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Kandidatin Beate Klarsfeld : Drei Stimmen für ein Hallelujah

  • -Aktualisiert am

Gruppenbild mit der „guten Deutschen“: Die Führung der Linkspartei und ihre Kandidatin Beate Klarsfeld am Sonntag im Reichstagsgebäude Bild: Lüdecke, Matthias

123 Wahlmänner und -frauen stellte die Linkspartei in der Bundesversammlung, 126 votierten für ihre Kandidatin Beate Klarsfeld. Nun ist die Erleichterung groß - es hätte auch anders ausgehen können.

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          Die gebräuchlichste Geste in den Fraktionsräumen der Linkspartei im Reichstag war am Sonntag die des ausdrucksstarken Schweiß-von-der-Stirn-Wischens samt einem hörbaren erleichterten Aufatmen. So demonstrierten etliche Mitglieder der Bundesversammlung vor der Bekanntgabe des Wahlausgangs ihre Erwartungen; danach wurden die Reaktionen kühler und gelassener. Denn Beate Klarsfeld, die Kandidatin der Linkspartei für das Amt des Bundespräsidenten, erhielt 126 Stimmen - drei mehr, als die Partei Wahlmänner und -frauen in der Bundesversammlung geschickt hatte.

          Die Kandidatin hat den Plan also übererfüllt. Beate Klarsfeld schien’s, ihrer Miene nach zu urteilen, zufrieden zu sein. Sie hoffe auf Stimmen von der SPD und der CDU, hatte sie gesagt. Nun, da ihr Heimatland ihr in Gestalt der Linkspartei, mit der sie nichts verbindet, mit der Kandidatur für das höchste Amt Anerkennung gezollt hat, hofft sie darauf, dass ihr Bundespräsident Joachim Gauck endlich das Bundesverdienstkreuz verleihen wird, das ihr bislang vorenthalten wurde.

          Peinlicher Anfang der Kandidatur

          Es ist also noch einmal gutgegangen mit der Linkspartei und ihrer Kandidatin, doch das hätte nach dem peinlichen Anfang der gemeinsamen Unternehmung auch anders ausgehen können. Dass eine Bemerkung der Parteivorsitzenden Gesine Lötzsch über die „beeindruckende“ Beate Klarsfeld, die als junge Frau einen Bundeskanzler öffentlich geohrfeigt hatte, von ihr weder als ernsthafter Wahlvorschlag gemeint noch mit irgendjemanden in der Partei zuvor abgesprochen worden war, wurde nur allzu offensichtlich, nachdem Frau Klarsfeld sich ihrerseits gemeldet und zu einer Kandidatur bereiterklärt hatte.

          Als jedoch ihre Bereitschaft erst einmal erklärt war, nutzte auch die eilige Benennung möglicher anderer Kandidaten nicht - jeder andere Kandidat wäre von der alten Dame aus Paris zu Recht als Brüskierung empfunden worden. Und so zog sich der Kölner Hochschullehrer Christoph Butterwegge mit einer spitzen Bemerkung ebenso zurück wie die Bundestagsabgeordnete Lukrezia Jochimsen, die bei der Bundespräsidentenwahl 2010 als Kandidatin der Linkspartei angetreten war. Im ersten Wahlgang erhielt Frau Jochimsen seinerzeit auch 126 Stimmen, wie am Sonntag Frau Klarsfeld.

          Unverdrossenes Selbstbewusstsein

          Übereinstimmungen über einen allgemeinen Antifaschismus hinaus waren zwischen der Linkspartei und ihrer Kandidatin während der Wochen der Kampagne nicht festzustellen. Zum Thema „soziale Gerechtigkeit“, dem Hauptanliegen der Linkspartei, fielen Frau Klarsfeld nicht staatliche Leistungen für Langzeitarbeitslose ein, sondern sie kam auf Griechenland, das ihrer Meinung nach „von der EU gedemütigt“ wurde.

          Von der radikalen Selbstbezogenheit und dem unverdrossenen Selbstbewusstsein (“Ich bin eine gute Deutsche“) der Kandidatin Klarsfeld aber - das wird in den Wahlkämpfen der nächsten Wochen gewiss zu beobachten sein - wird sich so mancher in der Linkspartei eine Scheibe abzuschneiden suchen.

          Allenfalls eine Neigung, allzu rasch beleidigt zu reagieren, könnte man Partei und Kandidatin gemeinsam attestieren: Als Frau Klarsfeld, die für Fernsehaufnahmen in einem Kaffeehaus war, den BND-Präsidenten Gerhard Schindler, der dort ein Gespräch mit einer Abgeordneten führte, fragen ließ, ob er sie begrüßen möge, wurde aus der Ablehnung ein vermeintlicher Affront des deutschen Geheimdienstchefs gegenüber der wackeren Antifaschistin, der nur durch sofortige Entschuldigungen und ein eilig vereinbartes Treffen der beiden aus der Welt gebracht werden konnte. Ob aber der Weg vom „Dritten Reich“ zum nationalsozialistischen Untergrundterror der jüngsten Zeit tatsächlich so direkt ist, wie ihre Funktionäre anlässlich der Kandidatur von Frau Klarsfeld hervorhoben, ist in der Linkspartei nicht analysiert worden - es blieb bei der Behauptung.

          Ein Mal, so war während der langen Wartezeit am Sonntag im Reichstag zu hören, ein Mal habe die Linkspartei (damals noch PDS) Joachim Gauck ja sogar mitgewählt. Das war kurz vor dem Ende der DDR in der Volkskammer. Am 28. September 1990 wurde er fraktionsübergreifend zum „Sonderbeauftragten der Bundesregierung für die Verwaltung der Akten und Dateien des ehemaligen Ministeriums für Staatssicherheit“ gewählt. Wie schon die Fusion mit der WASG zur gesamtdeutschen Linkspartei 2007 markierte die Wahl von Gauck zum Bundespräsidenten das Ende des Anspruchs der SED-Nachfolgerin, sie allein kenne die ostdeutschen Interessen und sie allein kämpfe für diese.

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