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Obama-Besuch : Treffen der Seelenverwandten

Zögerliche Annäherung: Bundeskanzlerin Angela Merkel und Präsident Obama im Juni 2013 in Berlin Bild: Matthias Lüdecke

Barack Obama schätzt Angela Merkel mittlerweile in höchstem Maße. Wie die beiden trotz anfänglicher Probleme zueinander gefunden haben.

          6 Min.

          Der amerikanische Präsident wusste, dass alle seine Gastgeber jene März-Ausgabe der Zeitschrift „The Atlantic“ gelesen haben würden, deren Titelgeschichte „Die Obama-Doktrin“ hieß. Dem Autor Jeffrey Goldberg hatte Amerikas Oberbefehlshaber stundenlang sein außenpolitisches Denken erklärt. Das Königshaus in Riad, wo Obama am Mittwoch seine Reise begann, sah sich nach der Lektüre in seinen Befürchtungen bestätigt.

          Andreas Ross
          Verantwortlicher Redakteur für politische Nachrichten und Politik Online.
          Majid Sattar
          Politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.

          Die Saudis, hatte Obama Goldberg gesagt, müssten mit den Stellvertreterkriegen aufhören und lernen, die Region mit Iran zu „teilen“. Auch Premierminister David Cameron, Obamas zweiter Gastgeber, kam schlecht weg. Amerikas Präsident sieht in den Briten „Trittbrettfahrer“. Um sich vor dem „free riding“ zu wappnen, überließ Obama ihnen und den Franzosen den Fahrersitz beim Libyen-Einsatz 2011. Doch danach hätten sich die Europäer nicht mehr um das Land in ihrer Nachbarschaft geschert, monierte Obama. Cameron, sagte er abfällig, habe sich „von anderen Dingen ablenken“ lassen.

          Traditionell steht Deutschland weit oben auf Amerikas roter Trittbrettfahrer-Liste. Nach wie vor bleibt Berlin hinter der Nato-Selbstverpflichtung zurück, zwei Prozent seiner Wirtschaftsleistung für die Verteidigung auszugeben. Doch Angela Merkel kann auf dem Weg nach Hannover beruhigt durch „The Atlantic“ blättern. Sie kommt nur einmal vor. Merkel sei „einer der wenigen Staats- oder Regierungschefs, die Obama respektiert“, schreibt Goldberg und erinnert daran, wie sie dem Präsidenten im Sommer 2013 mitteilte, dass Deutschland sich nicht an Luftschlägen gegen das Assad-Regime beteiligen würde, zu denen es trotz Obamas roter Linie auch nicht kommen sollte.

          Wenngleich die Kehrtwende des Präsidenten seinerzeit wenig bis gar nichts mit der Kanzlerin zu tun hatte, tun sich Vertraute Obamas schwer, auch nur einen zweiten ausländischen Politiker zu nennen, den dieser so zu schätzen gelernt habe wie Merkel.

          Wenn sich der Präsident und die Kanzlerin in den vergangenen Jahren trafen, dann spielte sich nicht das übliche Ritual ab, bei dem beide Regierungschefs ihre Wünsche oder Forderungen bekräftigen und danach eine vorgefertigte Erklärung abgeben. Vielmehr, so ist zu hören, zeigen sich beide aufrichtig interessiert an den Ansichten des anderen. Aus diesem Diskurs zweier Kopfmenschen ergäben sich fast organisch gemeinsame Folgerungen. Vermutlich staunt Merkel am meisten über die Entdeckung dieser Seelenverwandtschaft.

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          Keine langen Glückwunschformeln

          Von Obama weiß man nicht, wie lange er es der Kanzlerin übelnahm, dass sie ihm, dem Präsidentschaftskandidaten, 2008 die Kulisse des Brandenburger Tors für einen Wahlkampfauftritt verwehrte. Von Merkel dagegen ist bekannt, dass sie die hehren Versprechen des neuen Präsidenten lange skeptisch betrachtete: eine Welt ohne Atomwaffen? Ein Neuanfang mit der islamischen Welt? Alles schön und gut, aber nicht mit ein paar Reden zu erreichen.

          Als Obama im November 2008 gewählt wurde, rief die Kanzlerin an, um zu gratulieren. Aus diesem Gespräch ist überliefert, dass man sich nicht lange mit Glückwunschformeln aufhielt, sondern beide Seiten schnell darin übereinkamen, „Business“ zu reden: Wann werde man sich treffen? Was gelte es zu klären? Et cetera. Gewiss schwang in dem nüchternen Ton seinerzeit noch ein wenig die Berliner Episode aus dem Wahlkampf mit. Doch eigentlich deutete sich damals schon an, auf welcher Ebene man zuein-anderfinden werde.

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