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Kandidatenkür bei den Grünen : Die Realos haben sich verzockt

  • -Aktualisiert am

Fast niemand wollte sie, nun kommt sie: Eine Urwahl soll über die Grünen-Spitzenkandidaten entscheiden.

          4 Min.

          Der Bundestagsabgeordnete der Grünen Tom Koenigs sagt es so: Er freue sich, „wenn junge Kräfte nach vorne kommen“. Jürgen Trittin ist 57 Jahre alt, Claudia Roth und Renate Künast sind 56. „Post-68-Generation“, so nennt man das bei den Grünen. Katrin Göring-Eckardt, die vierte chancenreiche Bewerberin um die Spitzenkandidatur für die kommende Bundestagswahl, ist 46 Jahre alt. Blutjung.

          Vier Kandidaten sind jedoch zwei zu viel. Der Bundesvorstand hat im März dieses Jahres entschieden, dass ein Duo die Partei in die nächste Bundestagswahl führen soll. Deswegen wird es aller Voraussicht nach eine Urabstimmung geben. Eine Basisentscheidung, die fast niemand wollte. „Ich nehme die Urwahl nicht so ernst. Wir brauchen keine Spitzenkandidaten, da wir keine Chance auf die Kanzlerschaft haben“, sagt Koenigs, 68 Jahre alt, erfahren in vielen Schlachten. Selbst Katrin Göring-Eckardt hätte „eine andere Lösung favorisiert“.

          Die meisten hätten eine Team-Lösung favorisiert

          Auch andere Grüne, darunter Bundes- und Landespolitiker und Mitglieder des Parteirats, sind dieser Meinung. Die meisten hätten eine Team-Lösung favorisiert. Einen letzten Versuch hatte Frau Göring-Eckardt unternommen, als sie in ihrer Bewerbung schrieb, dass sie für ein Team sei. Da war die Milch allerdings schon vergossen, wie der rechtspolitische Sprecher der Grünen im Bundestag, Jerzy Montag, sagt.

          Dass die Partei jetzt in die Urwahl stolpert, liegt an den Realos. Sie haben sich verzockt. Nachdem Winfried Kretschmann im März 2011 quasi im Alleingang ein sensationelles Ergebnis bei der Landtagswahl in Baden-Württemberg für die Grünen geholt hatte und Ministerpräsident wurde, keimte die Idee bei den Realos auf, dass ein einzelner, herausragender Kandidat der Partei bei der kommenden Bundestagswahl nutzen würde. Alle ahnten, auf wen es in einer solchen Konstellation hinauslaufen würde: den Fraktionsvorsitzenden Jürgen Trittin, der innerparteilich immer noch eher dem linken Flügel zugerechnet wird, für die Realos aber ein guter Spitzenkandidat gewesen wäre. Doch dann kristallisierte sich in den zahlreichen Treffen der Gremien heraus: Ein einzelner Spitzenkandidat, zumal ein männlicher, war nicht durchzusetzen. Zu frisch war noch die Erinnerung an die One-Man-Show von Joschka Fischer, der bei der Bundestagswahl 2005 als alleiniger Spitzenkandidat antrat. Und es gab vier „natürliche“ Kandidaten: die beiden Parteivorsitzenden, Roth und Cem Özdemir, die beiden Fraktionsvorsitzenden Trittin und Renate Künast.

          Claudia Roths Vorpreschen macht einViererteam unmöglich

          „Unausgesprochen wäre Trittin die Nummer eins gewesen“, sagt die Bundestagsabgeordnete Krista Sager. Das aber wollten die Alphatiere nicht, erzählen grüne Parteikollegen. „Natürlich gab es ein Machtstreben bei den Kandidaten. Sonst hätte man sich vorher einigen können, Chancen gab es genug“, sagt ein führender Grüner. „Es geht darum, Positionen zu sichern, falls die Bundestagswahl zu einer Regierungsbeteiligung führt.“ Durch das Vorpreschen von Claudia Roth wurde ein Viererteam unmöglich. Anfang März sagte die Parteivorsitzende, dass sie für eine Zweierlösung sei und selbst kandidieren werde. Viele waren darüber „sehr verärgert“, heißt es. Wenig später schlug der Bundesvorstand die Zweierlösung vor.

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