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Kanzlerin auf Sommerreise : Über den Nordpol zur „Bildungsrepublik“

  • -Aktualisiert am

Angela Merkel im Frankfurter Kindergarten Bild:

Ihre Sommerreise widmet die Kanzlerin der Bildungspolitik. Zwölf Stationen hat sie dafür ausgewählt. Ein Frankfurter Kindergarten mit hohem Ausländeranteil stand am Anfang, um die Bedeutung frühkindlicher Bildung zu unterstreichen.

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          Die fünf Jahre alte Malak öffnet ihr Reisebüro. Vor ihr liegt eine Computertastatur, in der Hand hält sie einen Telefonhörer. Die schwarzbraunen Locken hat das Mädchen zu vielen kleinen Zöpfen geflochten; sie trägt ein feines graues Kleid mit rosa Bluse. Ihre Kunden sind heute: Bundeskanzlerin Angela Merkel und der hessische Ministerpräsident Roland Koch (beide CDU). Sie haben auf der anderen Seite des Tisches im Kindergarten der evangelischen Friedensgemeinde im Frankfurter Gallusviertel Platz genommen. „Wo wollen Sie denn hin?“, fragt Malak Frau Merkel.

          Die Kanzlerin studiert angestrengt den Reisekatalog, den ihr ein kleiner Junge gereicht hat. „An den Nordpol“, sagt sie. „Mit dem Flugzeug oder mit dem Schiff“, will Malak wissen. Die Kundin entscheidet sich für die Hurtigroute, und der Junge erkundigt sich per Telefon, ob auf dem Schiff noch eine Kabine frei ist.

          Bedeutung frühkindlicher Bildung

          Das Reisebüro-Spiel ist Teil des Sprachförderprogramms „Frühstart“, das der Kindergarten mit Hilfe der Hertie-Stiftung allen Kindern anbietet. 60 Kinder aus 19 Nationen werden hier bis zu zehn Stunden am Tag betreut; Deutsch als Muttersprache spricht nur ein Drittel – im Gallusviertel ist längst Gegenwart, was auf andere Städte erst zukommt.

          Experiment für die Kanzlerin und Koch am brodelnden „Vulkan”

          Die Bedeutung frühkindlicher Bildung wollte Frau Merkel auch mit der zweiten Station ihrer Reise unterstreichen: der Evangelischen Fachhochschule in Darmstadt. Sie leistet mit dem Bachelorstudiengang „Bildung und Erziehung in der Kindheit“ einen Beitrag zur vielfach geforderten Akademisierung der Erzieherausbildung. Allerdings sind die Träger der Kindergärten bisher mit der Einstellung der (teureren) Kräfte zögerlich. Viele streben jedoch an, dass zumindest die Leiterinnen über eine Hochschulausbildung verfügen.

          Die Kinder der Friedensgemeinde hatten für die Physikerin Merkel noch ein Experiment im Sandkasten vorbereitet. In eine eingegrabene Flasche schütteten sie Natronpulver, Essig und Lebensmittelfarbe. Roter Schaum quoll aus dem brodelnden „Vulkan“ – der Ätna! Nach dem kurzen Ausflug nach Italien gab es für die Kanzlerin noch Lieder, Kaffee und Informationen über die Arbeit der Erzieherinnen, die sich zusammen mit ehrenamtlichen „Elternbegleitern“ auch um die Familien der Kinder kümmern.

          „In Zuständigkeitsfragen bleiben wir stur“

          Beinahe alle Bundesländer arbeiten derzeit daran, die Sprachförderung von Vorschulkindern zu verbessern. Nordrhein-Westfalen hat in diesem Jahr zum zweiten Mal alle Vierjährigen getestet. Ein Viertel der Kinder brauchte spezielle Förderung. Berlin testet seit dem Jahr 2004 alle Kinder ein Jahr vor der Einschulung.

          Das Land Hessen ist derzeit dabei, ein „Kindersprachenscreening“ („Kiss“) einzuführen. Bis zum Jahr 2011 soll dazu in jedem Kindergarten eine Erzieherin fortgebildet sein. In einer Vorstudie hatte sich herausgestellt, dass der Förderbedarf enorm ist: 22 Prozent der Kinder mit Deutsch als Muttersprache und 51 Prozent der Kinder aus Einwandererfamilien hatten keine altersgemäßen Sprachkenntnisse. Zwei Jahre später hatten 90 Prozent der deutschen Kinder und zwei Drittel der anderen ihre Fähigkeiten so weit verbessert, dass sie nicht mehr auffielen.

          Frau Merkel machte deutlich, dass sie von den Ländern eine gute Zusammenarbeit in Bildungsfragen erwarte. Koch verwahrte sich des Übergriffs in Kernkompetenzen der Länder freundlich und sagte: „In Zuständigkeitsfragen bleiben wir stur.“ Im übrigen habe Hessen bereits einen vorbildlichen Bildungs- und Erziehungsplan für die Null- bis Zehnjährigen.

          Ihre Sommerreise widmet
          die Kanzlerin der Bildungspolitik. Zwölf Stationen hat sie dafür ausgewählt. Ein Frankfurter Kindergarten mit hohem Ausländeranteil stand am Anfang.
          Von Uta Rasche

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