier Hände“, wobei, nach allem, was bekannt ist, jeder mit jeweils nur einer Hand zeichnen kann.

          Schlussfolgerung aus alldem: „Wegen der Gesamtumstände geht es nicht zuvorderst um Haushaltskonsolidierung, sondern um ein deutliches Zeichen: Die Ausstellung wird am 14. März um 16 Uhr eröffnen. Wir können darauf nicht verzichten, ohne dass dies in diesen Tagen nicht dramatisch missinterpretiert werden würde.“

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          Das Problem, dass kein Geld da ist, bleibt allerdings. Es hatte schon dazu geführt, dass sich die Stadt bei Fußball-Großereignissen aus der Organisation von Leinwandübertragungen zurückgezogen hatte. Aber nun ging es um mehr. Kaminsky führt Gespräche, etwa mit der Sparkasse, und will positive Signale erhalten haben, dass Sponsoren der Stadt mit der Bereitstellung von privaten Wachleuten und Sicherheitsschleusen helfen werden. Die noch am Montag geäußerte Sorge, dass nicht mehr genug Zeit bleibe, um die Ausstellung angemessen zu bewerben, sei ohnehin hinfällig geworden. Der Oberbürgermeister sagte, Aufmerksamkeit und Werbung gebe es durch die Vorgänge der vergangenen Stunden genug. Er setzte vorsichtshalber hinzu, er meine das: ironisch.

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