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Die Zukunft der Politik : „Man darf nicht Masse mit Macht verwechseln“

Neubauer: Nein, nein, unser Protest wird immer friedlich und gewaltfrei bleiben.

Aber wird sich die Wut einmal anders entladen?

Neubauer: Wenn die Regierung so weitermacht wie bisher und eigentlich nichts passiert, dann, glaube ich, könnten Akteure auf der Spielfläche erscheinen, die andere Formen des Protestes nutzen, aber ich schätze eher nicht bei „Fridays for Future“. Wir sehen ja, wie wir Wirkung erzielen. Alle wollen von mir immer hören, dass wir wahnsinnig wütend werden und die Öko-Diktatur einführen, aber sorry, so läuft das nicht.

Behrends: Eine Protestradikalität wie ’68 fände ich eher kontraproduktiv, wir haben andere Formen und Kommunikationsmittel, um uns auszudrücken und Sachen zu bewegen, man denke nur an den Youtuber Rezo … Und gerade in der Klimapolitik fände ich es auch problematisch, wenn die radikalsten Forderungen umgesetzt werden würden. Nur wenn das bei uns klappt und nicht zu wirtschaftlichen und sozialen Problemen führt, ziehen doch andere Länder mit. Deswegen braucht es eben sehr sorgfältige Abstimmungsprozesse, auch wenn die anstrengend sind.

Neubauer: Ich fände es großartig, wenn Gruppen wie die „Extinction Rebellion“, die sich mit zivilem Ungehorsam etwa gegen das Artensterben wehren, auch in Deutschland stark würden, friedlich und gewaltfrei. Ich begrüße es, wenn sich mehr solcher Gruppen bilden und einbringen, falls dieses Land weiter im Stillstand verharrt.

Bei der Bundestagswahl waren jüngere Stimmberechtigte die Gruppe mit der geringsten Wahlbeteiligung – jetzt das große politische Engagement auf der Straße. Ändert sich das Bewusstsein wirklich?

Behrends: Auf jeden Fall, nur mögen das andere Themen sein als jene, die Ältere vielleicht erwartet haben. Wie überrascht waren alle, als sich Massen gegen den Upload-Filter gestemmt haben?! Bei Themen, die uns wichtig sind, wie Klima oder Internet, gibt es eine große Bereitschaft zu Engagement.

Gilt das auch für Konservative?

Behrends: Natürlich. Was heißt das denn auch? Ich bin als Bauerntochter in Niedersachsen auf dem Land groß geworden, da sehen die Menschen doch sehr konkret die Auswirkungen des Klimawandels. Die Wälder sterben, wir haben Riesenprobleme mit dem Borkenkäfer, die zweite Heu-Ernte konnte wegen der Dürre nicht stattfinden, so dass sie kilometerweit fahren müssen, um Heu für die Pferde zu organisieren. Die Fleischproduktion, das Wasserproblem – und die Frage, wie reagieren wir darauf? Das sind alles sehr konservative Themen!

Neubauer: Viele bringen sich beim Klima erstmals politisch ein, andere haben schon Erfahrung in Parteien gemacht, auch in der Jungen Union, wir sind politisch keine homogene Gruppe. Das Thema steht im Vordergrund.

Was ist für Sie heute konservativ?

Behrends: Mir gefällt das Land, in dem wir leben, bei allen Problemen, die es geben mag, eigentlich sehr gut. Wir müssen uns natürlich mehr um die Zukunft kümmern, aber ich möchte, dass auch in Zukunft alles weiterhin so gut bleibt, wie ich es erlebe – und vielleicht noch ein bisschen besser. Das zu bewahren, meinen Kindern weiterhin ein lebenswertes Zuhause zu bieten in einem funktionierenden Sozialstaat mit einer modernen, lebensgerechten Familienpolitik, das treibt mich an.

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