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Die Zukunft der Politik : „Man darf nicht Masse mit Macht verwechseln“

Die große Koalition hat die Mütterrente beschlossen, die Rente ab 63, die Beibehaltung des Rentenniveaus. Das engt die Spielräume für Jüngere erheblich ein! Wie wehrt man sich dagegen?

Neubauer: Wir halten dagegen und enttarnen das als windige Geschenke, teilweise zumindest. Wir haben gezeigt, dass wir uns Gehör verschaffen, in die Parteien hineinwirken, aber gleichzeitig auch eine große Öffentlichkeit mobilisieren können. Wir haben mit dem Klima ein Thema auf die Agenda gebracht, das viele Parteien bisher praktisch ignoriert hatten!

Reicht das Lautsein gegen eine Mehrheit?

Neubauer: Das reicht nicht, man muss auch gut sein.

Behrends: Die Alten sind mehr und gehen zuverlässiger zur Wahl, so dass es leider durchaus rational sein kann, wenn Politiker mehr auf sie achten. Aber die Umbrüche in Klima, Wirtschaft und Gesellschaft sind so gewaltig, dass sich immer mehr Menschen fragen: Wie stellen wir unser Land unter diesen Bedingungen neu auf, wie fördern wir unseren wichtigsten Rohstoff, die jungen Leute. Denn das passiert gerade nicht. Aber da müssen wir wieder hin.#

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Jetzt entdecken alle Parteien das Klima. Ist das eine clevere Strategie, um den Protest zu ersticken?

Neubauer: Solche offensichtlichen Versuche sind wirkungslos, deswegen gehen wir doch nicht plötzlich wieder freitags in die Schule. Was wir anklagen, sind Tatenlosigkeit und zu kurz greifende Maßnahmen. Die Probleme sind wissenschaftlich beschreibbar, man kann die Effektivität von Maßnahmen messen und also überprüfen. Wir brauchen radikale Maßnahmen, radikale Entscheidungen. Taktische Umarmungsversuche ohne Substanz sind albern.

Behrends: Es ist das Privileg von Menschen, die sich monothematisch engagieren, in ihrem Themenfeld radikal aufzutreten. Aber unsere Demokratie, mit der wir sehr gut gefahren sind, ist langsam, die Abwägungs- und Abstimmungsprozesse erfordern viel Zeit. Manchmal leider zu viel Zeit. Viele Themen sind von den Älteren verschlafen worden. Wir steuern auf Eisberge zu, die wir schon lange sehen. Wie lange schon wird über den demographischen Wandel geschrieben, die zu niedrige Geburtenrate, die Benachteiligung von Frauen oder das Klimaproblem?

Steigen die Aggressionen, wenn sich Ihre Generation stets überstimmt und ignoriert fühlt?

Behrends: Es wurde ja einiges gemacht, aber oft nicht genug. Insofern ist es ein Erfolg radikalen Auftretens und radikaler Forderungen, dass sich politische Prioritäten verändern. Urheberrecht und Klima waren lange Nischenthemen, plötzlich reden alle darüber. Nur würde ich mir mehr konstruktive Beiträge wünschen, wie wir die Probleme, vor denen wir stehen, konkret lösen können. Ich wäre auch nachsichtiger als Luisa mit den Parteien. Wenn die sich jetzt alle zum Klima äußern, ist das doch positiv, dann kann der Wettstreit um die besten Ideen beginnen.

Neubauer: Ich erlebe mehr einen Wettstreit um die besten Ausreden. In vielen Bereichen mag Kompromissbereitschaft Sinn machen, aber hier geben geophysikalische Fragen die Geschwindigkeit vor. Ein Klimaschutz, der fünf Jahre braucht, um Maßnahmen durchzubringen, ist keiner. Wie schafft es unsere Demokratie, ihr Tempo diesen Anforderungen anzupassen? Mit dem Maß der Mitte erreicht man hier nichts, Klimapolitik muss radikal sein.

Bedarf es einer Radikalisierung des Protestes? Denken Sie an mehr Militanz?

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