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Die Zukunft der Politik : „Man darf nicht Masse mit Macht verwechseln“

CDU-Mitglied Jenna Behrends (links) und "Fridays for Future"-Organisatorin und Grünen-Mitglied Luisa Neubauer Bild: Jan Kapitän

Die Politikerinnen von morgen: Jenna Behrends ist Mitglied in der CDU, Luisa Neubauer grüne Klima-Aktivistin und einer der Köpfe der „Fridays for Future“-Bewegung. Sie haben das gleiche Problem: die Alten. Oder?

          11 Min.

          Diese zwei jungen Frauen haben schon gezeigt, was das Engagement Einzelner bewirken kann: Jenna Behrends hat bereits vor #MeToo mit einem Sexismus-Vorwurf gegen einen Berliner Senator ihre Partei, die CDU, über die Stadtgrenzen hinaus aufgemischt und kämpft heute für eine moderne Familienpolitik, Luisa Neubauer ist einer der Köpfe von „Fridays for Future“ in Deutschland, demonstriert mit Greta Thunberg und diskutiert mit Politikern wie Peter Altmaier oder Christian Lindner über das Klima. Hier sprechen sie erstmals miteinander über Politik in einer alternden Gesellschaft.

          Rainer Schmidt

          Verantwortlicher Redakteur Frankfurter Allgemeine Quarterly.

          „Die ältere Generation klaut uns unsere Zukunft“, sagt Greta Thunberg, Frau Neubauer, Sie haben gesagt: „Meine Generation wurde in den letzten Jahren praktisch ständig betrogen.“ Sind die Älteren das Problem?

          Luisa Neubauer: Nein, so leicht ist das nicht. Zwar sagen wir: Ihr habt mit eurer irrationalen Gegenwartsfixierung mindestens 30 Jahre verpasst, nachhaltige und zukunftsträchtige Politik zu betreiben. Andererseits gab es viele großartige Ansätze, von der Energiewende bis hin zu Demos, die den Boden bereitet haben, auf dem wir protestieren. Wir sehen viele Verbündete in anderen Generationen, wir suchen den Austausch.

          Jenna Behrends: Viele Eltern finden das Klima-Engagement der Kinder gut und ziehen mit ihnen an einem Strang. Aber viele Entscheidungen, etwa in der Rentenpolitik, gehen auf Kosten unserer Zukunftsfähigkeit. Da ist jetzt schon absehbar, dass wir uns das nicht alles werden leisten können. Innerhalb der Familien ist viel Solidarität da, aber gesellschaftlich nicht zwischen den Generationen.

          Frühere Generationen haben allein aufgrund ihrer Masse über kurz oder lang alles bestimmt: Mode, Musik, Politik. Heute fehlt die Masse, die Alten dominieren überall. Was bewirkt das?

          Neubauer: Man darf nicht Masse mit Macht verwechseln. Macht ergibt sich nicht nur aus der Masse. Sondern es geht auch um Aufmerksamkeit in den Medien, die Macht, Debatten setzen zu können, egal, ob man die Mehrheit hinter sich hat oder nicht. Wir können mit unseren Methoden unsere Themen nach vorne bringen. Wir sind nicht ausschließlich auf alte Medien und alte Menschen angewiesen.

          Luisa Neubauer: "Wenn die Älteren ernst genommen werden wollen, müssen sie lernen, die Erfahrungen und Kompetenzen der Jüngeren wertzuschätzen."
          Luisa Neubauer: "Wenn die Älteren ernst genommen werden wollen, müssen sie lernen, die Erfahrungen und Kompetenzen der Jüngeren wertzuschätzen." : Bild: Jan Kapitän

          Macht Ihnen die demographische Entwicklung Angst? Die Mehrheit der Wahlberechtigten ist bereits über 50 Jahre alt, ein Drittel über 60 – und der Trend geht weiter wegen der alternden Babyboomer …

          Neubauer: Deswegen muss man sich organisieren. Wir sind eine der stärksten Bewegungen, die es seit langer Zeit gegeben hat auf deutschen Straßen, nicht weil wir mehr sind, sondern weil wir lauter sind, weil wir überzeugter sind von dem, was wir verfolgen. Unser Problem sind doch nicht die vielen 50-Jährigen, die seit 30 Jahren CDU oder SPD wählen, sich sonst kaum politisch engagieren oder unseren Protest sogar begrüßen. Unser Problem sind die paar einflussreichen Blockierer, die es sich bequem gemacht haben in Politik, Wirtschaft und Medien und die einfach weitermachen wollen wie bisher.

          Behrends: Generationen sind ja keine homogene Masse, Mehrheiten können sich über Generationsgrenzen hinweg bilden und ändern, das ist ein Ansporn, noch überzeugender zu sein. Es sind keine Generationsfragen, sondern gesellschaftliche Fragen. Auch Großmütter und Väter wollen nichts Schlechtes für ihre Kinder und Enkel. In der Rentenkommission dürfen deshalb nicht nur Babyboomer sitzen, sondern wir sollten da auch unsere Interessen wahren können.

          Die große Koalition hat die Mütterrente beschlossen, die Rente ab 63, die Beibehaltung des Rentenniveaus. Das engt die Spielräume für Jüngere erheblich ein! Wie wehrt man sich dagegen?

          Neubauer: Wir halten dagegen und enttarnen das als windige Geschenke, teilweise zumindest. Wir haben gezeigt, dass wir uns Gehör verschaffen, in die Parteien hineinwirken, aber gleichzeitig auch eine große Öffentlichkeit mobilisieren können. Wir haben mit dem Klima ein Thema auf die Agenda gebracht, das viele Parteien bisher praktisch ignoriert hatten!

          Reicht das Lautsein gegen eine Mehrheit?

          Neubauer: Das reicht nicht, man muss auch gut sein.

          Behrends: Die Alten sind mehr und gehen zuverlässiger zur Wahl, so dass es leider durchaus rational sein kann, wenn Politiker mehr auf sie achten. Aber die Umbrüche in Klima, Wirtschaft und Gesellschaft sind so gewaltig, dass sich immer mehr Menschen fragen: Wie stellen wir unser Land unter diesen Bedingungen neu auf, wie fördern wir unseren wichtigsten Rohstoff, die jungen Leute. Denn das passiert gerade nicht. Aber da müssen wir wieder hin.#

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          Jetzt entdecken alle Parteien das Klima. Ist das eine clevere Strategie, um den Protest zu ersticken?

          Neubauer: Solche offensichtlichen Versuche sind wirkungslos, deswegen gehen wir doch nicht plötzlich wieder freitags in die Schule. Was wir anklagen, sind Tatenlosigkeit und zu kurz greifende Maßnahmen. Die Probleme sind wissenschaftlich beschreibbar, man kann die Effektivität von Maßnahmen messen und also überprüfen. Wir brauchen radikale Maßnahmen, radikale Entscheidungen. Taktische Umarmungsversuche ohne Substanz sind albern.

          Behrends: Es ist das Privileg von Menschen, die sich monothematisch engagieren, in ihrem Themenfeld radikal aufzutreten. Aber unsere Demokratie, mit der wir sehr gut gefahren sind, ist langsam, die Abwägungs- und Abstimmungsprozesse erfordern viel Zeit. Manchmal leider zu viel Zeit. Viele Themen sind von den Älteren verschlafen worden. Wir steuern auf Eisberge zu, die wir schon lange sehen. Wie lange schon wird über den demographischen Wandel geschrieben, die zu niedrige Geburtenrate, die Benachteiligung von Frauen oder das Klimaproblem?

          Steigen die Aggressionen, wenn sich Ihre Generation stets überstimmt und ignoriert fühlt?

          Behrends: Es wurde ja einiges gemacht, aber oft nicht genug. Insofern ist es ein Erfolg radikalen Auftretens und radikaler Forderungen, dass sich politische Prioritäten verändern. Urheberrecht und Klima waren lange Nischenthemen, plötzlich reden alle darüber. Nur würde ich mir mehr konstruktive Beiträge wünschen, wie wir die Probleme, vor denen wir stehen, konkret lösen können. Ich wäre auch nachsichtiger als Luisa mit den Parteien. Wenn die sich jetzt alle zum Klima äußern, ist das doch positiv, dann kann der Wettstreit um die besten Ideen beginnen.

          Neubauer: Ich erlebe mehr einen Wettstreit um die besten Ausreden. In vielen Bereichen mag Kompromissbereitschaft Sinn machen, aber hier geben geophysikalische Fragen die Geschwindigkeit vor. Ein Klimaschutz, der fünf Jahre braucht, um Maßnahmen durchzubringen, ist keiner. Wie schafft es unsere Demokratie, ihr Tempo diesen Anforderungen anzupassen? Mit dem Maß der Mitte erreicht man hier nichts, Klimapolitik muss radikal sein.

          Bedarf es einer Radikalisierung des Protestes? Denken Sie an mehr Militanz?

          Neubauer: Nein, nein, unser Protest wird immer friedlich und gewaltfrei bleiben.

          Aber wird sich die Wut einmal anders entladen?

          Neubauer: Wenn die Regierung so weitermacht wie bisher und eigentlich nichts passiert, dann, glaube ich, könnten Akteure auf der Spielfläche erscheinen, die andere Formen des Protestes nutzen, aber ich schätze eher nicht bei „Fridays for Future“. Wir sehen ja, wie wir Wirkung erzielen. Alle wollen von mir immer hören, dass wir wahnsinnig wütend werden und die Öko-Diktatur einführen, aber sorry, so läuft das nicht.

          Behrends: Eine Protestradikalität wie ’68 fände ich eher kontraproduktiv, wir haben andere Formen und Kommunikationsmittel, um uns auszudrücken und Sachen zu bewegen, man denke nur an den Youtuber Rezo … Und gerade in der Klimapolitik fände ich es auch problematisch, wenn die radikalsten Forderungen umgesetzt werden würden. Nur wenn das bei uns klappt und nicht zu wirtschaftlichen und sozialen Problemen führt, ziehen doch andere Länder mit. Deswegen braucht es eben sehr sorgfältige Abstimmungsprozesse, auch wenn die anstrengend sind.

          Neubauer: Ich fände es großartig, wenn Gruppen wie die „Extinction Rebellion“, die sich mit zivilem Ungehorsam etwa gegen das Artensterben wehren, auch in Deutschland stark würden, friedlich und gewaltfrei. Ich begrüße es, wenn sich mehr solcher Gruppen bilden und einbringen, falls dieses Land weiter im Stillstand verharrt.

          Bei der Bundestagswahl waren jüngere Stimmberechtigte die Gruppe mit der geringsten Wahlbeteiligung – jetzt das große politische Engagement auf der Straße. Ändert sich das Bewusstsein wirklich?

          Behrends: Auf jeden Fall, nur mögen das andere Themen sein als jene, die Ältere vielleicht erwartet haben. Wie überrascht waren alle, als sich Massen gegen den Upload-Filter gestemmt haben?! Bei Themen, die uns wichtig sind, wie Klima oder Internet, gibt es eine große Bereitschaft zu Engagement.

          Gilt das auch für Konservative?

          Behrends: Natürlich. Was heißt das denn auch? Ich bin als Bauerntochter in Niedersachsen auf dem Land groß geworden, da sehen die Menschen doch sehr konkret die Auswirkungen des Klimawandels. Die Wälder sterben, wir haben Riesenprobleme mit dem Borkenkäfer, die zweite Heu-Ernte konnte wegen der Dürre nicht stattfinden, so dass sie kilometerweit fahren müssen, um Heu für die Pferde zu organisieren. Die Fleischproduktion, das Wasserproblem – und die Frage, wie reagieren wir darauf? Das sind alles sehr konservative Themen!

          Neubauer: Viele bringen sich beim Klima erstmals politisch ein, andere haben schon Erfahrung in Parteien gemacht, auch in der Jungen Union, wir sind politisch keine homogene Gruppe. Das Thema steht im Vordergrund.

          Was ist für Sie heute konservativ?

          Behrends: Mir gefällt das Land, in dem wir leben, bei allen Problemen, die es geben mag, eigentlich sehr gut. Wir müssen uns natürlich mehr um die Zukunft kümmern, aber ich möchte, dass auch in Zukunft alles weiterhin so gut bleibt, wie ich es erlebe – und vielleicht noch ein bisschen besser. Das zu bewahren, meinen Kindern weiterhin ein lebenswertes Zuhause zu bieten in einem funktionierenden Sozialstaat mit einer modernen, lebensgerechten Familienpolitik, das treibt mich an.

          Neubauer: Für mich ist die Diskrepanz zu groß zwischen einem behaupteten Wertekonservativismus und einem gelebten Strukturkonservativismus. Wir erleben sogenannte Konservative als die ganz großen Blockierer in unserer Gesellschaft, die teilweise sehr unchristlich an einem vermeintlich glorreichen Gestern festhalten, das keine Zukunft mehr hat.

           Jenna Behrends: "In einer Partei stößt man schon auf größere Probleme und Mauern als neues und jüngeres Mitglied – und als Frau sowieso."
          Jenna Behrends: "In einer Partei stößt man schon auf größere Probleme und Mauern als neues und jüngeres Mitglied – und als Frau sowieso." : Bild: Jan Kapitän

          Für den politischen Raum sind Sie beide eine Ausnahme – weiblich und jung. Was für Widerstand oder Unwillen haben Sie wegen Ihres Alters erlebt?

          Behrends: Mittlerweile habe ich das Selbstbewusstsein zu sagen: Wir sind nun einmal da, Punkt. Aber natürlich spielt das Alter eine Rolle. Gerade bei den Parteien mit ihren gewachsenen Strukturen. Man stößt da schon auf größere Probleme und Mauern als neues und jüngeres Mitglied – und als Frau sowieso.

          Neubauer: Es gibt schnell die Einordnung: Alter gleich Erfahrung gleich Kompetenz – und deswegen oft den Blick von oben nach unten auf Jüngere. Ich denke, dass die Älteren, wenn sie selbst ernst genommen werden wollen, lernen müssen, die Erfahrungen und Kompetenzen der Jungen anders wertzuschätzen.

          Sie beide sind Parteimitglied, Frau Behrends bei der CDU, Frau Neubauer bei den Grünen. Warum?

          Behrends: Ich konnte mir lange nicht vorstellen, in einer Partei politisch aktiv zu werden, weil ich das ganze Konzept wahnsinnig unattraktiv fand. Nach der Geburt meiner Tochter änderte sich das. Bis dahin hatte ich gedacht, wir sind familienpolitisch schon sehr weit und gut aufgestellt. Aber dann fand ich keine Hebamme, keinen Kitaplatz, keinen Kinderarzt mit Kapazitäten. Da kam der Gedanke auf, dass vielleicht zu wenige Jüngere politisch aktiv sind, also gehe ich in eine Partei, die CDU.

          Neubauer: Ich bin zwar Mitglied bei den Grünen, aber habe mich dort wenig engagiert, das war für mich mehr so ein Teil, der einfach dazugehörte. Viele von deren Ansätzen fand ich richtig, und ich wollte mehr erfahren. Aber mein politisches Engagement findet vor allem außerhalb dieser Strukturen statt.

          Behrends: Ich halte das Engagement außerhalb für sehr wichtig, gerade weil es als junger Mensch schwierig ist, innerhalb der hierarchischen Strukturen einer Partei Themen nach vorne zu bringen. Das demographische Problem der Gesellschaft ist ja auch eines der Parteien. Dennoch erscheint es mir sinnvoll, seine Anliegen innerhalb dieser erprobten Strukturen anzubringen, auch wenn ich viele dieser Prozesse gerne beschleunigen und ändern würde.

          Frau Behrends, 2016, ein Jahr vor #MeToo, haben Sie sich in einem offenen Brief über Sexismus in der CDU und in der Politik generell beschwert. Ein Berliner Senator hatte Sie unter anderem als „große, süße Maus“ bezeichnet. Das löste eine Riesenempörung in der CDU aus – aber gegen Sie!

          Behrends: Gesellschaftlich waren wir noch nicht so weit. Ein bisschen später, als #MeToo losging, wäre das auf einen anderen Boden gefallen. Viele haben sich gefragt: Was will die denn? Schreibt einfach einen Blog-Beitrag und bekommt so eine Aufmerksamkeit? Das hat die Leute überfordert. Heute ist das ein Riesenthema, damals war es neu. Entsprechend deutlich waren die Angriffe gegen mich.

          Man könnte es als böse Schlammschlacht gegen Sie bezeichnen, mit fiesen öffentlichen Unterstellungen bis in Ihr Intimleben hinein.

          Behrends: Ja, das war eine sehr harte Zeit für mich, was bei mir auch kurzzeitig die Überlegung ausgelöst hat, ob es das alles überhaupt wert ist. Als jüngere Frau gerät man anscheinend leichter unter Feuer, egal, wozu man sich politisch äußert, Rente, Familie oder Klima, man greift sehr schnell auf diese persönliche Ebene zurück.

          Frau Neubauer, sind Sie nur von fortschrittlichen jungen Menschen umgeben, die alles besser machen?

          Neubauer: Natürlich nicht, denn in jeder Faser unserer Gesellschaft herrscht Sexismus, herrschen diese Strukturen und Verhaltensweisen, da gibt es keine Bereiche, die davon völlig losgelöst sind.

          Spüren Sie keinen Fortschritt bei denen, mit denen Sie freitags demonstrieren?

          Neubauer: Auch junge Menschen wachsen in eine Gesellschaft hinein, wo dein Geschlecht definiert, wer du sein kannst oder wer du eben nicht sein kannst. Aber ich erlebe bei „Fridays for Future“ schon eine sehr emanzipierte Generation, in der ein anderer Umgang selbstverständlich ist.

          Gibt es Sexismus bei „Fridays for Future“?

          Neubauer: Ich persönlich habe das noch nicht erlebt. Aber anderswo erlebe ich auch unfassbare jüngere Sexisten und bin schockiert, welches Rollenverständnis 20-Jährige haben. Junge Menschen sind nicht automatisch weniger sexistisch oder emanzipierter, nur weil sie jung sind, das sind alles Lernprozesse.

          Behrends: Die Strukturen sind so alt und so wirkmächtig, die kann man nicht innerhalb einer Generation aufbrechen. Aber auch in meinem Umfeld sehe ich, dass sich Männer heute viel selbstverständlicher in der Familie engagieren. Es stärkt die Gleichberechtigung, wenn Väter mehr in die Pflicht genommen werden. Das ist ein mühsamer Weg und wird noch einige #MeToo brauchen.

          Quoten für Junge in Parteien und Ministerien, Generationengerechtigkeit im Grundgesetz festschreiben – was halten Sie von solchen Ideen?

          Behrends: Ich fände etwas wie Nachhaltigkeit als Staatsziel nicht schlecht, damit alle Gesetzesvorhaben – nicht nur bei Klima und Rente – daraufhin untersucht werden müssen, welche Auswirkungen sie auf künftige Generationen haben. Quoten dagegen halte ich nicht für sinnvoll, aber die Parteien sollten sich um eine viel größere Vielfalt ihrer Listen bemühen.

          Neubauer: Das Ziel Generationengerechtigkeit fände ich ganz attraktiv, und die Idee, bei Listen Faktoren wie Alter und Geschlecht viel offensiver zu berücksichtigen, wäre ein gutes Signal an junge Leute. Im Kabinett würde ich mir vor allen Dingen mehr Kompetenz wünschen, mehr Wissenschaftler. Dass Frau Merkel einen wissenschaftlichen Hintergrund hat, finde ich hervorragend, ganz unabhängig von ihrem Geschlecht oder ihrem Alter.

          Jung und weiblich ist auch Greta Thunberg, die nicht nur in sozialen Medien teilweise Hass und starke Ablehnung auf sich zieht. Wie erklären Sie sich das?

          Neubauer: Weil sie den Leuten Angst macht. Sie möchte ganz viel verändern und hat dazu beigetragen, dass Hunderttausende auf die Straße gehen – das ist gruselig für Menschen, insbesondere für solche, die sich in diesem Spiel als Verlierer sehen. Es ist unglaublich, wie viele Fans sie hat, ich erlebe das immer, wenn ich mal mit ihr unterwegs bin, was für einen Nerv sie bei Menschen trifft. Dass sie so jung ist, so jung aussieht und so offen mit ihrem Asperger-Syndrom umgeht, reizt viele noch einmal besonders.

          Ihre Botschaft kommt bei vielen so an: Ihr habt alles falsch gemacht, ihr müsst euer Verhalten ändern! Das hört niemand gerne …

          Behrends: Es geht um die Angst vor den Veränderungen, die zwangsläufig anstehen. Und egal, wie viel Mühe wir uns geben, gerecht zu sein, Leute fürchten um ihre Arbeitsplätze und liebgewonnenen Gewohnheiten, sie fühlen sich überrollt. Ihren Ärger entladen sie gegenüber einzelnen Personen. Und im Netz sind die Hemmschwellen sehr niedrig, das haben Luisa und ich ja auch schon erleben müssen.

          Sie beide haben Bücher geschrieben. Frau Neubauers „Vom Ende der Klimakrise. Eine Geschichte unserer Zukunft“ erscheint demnächst, Frau Behrends’ „Rabenvater Staat“ kam im Frühjahr heraus. Warum musste es das alte Medium Buch sein?

          Behrends: Weil man da Ideen und Gedanken sorgfältiger ausführen kann als in einem Blogbeitrag oder Youtube-Video. Darüberhinaus will man natürlich auch jenseits der eigenen Generation Menschen erreichen, und es sind ja doch eher die Älteren, die Bücher lesen. Und deren Unterstützung braucht man auch für eine bessere Familienpolitik.

          Neubauer: Die Idee, meine Gedanken einmal so zusammenzufassen, hatten ein Freund und ich schon vor zwei Jahren – vor „Fridays for Future“. Ein paar Leute hatten mir empfohlen, Youtuberin zu werden und so aktiv zu werden, aber das erschien mir wahnsinnig aufwendig. Ein Buch erscheint mir passender.

          Frau Behrends, Sie wollen nicht mehr für die Bezirksverordnetenversammlung kandidieren?

          Behrends: Die Hälfte der fünf Jahre ist rum, da werde ich noch spannende Anträge einbringen können, aber auf dieser kommunalpolitischen Ebene möchte ich danach nicht mehr aktiv sein. Um politisch aktiv zu werden, braucht man heute ja kein Amt mehr.

          Träumen Sie von einem Bundestagsmandat?

          Behrends: Ich möchte mein Referendariat als Juristin machen und danach berufstätig sein, dazu habe ich eine Familie mit zwei Kindern. Das passt nicht zu einer so zeitintensiven Aufgabe wie einem Bundestagsmandat.

          Und wie geht es bei Ihnen weiter, Frau Neubauer? Was ist, wenn der Protest einschläft?

          Neubauer: Der schläft nicht ein, die Klimafrage wird uns weiter beschäftigen, unsere schlimmsten Erwartungen werden ja übertroffen. Der Permafrostboden fängt schon heute an, aufzutauen, das wurde 2090 erwartet, nicht 2019. Ich will noch besser auf einer naturwissenschaftlichen Ebene verstehen, was mit unserem Planeten los ist, deswegen werde ich nach meinem Bachelor noch einen Master machen und ein anderes Fach dazu. Dem Thema Klima und Umwelt werde ich mich immer widmen, ob bei „Fridays for Future“ oder anderswo.

          Luisa Neubauer, Jahrgang 1996, ist eine der Hauptorganisatorinnen und bekanntesten Gesichter von „Fridays for Future“ in Deutschland. Die Geographiestudentin lebt in Göttingen und Berlin und setzt sich in diversen Organisationen für Klimaschutz, Generationengerechtigkeit und gegen Armut ein. Mit Co-Autor Alexander Repenning veröffentlicht sie diesen Herbst das Buch „Vom Ende der Klimakrise. Eine Geschichte unserer Zukunft“.

          Jenna Behrends, Jahrgang 1990, hat Jura studiert und ist für die CDU Mitglied der Bezirksverordnetenversammlung Berlin-Mitte. Sie wurde bundesweit durch einen offenen Brief bekannt, in dem sie 2016 – ein Jahr vor #MeToo – Sexismus in ihrer Partei und der Politik beklagte – und für den sie aus CDU-Kreisen heftig kritisiert wurde. Im Frühjahr veröffentlichte sie ein viel beachtetes Buch über die ihrer Ansicht nach falsche Familienpolitik: „Rabenvater Staat“.

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