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Kapitalismuskritik : Vom Nutzen der Heuschrecken

  • -Aktualisiert am

Von Marx zu Müntefering: Wie Harald Schmidt es sieht Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Der Frontalangriff der SPD auf die Wirtschaft ist überzogen. Wenn Franz Müntefering die Angst vor einer virtuellen Heuschreckenplage schürt, heißt das Ziel Erhalt von Macht und Mandaten der Genossen. Damit dient die Regierung nur sich selbst - FAZ.NET-Spezial.

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          Angesichts der drohenden Abwahl von Rot-Grün in Nordrhein-Westfalen und im Bund schürt der SPD-Vorsitzende Müntefering die Angst vor einer virtuellen Heuschreckenplage. Die „Wirtschaft“ wird pauschal beschimpft, es wird zum Boykott einzelner Unternehmen aufgerufen, Manager werden als raffgierige Abzocker, gewissenlose Firmenjäger und menschenverachtende Ausbeuter verunglimpft.

          Am Wochenende hat die SPD sogar einen Steckbrief mit einer Liste von angeblichen Wirtschaftsverbrechern veröffentlicht. Das ist mehr als befremdlich. Bevor jetzt noch ein Genosse zur Straßenjagd auf asoziale Marktradikale aufruft, sollten die Beteiligten verbal abrüsten.

          Der Steckbrief aus der SPD-Fraktion, ein vierseitiges Papier mit einer kruden Zitatensammlung unter der Überschrift „Marktradikalismus statt sozialer Marktwirtschaft - Wie Private-Equity-Gesellschaften Unternehmen verwerten“ zeugt vom wirtschaftlichen Unverständnis der SPD. Als Beleg für ein von angelsächsischen Finanzheuschrecken zerfressenes deutsches Unternehmen wird etwa Siemens Nixdorf genannt. Gemeint ist wohl die Firma Wincor Nixdorf, ein Hersteller von Geldautomaten und Kassensystemen. Vor sechs Jahren wurde diese Gesellschaft vom amerikanischen Private-Equity-Investor KKR übernommen.

          Auf dem Steckbrief der SPD: Heuschrecke

          Ausgerechnet die Wortführer verkaufen Staatsunternehmen

          Seither hat sich die Zahl der Beschäftigten fast verdoppelt, das Unternehmen stieg zum erfolgreichsten deutschen Börsengang seit vielen Jahren auf. Auch Auto-Teile-Unger (ATU) findet sich auf dieser Liste, obwohl die Firma seit dem Einstieg der Investoren die Zahl ihrer Filialen von 390 auf 504 erhöht und neues Personal eingestellt hat. Doch mit solchen, politisch unpassenden Tatsachen hält sich die SPD-Fraktion nicht auf. Es kümmert sie auch nicht, daß mit Müntefering und Oskar Lafontaine ausgerechnet die beiden Wortführer der Anti-Kapitalismus-Kampagne als damalige Verkehrs- und Finanzminister selbst zwei Staatsunternehmen an Beteiligungsgesellschaften verkauft haben, die heute ebenfalls auf der „Opfer-Liste“ auftauchen (die Rasthof-Kette Tank und Rast sowie der Grüne Punkt - Duales System).

          Natürlich werden bei Übernahmen manchmal viele Mitarbeiter entlassen, ab und zu gehen aufgekaufte Unternehmen sogar pleite. Auch das gehört zum riskanten Geschäft der Beteiligungsgesellschaften. Die angeblich unmoralisch hohen Renditen ergeben sich als Mischkalkulation aus erfolgreichen Übernahmen und seltenen Totalausfällen. Weil die Gesamtverzinsung merklich über den Renditen von Aktien- oder Anleihekäufen liegt, investieren immer mehr Versicherungsgesellschaften und Pensionswerke einen Teil ihrer Gelder in Private Equity. Ohne es zu wissen, werden also auch viele Kapitalismuskritiker als sparende Arbeitnehmer oder Versicherte hiervon indirekt profitieren. Das gilt auch für die Altersvorsorge mancher Gewerkschaftsfunktionäre.

          Gesamtwirtschaftlich wirken Beteiligungsgesellschaften als Treiber des unweigerlichen Strukturwandels. Sie übernehmen von schwankenden deutschen Banken notleidende Immobilienkredite in Milliardenhöhe, vom klammen Staat kostenträchtige Wohnungsbestände, von Großunternehmen abgetrennte Konzernteile. Im Unterschied zu den über hohe Steuern und Abgaben jammernden Lobbyisten der Wirtschaftsverbände erkennen sie die Zukunftschancen in Deutschland. Statt über den unflexiblen Arbeitsmarkt zu klagen, handeln sie mit den Betriebsräten individuelle Lösungen aus. Sie sind diejenigen, die der deutschen Zukunftsangst ihren angelsächsisch geprägten Optimismus entgegensetzen. Weil sie gelernt haben, antizyklisch zu investieren, kaufen sie im großen Stil zu Tiefstpreisen in Deutschland ein.

          Spekulative Auswüchse

          Selbstverständlich gibt es auch auf diesem Feld Übertreibungen, wie sie an den Börsen und Kapitalmärkten immer wieder auftreten. So steigt in jüngster Zeit die Neigung, getrieben von rekordniedrigen Zinsen und dem weltweiten Überangebot von Kapital, mit dem Einsatz von Krediten die Rendite des eingesetzten Eigenkapitals noch weiter nach oben zu treiben. In diesen Fällen werden die Kapitalrücklagen der übernommenen Firmen von den neuen Eigentümern abgesaugt, die Schulden steigen, manchmal werden sogar noch Sonderdividenden durch die Ausgabe von hochverzinslichen Anleihen finanziert. Dieses von den Akteuren verschleiernd Rekapitalisierung genannte Verfahren hinterläßt nicht selten Unternehmen, die unter Zins- und Tilgungslasten ächzen. Es gibt spekulative Auswüchse, die kritisch zu sehen sind. Doch hilft bei ihrer Beurteilung die pauschale Formel vom guten Eigen- und bösen Fremdkapital nicht weiter. Denn letztlich wollen alle Kapitalgeber eine angemessene Rendite. Und zum Recht auf Eigentum gehört auch dessen Verwertung, wie es viele Besitzer schöner Altbauten wahrnehmen, wenn sie ihre Häuser in Eigentumswohnungen umwandeln und diese einzeln verkaufen.

          Wie alle entwickelten Volkswirtschaften ist auch Deutschland auf effiziente Kapitalmärkte angewiesen. Der Einsatz moderner Finanzinstrumente ist für den erfolgreichen Strukturwandel und das Beherrschen von Risiken unerläßlich. Wie gut auch nach Schocks oder spekulativen Übertreibungen die Selbstheilungskräfte der Märkte funktionieren, zeigen die Reaktionen auf die Terroranschläge vom 11. September 2001, das Platzen der Internetblase an den Börsen oder die illegale Bereicherung von Managern. Die harsche Kritik an einigen wenigen schlechten Managern in Deutschland ist gerechtfertigt, wenn diese ihre Bodenhaftung verloren haben und die Belegschaft und Aktionäre für ihre strategischen Fehlentscheidungen bezahlen lassen, während sie selbst auf ihren Sesseln kleben und Millionengehälter kassieren. Doch der Frontalangriff der SPD auf die Wirtschaft ist überzogen, Ziel ist der Erhalt von Macht und Mandaten der Genossen. Damit dient die Regierung sich selbst, aber nicht dem Volk.

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