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Kanzlerkandidaten in der Not : Wieder ein Gummistiefel-Wahlkampf

Armin Laschet bei der Feuerwehr in Hagen Bild: EPA

Die Gratwanderung ist nicht jedem gegeben: Sichtbar sein, um Führung auszustrahlen, aber nicht so sichtbar, dass es so wirkt, als wolle man nur gesehen werden.

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          In der Nacht zum Donnerstag wird Armin Laschet keine Sekunde gezögert haben. Er hätte den Fehler seines Lebens machen können, hätte er sich nicht sogleich ins Katastrophengebiet begeben. Das wäre nicht nur seinen Pflichten als noch „junger“ Ministerpräsident – der 60 Jahre alte CDU-Vorsitzende ist erst seit vier Jahren im Amt – zuwidergelaufen. Auch als Kanzlerkandidat hätte er versagt. Das ist zwar kein Amt. Aber die Erwartungen sind so hoch, als sei es eines.

          Jasper von Altenbockum
          Verantwortlicher Redakteur für Innenpolitik.

          Für die CDU ist das ein Trauma. Ihr Kanzlerkandidat von 2002, der damalige CSU-Vorsitzende Edmund Stoiber, ließ sich im „Gummistiefel-Wahlkampf“ gegen Gerhard Schröder angesichts der Flutkatastrophe entlang der Elbe im August des Wahljahres das Heft aus der Hand nehmen. Eigentlich schützte beide ihr jeweiliges Amt – Stoiber war Ministerpräsident in Bayern, das zum Katastrophengebiet gehörte – vor dem Vorwurf, nur der Bilder wegen ins Katastrophengebiet zu gehen. Der gewiefte Schröder ging aber als Macher vom Platz, Stoiber als begossener Pudel. Die Union verlor die Wahl auf den letzten Metern.

          Zur Hochwasserkatastrophe sagte Laschet jetzt in Hagen: „Das ist keine Frage, mit der man Bilder erzeugen will.“ Er ging damit auf eine Gratwanderung ein, die nicht jedem Politiker gegeben ist, sich nämlich so sichtbar zu machen, dass man Führung ausstrahlt, aber nicht so sichtbar, dass es aussieht, als wolle man nur gesehen werden.

          Nicht so leicht wie für den Landesvater war das am Donnerstag für Olaf Scholz. Der SPD-Kanzlerkandidat schloss sich Ministerpräsidentin Malu Dreyer an, um – als Bundesfinanzminister und Vizekanzler – in Rheinland-Pfalz das Katastrophengebiet im besonders betroffenen Ahrweiler zu besichtigen. Scholz machte es wie Schröder, der damals die Hilfsbereitschaft des Bundes über alles stellte: „Ich werde alles dafür tun, dass auch der Bund finanzielle Hilfe leistet.“

          Olaf Scholz und Malu Dreyer in Ahrweiler
          Olaf Scholz und Malu Dreyer in Ahrweiler : Bild: Reuters

          Noch schwieriger (oder besonders leicht?) ist es für Annalena Baerbock. Sie brach ihren Kurzurlaub ab – mehr kann sie, da ohne Regierungsamt, im Moment nicht tun. Sie kann nur hoffen, dass nicht wieder ein Grüner aus der zweiten Reihe in dem Ton reagiert wie neulich gegenüber Laschet: dessen Politik sei mitverantwortlich für Naturkatastrophen wie die in Kalifornien. Die Grünen geraten dadurch gegenüber Laschet, obgleich er nicht im Kanzleramt sitzt, in eine ähnliche Lage wie Stoiber gegenüber Schröder. Der Bayer sprach zwar zur Bewältigung der Katastrophe die relevanten Themen an, aber auf eine Weise, dass es als Beckmesserei ankam.

          Laschet, der sich in seiner Partei als Kanzlerkandidat nur um Haaresbreite durchsetzen konnte, wirkte in der Corona-Katastrophe so, als wolle er in die Gummistiefel wachsen, die ihm Markus Söder hingestellt hatte. Das hat sich geändert. Für diese Katastrophe könnte er schon welche gefunden haben, die ihm passen.

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