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Kardinal Woelki im Gespräch : „Die katholische Kirche ist nicht leibfeindlich“

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Der Berliner Erzbischof Rainer Maria Kardinal Woelki Bild: Andreas Pein

Kaum ein Katholik folgt in Sexualfragen der Lehre seiner Kirche. Dadurch sei diese Lehre nicht automatisch falsch, sagt Rainer Maria Kardinal Woelki. Er sieht darin einen Auftrag an die Kirche: für ein Leben zu werben, das sich von dem unterscheidet, was heute üblich geworden ist.

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          Herr Kardinal, Sie gehen gerne ins Kino. Wie ist das für Sie, wenn Sexszenen gezeigt werden?

          Es kommt auf die Szene selbst an. Sexualität gehört zum menschlichen Leben und ist ein Wesenselement unserer Persönlichkeit. Ich gehöre nicht zu denen, die dann wegschauen. Allerdings ist es schade, dass man heute vielfach zu glauben meint, solche Szenen gehörten immer unbedingt dazu. Man kann auch gute Filme machen ohne Sexszenen, zumal manche Sexszenen menschenentwürdigend sind.

          Beim Thema Sex fallen die Praxis der Gläubigen und die Lehre der Kirche auseinander. Das hat der Fragebogen des Vatikans offengelegt. Wie sind Sie damit in der Erzdiözese Berlin verfahren?

          Ich habe gezielt Einzelpersonen und Gremien um eine Antwort gebeten, ich habe aber auch über unsere Internetseite, die Pfarrgemeinden und unseren Bistums-Newsletter das römische Dokument verbreitet und zur Beantwortung eingeladen. Es kamen mehr als 700 Antworten, von Pfarrgemeinderäten, Verbänden, Familienkreisen, aber auch von einzelnen Katholiken.

          Hat sich die Befragung gelohnt?

          Viele waren erstaunt und dankbar, dass sie gefragt wurden. Sie fühlten sich wahrgenommen als Menschen, die in solchen Fragen kompetent sind und deren Antwort wichtig sein könnte. So wird der neue Stil von Papst Franziskus verstanden, auf den das ja zurückgeht. In den Antworten erkenne ich ein tiefes Ringen der Menschen um diese nicht einfachen Lebensfragen. Da wird nicht einfach gesagt, dass alles, was die Kirche lehrt, Unfug sei, es werden Probleme benannt. Die Aussagen, die wir für das Erzbistum Berlin zusammengefasst haben, decken sich mit dem, was von der Bischofskonferenz als Gesamtbild veröffentlicht wurde.

          Ein Ergebnis: Nahezu alle Paare, die heute heiraten, haben vorher schon zusammengelebt, und zwar nicht nur platonisch. Das widerspricht den Vorstellungen der katholischen Kirche.

          Ich finde es schwierig, solche Lebensgemeinschaften nur auf das Sexuelle zu reduzieren. Es ist doch nicht so, dass das, was wir als Kirche unter Ehe und Sexualität verstehen, den Menschen einschränken will. Es soll ihn im Gegenteil frei machen. Als Menschen sind wir Abbild Gottes. Dazu gehört, dass wir einen freien Willen haben und Entscheidungen treffen können, die endgültig sind. Das macht unsere Würde als Person aus. In der Entscheidung für die sakramentale Ehe leuchtet das unverbrüchliche Ja Gottes zum Menschen und zu seiner Schöpfung auf, in der Liebe zwischen Frau und Mann. Ich entscheide mich für einen Menschen, auf Dauer, ein für alle Mal. Jeder von uns sehnt sich nach Annahme und danach, bedingungslos geliebt zu werden. Das will die christliche Ehe sakramental erfahrbar und erlebbar machen.

          Junge Menschen wollen aber keine Ehe eingehen, bevor sie nicht geprüft haben, ob sie miteinander ein ganzes Leben verbringen wollen. In diesem Sinne gefährdet das voreheliche Zusammenleben die Ehe nicht, sondern es stärkt sie.

          Die Praxis zeigt etwas anderes. Denn obwohl viele Paare schon vor der Ehe zusammenleben, ist dies – wie Statistiken zeigen – kein Garantieschein für eine gelingende Ehe. Natürlich ist es wichtig, sich richtig kennenzulernen, so dass irgendwann der Zeitpunkt kommt, wo ich verantwortet Ja zum anderen sagen kann. Ein Ja, das auf Dauer trägt. Aber es ist doch nicht wahr, dass wir wirklich schon alle später möglichen Lebenssituationen gewissermaßen vorab durchleben können. Ich glaube, von Johannes Paul II. stammt der Gedanke, dass wir nicht nur auf Probe leben, nur auf Probe sterben, nicht nur auf Probe lieben können. Wir können also auch einen Menschen nicht nur auf Probe und auf Zeit annehmen.

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