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Die Zukunft der Politik : „Man darf nicht Masse mit Macht verwechseln“

Neubauer: Für mich ist die Diskrepanz zu groß zwischen einem behaupteten Wertekonservativismus und einem gelebten Strukturkonservativismus. Wir erleben sogenannte Konservative als die ganz großen Blockierer in unserer Gesellschaft, die teilweise sehr unchristlich an einem vermeintlich glorreichen Gestern festhalten, das keine Zukunft mehr hat.

 Jenna Behrends: "In einer Partei stößt man schon auf größere Probleme und Mauern als neues und jüngeres Mitglied – und als Frau sowieso."
Jenna Behrends: "In einer Partei stößt man schon auf größere Probleme und Mauern als neues und jüngeres Mitglied – und als Frau sowieso." : Bild: Jan Kapitän

Für den politischen Raum sind Sie beide eine Ausnahme – weiblich und jung. Was für Widerstand oder Unwillen haben Sie wegen Ihres Alters erlebt?

Behrends: Mittlerweile habe ich das Selbstbewusstsein zu sagen: Wir sind nun einmal da, Punkt. Aber natürlich spielt das Alter eine Rolle. Gerade bei den Parteien mit ihren gewachsenen Strukturen. Man stößt da schon auf größere Probleme und Mauern als neues und jüngeres Mitglied – und als Frau sowieso.

Neubauer: Es gibt schnell die Einordnung: Alter gleich Erfahrung gleich Kompetenz – und deswegen oft den Blick von oben nach unten auf Jüngere. Ich denke, dass die Älteren, wenn sie selbst ernst genommen werden wollen, lernen müssen, die Erfahrungen und Kompetenzen der Jungen anders wertzuschätzen.

Sie beide sind Parteimitglied, Frau Behrends bei der CDU, Frau Neubauer bei den Grünen. Warum?

Behrends: Ich konnte mir lange nicht vorstellen, in einer Partei politisch aktiv zu werden, weil ich das ganze Konzept wahnsinnig unattraktiv fand. Nach der Geburt meiner Tochter änderte sich das. Bis dahin hatte ich gedacht, wir sind familienpolitisch schon sehr weit und gut aufgestellt. Aber dann fand ich keine Hebamme, keinen Kitaplatz, keinen Kinderarzt mit Kapazitäten. Da kam der Gedanke auf, dass vielleicht zu wenige Jüngere politisch aktiv sind, also gehe ich in eine Partei, die CDU.

Neubauer: Ich bin zwar Mitglied bei den Grünen, aber habe mich dort wenig engagiert, das war für mich mehr so ein Teil, der einfach dazugehörte. Viele von deren Ansätzen fand ich richtig, und ich wollte mehr erfahren. Aber mein politisches Engagement findet vor allem außerhalb dieser Strukturen statt.

Behrends: Ich halte das Engagement außerhalb für sehr wichtig, gerade weil es als junger Mensch schwierig ist, innerhalb der hierarchischen Strukturen einer Partei Themen nach vorne zu bringen. Das demographische Problem der Gesellschaft ist ja auch eines der Parteien. Dennoch erscheint es mir sinnvoll, seine Anliegen innerhalb dieser erprobten Strukturen anzubringen, auch wenn ich viele dieser Prozesse gerne beschleunigen und ändern würde.

Frau Behrends, 2016, ein Jahr vor #MeToo, haben Sie sich in einem offenen Brief über Sexismus in der CDU und in der Politik generell beschwert. Ein Berliner Senator hatte Sie unter anderem als „große, süße Maus“ bezeichnet. Das löste eine Riesenempörung in der CDU aus – aber gegen Sie!

Behrends: Gesellschaftlich waren wir noch nicht so weit. Ein bisschen später, als #MeToo losging, wäre das auf einen anderen Boden gefallen. Viele haben sich gefragt: Was will die denn? Schreibt einfach einen Blog-Beitrag und bekommt so eine Aufmerksamkeit? Das hat die Leute überfordert. Heute ist das ein Riesenthema, damals war es neu. Entsprechend deutlich waren die Angriffe gegen mich.

Man könnte es als böse Schlammschlacht gegen Sie bezeichnen, mit fiesen öffentlichen Unterstellungen bis in Ihr Intimleben hinein.

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