https://www.faz.net/-gpf-9ra14

Die Zukunft der Politik : „Man darf nicht Masse mit Macht verwechseln“

Behrends: Ja, das war eine sehr harte Zeit für mich, was bei mir auch kurzzeitig die Überlegung ausgelöst hat, ob es das alles überhaupt wert ist. Als jüngere Frau gerät man anscheinend leichter unter Feuer, egal, wozu man sich politisch äußert, Rente, Familie oder Klima, man greift sehr schnell auf diese persönliche Ebene zurück.

Frau Neubauer, sind Sie nur von fortschrittlichen jungen Menschen umgeben, die alles besser machen?

Neubauer: Natürlich nicht, denn in jeder Faser unserer Gesellschaft herrscht Sexismus, herrschen diese Strukturen und Verhaltensweisen, da gibt es keine Bereiche, die davon völlig losgelöst sind.

Spüren Sie keinen Fortschritt bei denen, mit denen Sie freitags demonstrieren?

Neubauer: Auch junge Menschen wachsen in eine Gesellschaft hinein, wo dein Geschlecht definiert, wer du sein kannst oder wer du eben nicht sein kannst. Aber ich erlebe bei „Fridays for Future“ schon eine sehr emanzipierte Generation, in der ein anderer Umgang selbstverständlich ist.

Gibt es Sexismus bei „Fridays for Future“?

Neubauer: Ich persönlich habe das noch nicht erlebt. Aber anderswo erlebe ich auch unfassbare jüngere Sexisten und bin schockiert, welches Rollenverständnis 20-Jährige haben. Junge Menschen sind nicht automatisch weniger sexistisch oder emanzipierter, nur weil sie jung sind, das sind alles Lernprozesse.

Behrends: Die Strukturen sind so alt und so wirkmächtig, die kann man nicht innerhalb einer Generation aufbrechen. Aber auch in meinem Umfeld sehe ich, dass sich Männer heute viel selbstverständlicher in der Familie engagieren. Es stärkt die Gleichberechtigung, wenn Väter mehr in die Pflicht genommen werden. Das ist ein mühsamer Weg und wird noch einige #MeToo brauchen.

Quoten für Junge in Parteien und Ministerien, Generationengerechtigkeit im Grundgesetz festschreiben – was halten Sie von solchen Ideen?

Behrends: Ich fände etwas wie Nachhaltigkeit als Staatsziel nicht schlecht, damit alle Gesetzesvorhaben – nicht nur bei Klima und Rente – daraufhin untersucht werden müssen, welche Auswirkungen sie auf künftige Generationen haben. Quoten dagegen halte ich nicht für sinnvoll, aber die Parteien sollten sich um eine viel größere Vielfalt ihrer Listen bemühen.

Neubauer: Das Ziel Generationengerechtigkeit fände ich ganz attraktiv, und die Idee, bei Listen Faktoren wie Alter und Geschlecht viel offensiver zu berücksichtigen, wäre ein gutes Signal an junge Leute. Im Kabinett würde ich mir vor allen Dingen mehr Kompetenz wünschen, mehr Wissenschaftler. Dass Frau Merkel einen wissenschaftlichen Hintergrund hat, finde ich hervorragend, ganz unabhängig von ihrem Geschlecht oder ihrem Alter.

Jung und weiblich ist auch Greta Thunberg, die nicht nur in sozialen Medien teilweise Hass und starke Ablehnung auf sich zieht. Wie erklären Sie sich das?

Neubauer: Weil sie den Leuten Angst macht. Sie möchte ganz viel verändern und hat dazu beigetragen, dass Hunderttausende auf die Straße gehen – das ist gruselig für Menschen, insbesondere für solche, die sich in diesem Spiel als Verlierer sehen. Es ist unglaublich, wie viele Fans sie hat, ich erlebe das immer, wenn ich mal mit ihr unterwegs bin, was für einen Nerv sie bei Menschen trifft. Dass sie so jung ist, so jung aussieht und so offen mit ihrem Asperger-Syndrom umgeht, reizt viele noch einmal besonders.

Weitere Themen

Das sind Gottes neue Sinnfluencer

Suche nach Sinn und Erlösung : Das sind Gottes neue Sinnfluencer

Gott hat es bei uns nicht leicht: Wer tritt heute noch als offener, liberaler und moderner Mensch für den Glauben ein? Wir stellen fünf Menschen vor, die mit ihrem Verständnis von Religion neue Wege beschreiten – und Türen öffnen wollen.

Trump scheitert wieder bei Wahl-Anfechtung Video-Seite öffnen

Erneute Niederlage : Trump scheitert wieder bei Wahl-Anfechtung

Weitere juristische Niederlage für Präsident Donald Trump: Ein Bundesberufungsgericht hat die Anfechtung des Ergebnisses der Präsidentschaftswahl im Schlüsselstaat Pennsylvania abgewiesen und damit ein Urteil aus erster Instanz bestätigt.

Wir wollen Diversität anders leben

Ufa verpflichtet sich selbst : Wir wollen Diversität anders leben

Die Produktionsfirma Ufa erlegt sich eine Selbstverpflichtung in Sachen „Diversity“ auf. Dabei geht es um Gender, LGBTIQ, People of Color und Menschen mit Beeinträchtigungen. Geschäftsführer Nico Hofmann erläutert, was es damit auf sich hat. Wird jetzt alles quotiert?

Topmeldungen

Baukräne stehen an einer Baustelle in Berlin.

Wohngemeinnützigkeit : Ein Bärendienst für den Wohnungsmarkt

Immer lauter wird die Forderung, die Wohngemeinnützigkeit wiederzubeleben. Dass dies eine schlechte Idee ist, zeigt schon das abschreckende Beispiel der Neuen Heimat.
Frau mit Kopftuch vor der Humboldt-Universität in Berlin

Redeverbote an Hochschulen : Flucht vor Argumenten

Eine Forschungsstelle der Uni Köln fordert, die Redefreiheit zu begrenzen, um Grundrechte zu verteidigen. Das würde einer Abschaffung der akademischen Freiheit gleichkommen. Ein Gastbeitrag.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.