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Kant heute : Der Eingang in die Unmündigkeit

Vom Stammtisch bis zum Internetforum – die vollendete Mündigkeit hat sich durchgesetzt. Doch jedes Denken fordert Verantwortung. Das wird allzu oft vergessen.

          Faulheit und Feigheit sind die Ursachen, warum ein so großer Teil der Menschen gern zeitlebens unmündig bleibt und warum es anderen so leicht ist, sich zu deren Vormündern aufzuwerfen. Es ist so bequem, unmündig zu sein. „Habe ich ein Buch, das für mich Verstand hat, einen Seelsorger, der für mich Gewissen hat, einen Arzt, der für mich Diät beurteilt, usw., so brauche ich mich ja nicht selbst zu bemühen.“

          Das schrieb Immanuel Kant 1774 in seinem Essay „Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?“. Liest man es heute, könnte man meinen, das Problem sei doch gelöst. Welcher Autor, Seelsorger oder Arzt kann noch darauf zählen, dass man ihm blind folgt? Im Gegenteil. Es gibt keinen Vertrauensvorschuss mehr auf Kompetenz. Zwar nimmt jeder, der einen Beruf ehrlich ausübt, sagen wir: ein Ingenieur, für sich in Anspruch, davon mehr zu verstehen als Laien. Geht er aber zum Arzt, erläutert er diesem anhand von Lesefrüchten aus einem Internetforum lang und breit, was Blutdruck ist und wogegen er hilft. Ist das nicht „der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit“, wie der berühmte erste Satz aus Kants Artikel lautet? „Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen“, heißt es dort weiter.

          Zustand vollendeter Mündigkeit

          In unseren Tagen haben wir es dagegen anscheinend viel öfter mit dem Unvermögen zu tun, überhaupt den Verstand oder die Vernunft eines anderen gelten zu lassen. Das zeigt sich nun besonders in der Politik. In allen demokratischen Ländern ist es Selfies wie Thilo Sarrazin, Boris Johnson und Donald Trump gelungen, zerstörerische, letztlich gewalthaltige Muster bis weit in die sogenannte Mitte der Gesellschaft vorzutreiben.

          Die Ursachen sind nicht so leicht dingfest zu machen, denn alle Tendenzen, die da zusammenkommen, lassen sich über eine erhebliche Zeitspanne zurückverfolgen. So ist eine grundsätzlich kritische bis abwertende Haltung gegenüber Politik und Verwaltung, ja insgesamt den Eliten schon seit Jahrzehnten verbreitet. Oberflächliche, oft auch radikale Urteile, die näherer Prüfung nicht standhalten, werden zunehmend bedenkenlos gefällt. Da kann es nicht ausbleiben, dass Hoheitsträgern und Abgeordneten die Wertschätzung, die sie jedenfalls hierzulande durchweg verdienen, nicht mehr entgegengebracht wird. Umfragen bestätigen, dass inzwischen viele Leute glauben, sie könnten deren anspruchsvolle Aufgaben selbst besser erfüllen.

          Wir haben also, wenn man so will, einen Zustand vollendeter Mündigkeit erreicht. Wenn man Mündigkeit so als Teilhabe am öffentlichen Gespräch definiert, ist sie auch technologisch enorm vorangetrieben worden. Seit Erfindung des Buchdrucks haben durch immer neue Erfindungen immer größere Kreise die Möglichkeit erhalten, sich öffentlich zu artikulieren, bis schließlich das Netz jedem erlaubt hat, sein eigener Publizist zu sein.

          Die „erweiterte Denkungsart“

          Das prinzipielle Problem war Kant bewusst. Sein Aufsatz wurde nämlich unter den Bedingungen der Zensur veröffentlicht. Der Preußenkönig Friedrich II. hatte als „aufgeklärter“ Herrscher zwar gnädig die Meinungsfreiheit zugelassen, davon aber Staatsangelegenheiten ausgenommen. Privatpersonen war verboten, über Hof und Herren „tadelnde Urteile“ zu fällen oder auch nur Nachrichten zu verbreiten. Begründung unter anderem: „Eine Privatperson ist auch zu deren Beurteilung gar nicht fähig, da es ihr an der vollständigen Kenntnis der Umstände und Motive fehlt.“ So könnte also auch der Arzt dem Ingenieur entgegentreten – oder der Ingenieur dem Arzt, je nachdem, wer gerade als Fachmann oder Laie agiert. Aber das geht hier und heute nicht mehr.

          Zu Kants Zeiten jedoch unterfiel bereits die Kritik an der Zensur der Zensur. Er formulierte sie in seinem Text über Aufklärung dann so, dass er damit durchkam – und schuf das Konzept aufgeklärter Auseinandersetzung, eine unabdingbare Grundlage unserer Demokratie. Einfach das Maul aufreißen genügt nämlich nicht. Mündigkeit hat mit dem Mund nichts zu tun, das Wort täuscht. Es stammt vom althochdeutschen „Munt“, einem Rechtsbegriff, der die Herrschaft eines Mannes über Frau, Kinder und Gesinde bezeichnete. Daraus wurde später der „Vormund“. Mündigkeit bedeutet mithin, dass eine Person für ihr Handeln voll verantwortlich ist. Und das gilt eben auch für die öffentliche Rede.

          Dort gelten Spielregeln, die auf friedliche Einigung zielen. Sie fordern, Für und Wider abzuwägen, sich dem besseren Argument zu beugen und das Denken nicht mutwillig an dem Punkt abzubrechen, wo mit der selbstverschuldeten Unmündigkeit der Komfort der Egozone endet. Kant nennt das die „erweiterte Denkungsart“. Worauf es dabei ankommt, beschreibt er so: „sich nicht als die ganze Welt in seinem Selbst befassend, sondern als einen bloßen Weltbürger zu betrachten und zu verhalten“.

          Volker Zastrow

          Verantwortlicher Redakteur für Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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