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SPD-Kanzlerkandidat : Harmonie ist eine Strategie

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„Mit mir wird es kein Europa-Bashing geben“: Schulz am Sonntag im Willy-Brandt-Haus Bild: Matthias Lüdecke

Am Sonntag besiegelt es auch der Parteivorstand: Schulz wird Spitzenkandidat. Der versuchte sich danach sogleich als Motivator der SPD und seiner selbst.

          Lobende Worte über Sigmar Gabriel hat Martin Schulz gefunden – und im Atrium des Willy-Brandt-Hauses haben die Leute gejubelt und geklatscht. Minuten vorher hatten die Mitglieder des Parteivorstandes im obersten Stockwerk der Parteizentrale beisammen gesessen. Gabriel erläuterte nochmals die Gründe seines Verzichts auf das Amt des SPD-Vorsitzenden und auf die Aufgabe, die SPD als Kanzlerkandidat in den Wahlkampf zu führen. Bei einigen in der Führung, wurde erzählt, seien die Augen feucht geworden.

          Auch bei Gabriel und auch bei Hannelore Kraft, der nordrhein-westfälischen SPD-Vorsitzenden und Ministerpräsidentin. Keine Misstöne gegen Gabriel habe es gegeben, wurde versichert. Die Verärgerung in weiten Teilen der Parteiführung und der SPD-Fraktion, wie Gabriel die Übergaben seiner Macht an Martin Schulz – erst einmal über einige Medien – organisiert habe, wurde, wie es Teilnehmer schilderten, nicht noch einmal thematisiert. Es hätte auch nichts gebracht und geholfen, an einem Tag wie diesem, an dem die Sozialdemokraten ihren neuen Mann an der Spitze feiern wollten – jedenfalls die, die in das vermeintliche Zentrum der SPD gekommen waren. Binnen weniger Stunden sei die Veranstaltung ausgebucht gewesen, hieß es. Und seit dem vergangenen Dienstag, dem Tag der von den meisten nicht erwarteten Neuigkeiten, seien 700 neue Mitglieder aufgenommen worden, teilte Katarina Barley, die SPD-Generalsekretärin, anfangs mit. Das stimmte die Zuhörer auf Jubeln ein. Draußen am Willy-Brandt-Haus war ein Transparent aufgehängt: „Zeit für mehr Gerechtigkeit“, war zu lesen. Vor allem aber: „Zeit für Martin Schulz.“

          „Ich bin sehr gerührt und dankbar für den riesigen Zuspruch, den ich in den letzten Tagen von Parteimitgliedern und aus der Bevölkerung erfahren habe, und deshalb freue ich mich auf den Wahlkampf, der nun vor uns liegt“, rief Schulz. „Das ist ein bewegender Moment für mich, und ich bin froh, dass ich diesen Moment mit euch und mit Ihnen hier teilen darf“, sagte er. Vorne in den ersten Reihen saßen die Mächtigen in der SPD, jene auch, über die Gabriel sagt, sie schauten bloß zu, wie er sich oben in der Manege abgemüht habe. Die Bundesminister waren gekommen, die Ministerpräsidenten, die Spitzenleute der Bundestagsfraktion. Ehemalige auch. Der frühere SPD-Vorsitzende Kurt Beck, dem einst die Partei übel mitgespielt hatte. Auch Heidemarie Wieczorek-Zeul, die frühere SPD-Linke und Entwicklungshilfeministerin.

          Früh in seiner Rede wandte sich Schulz seinem baldigen Vorgänger zu, dem er – der Form nach – auf dem Parteitag am 19. März folgen wird. „Du bist ein toller Typ und mit Deinem Vorschlag, dass ich nun die Partei führen soll, hast Du in großer Souveränität eine schwere persönliche Entscheidung getroffen. Das verdient Respekt, das verdient Bewunderung“, rief Schulz Sigmar Gabriel zu. Gerührt sei er, dass Gabriel verzichtet habe. Und dankbar sei er, „dass Du mein Freund bist“. Und auch dafür, „dass wir beide in den vergangenen Wochen und Monaten eng beieinander geblieben sind, obschon der ein oder andere versucht hat, uns gegeneinander zu treiben“. Gewiss meinte Schulz auch Mitglieder der Führung der eigenen Partei. Natürlich nannte er keine Namen. An diesem Tag sollte gefeiert werden.

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