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Kanzlerkandidatur der Union : Die große Unsicherheit

  • -Aktualisiert am

Kein einfaches Verhältnis: Angela Merkel (CDU) und Horst Seehofer (CSU) Bild: Reuters

Nach monatelangem Taktieren hat sich Horst Seehofer festgelegt, dass die CSU mit Angela Merkel zur Bundestagswahl antritt. Warum er ausgerechnet jetzt vorprescht.

          Horst Seehofer folgt seiner eigenen Dramaturgie. An diesem Montag tagt der CSU-Vorstand – das Führungsgremium der Partei, in dem an sich gewichtige Entscheidungen beraten werden sollen. Zum Beispiel die Frage, wer gemeinsamer Kanzlerkandidat – oder Kanzlerkandidatin – der Unionsparteien werden soll. Doch ein Seehofer muss nicht auf Gremienentscheidung warten: Am Sonntag ließ er schon einmal wissen, dass die gemeinsame Kandidatin Angela Merkel heißen wird. Keine Überraschung, auch wenn Seehofer sich in den vergangenen Monaten immer wieder bemüht hatte, einen Spannungsbogen aufzubauen: Dazu gehörte es auch, sich nicht festzulegen, ob es ein Treffen der Unionsspitzen geben wird. Das Datum stand zwar schon länger fest – 5. und 6. Februar –, aber Seehofer bereitete es eine große Freude, damit zu kokettieren, dass alles offen sei.

          Wer allerdings nur Übermut dahinter vermutet, dass Seehofer schon vor der Vorstandssitzung verkündet, was beschlossen wird, kennt Seehofer schlecht. Sein „Habemus Merkel“ schon vor dem Unionskonklave ist eine Machtdemonstration – auch und vor allem in die eigene Partei hinein. Es soll noch einmal deutlich werden, nach welchen Regeln gespielt wird: Nach Seehofers Regeln. Dazu gehört die süffisante Anmerkung, er sei fit genug für die kommenden Wahlkämpfe – mit der Betonung auf dem Plural. Markus Söder könnte gut beraten sein, zu sondieren, wann die nächste Führungsposition beim Sparkassenverband Bayern frei wird.

          Alles rotiert um ihn

          Besonderes Amüsement dürfte es Seehofer bereiten, dass gegenwärtig auch risikofreudige CSU-Streiter Wetten ablehnen, wie der Parteivorsitzender Ende dieses Jahres, Ende nächsten Jahres (dann ist ein neuer Landtag gewählt), Ende übernächsten Jahres heißen wird. Das Angebot Seehofers, zugunsten eines Spitzenkandidaten zur Bundestagswahl auf den Parteivorsitz zu verzichten, steht zwar noch im Raum. Aber niemand in der CSU ist bereit, wenigstens einen Hosenknopf darauf zu setzen, dass es jemand wagt, die großzügige Offerte anzunehmen; es könnte sich schließlich als finaler Fehler erweisen. Es herrscht die Unübersichtlichkeit, die Seehofer so sehr liebt – und die ihm die Macht in der CSU sichert. Markus Söder, Joachim Herrmann, Ilse Aigner, Alexander Dobrindt, Manfred Weber – alles rotiert um ihn.

          Der CSU stehen vergnügliche Wochen bevor: Wer sich mit welchen Haltungsnoten auf Seehofers Karussell behaupten kann – das ist ganz ein Stück nach Seehofers Geschmack. Nichts bereitet ihm mehr Unbehagen als Unbeweglichkeit. Er ist der Gegenentwurf zur Kanzlerin, die nach außen hin die Unerschütterliche gibt, gleich ob in den Vereinigten Staaten ein Twitterer ins Weiße Haus einzieht oder ein Buchhändler aus Würselen SPD-Kanzlerkandidat wird. Seehofer kann nicht einmal bis zur einer Sitzung des Führungsgremiums seiner Partei stillhalten. Alles musste am Sonntag raus – seine Forderung, die Sanktionen gegen Russland in diesem Jahr zu beenden, die Obergrenze bei der Aufnahme von Flüchtlingen, die Ablehnung einer schwarz-grünen Option für die Zeit nach der Bundestagswahl.

          Die Marschformation der CSU für die Bundestagswahl steht fest. Seehofer wird auf dem Feldherrnhügel der CSU sein, einen „Bayernplan“ auf dem Kartentisch, in dem die Forderungen der CSU stehen, die sie nicht gegenüber der CDU durchsetzen konnte – im Fettdruck die Obergrenze in der Flüchtlingspolitik. Er wird immer wieder freundlich zum Feldherrnhügel der CDU hinüber grüßen – und Angela Merkel preisen, wie er es am Sonntag schon einmal einübte: Sie repräsentiere Deutschland erstklassig und sei eine internationale Führungskraft. Allzu sehr darauf verlassen sollte sich aber Merkel nicht, dass die Signale, die sie im Wahlkampf an die Unionstruppen absetzt, bei Seehofer immer ankommen; zuweilen könnten die Sichtverhältnisse zwischen den beiden Feldherrnhügeln eingeschränkt sein, nicht nur, wenn es um die Sanktionen gegen Russland geht.

          In der CSU brechen für die Subcomandantes Seehofers anstrengende Zeiten an. Die Entscheidungen fallen auf dem Feldherrnhügel, nicht im Heerlager, mag Söder dort auch noch so nervös seine Bataillone paradieren lassen. So gesehen ist Joachim Herrmann, der bayerische Innenminister, der ideale Unterführer für Seehofer; er wartet einfach ab, bis sich sein Schicksal erfüllt, das Seehofer heißt. Ilse Aigner, die bayerische Wirtschaftsministerin hat auch lange ihren Geduldspanzer angelegt, auch wenn er jetzt löchrig zu werden droht. Am einfachsten hat es in Seehofers Welt Karl-Theodor zu Guttenberg, der einstige Wirtschafts- und Verteidigungsminister. Seehofer ließ am Sonntag diplomatisch-gestelzt wissen, er bemühe sich darum, dass Guttenberg die CSU mit seiner internationalen Erfahrung unterstütze. So schön lässt es sich unter Seehofers Feldherrnhügel leben, wenn man allem Machtstreben entsagt – fürs erste zumindest.

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