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Kampf um die Grünen-Spitze : Und am Ende blieb nur noch Özdemir

Gibt auf: Volker Ratzmann Bild: AP

Die Grünen lobten einander noch für ihren Vorwahlkampf amerikanischen Stils, da war es mit der Kampfkandidatur um den Parteivorsitz auch schon wieder vorbei. nach dem Rückzug von Volker Ratzmann will nur noch Cem Özdemir das Amt.

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          „Schwarzer Peter“ geht so: Alle Spieler haben eine Handvoll Karten, die sie nach und nach ablegen können. Wer am Schluss den Schwarzen Peter in der Hand hat, hat verloren. Ein bisschen erinnert die Suche der Grünen nach einem Parteivorsitzenden an dieses schöne Kartenspiel. Als Reinhard Bütikofer Anfang März bekanntgab, dass er im November nicht mehr für dieses Amt kandidieren wolle, um einem „jungen Gesicht“ Platz zu machen, da beeilten sich fast alle in Frage kommenden jungen Gesichter zu erklären, warum sie gerade nicht könnten oder wollten. Viele verwiesen auf ihre familiäre Situation mit einem kleinen Kind.

          Stephan Löwenstein

          Politischer Korrespondent für Österreich und angrenzende Länder mit Sitz in Wien.

          Antje Hermenau aus Sachsen etwa, Robert Habeck aus Schleswig-Holstein - und zunächst auch Cem Özdemir. Jetzt hat mit genau dieser Begründung auch Volker Ratzmann seine Kandidatur zurückgezogen, und der Schwarze Peter bleibt an Özdemir hängen.

          Der Wettstreit bei den Grünen wurde allseits begrüßt

          Ratzmann war nach einigem Hin und Her von Renate Künast als Kandidat für den Parteivorsitz ausgerufen worden. Die frühere Ministerin, die zusammen mit Jürgen Trittin nächstes Jahr die Grünen als Spitzenkandidatenteam in die Bundestagswahl führen soll, kennt Ratzmann seit langem - beide sind Berliner Rechtsanwälte. Das erregte allerdings den Argwohn bei einigen in der Partei, vor allem auf dem „Realo“-Flügel, dem Frau Künast zwar in den meisten inhaltlichen Fragen nahesteht, aber nicht eigentlich angehört. Ein „Parteivorsitzender von Renates Gnaden“ - diese Vorstellung behagte vielen nicht, auch wenn Ratzmann sich keineswegs als Marionette von Frau Künast sah. Jedenfalls wurde Özdemir noch einmal von den anderen jungen „Realos“ bearbeitet und erklärte sich zur Kandidatur bereit.

          Eine Kampfkandidatur im Sinne eines Vorwahlkampfes wie bei den amerikanischen Demokraten - so wurde der Wettstreit bei den Grünen allseits begrüßt. Die beiden „tingelten“, wie sich Özdemir kürzlich ausdrückte, durch die Landesverbände, meist einzeln, zu Veranstaltungen in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen auch gemeinsam. Die Resonanz an der Basis war dem Vernehmen nach weithin positiv, was das Verfahren betrifft. Zumal die beiden auch weitgehend auf gegenseitige Spitzen verzichteten. Höchstens erwähnte Özdemir einmal, er sei nie Mitglied einer K-Gruppe gewesen, also einer jener sektenhaften kommunistischen Gruppen der siebziger und frühen achtziger Jahre.

          Ratzmann sah sich „Kopf an Kopf“

          Viele Angehörige des grünen Führungspersonals sind durch diese Gruppen gegangen wie Bütikofer oder Trittin - aber auch Ratzmann. Der wiederum verwies in einem Interview auf Özdemirs Haltung auf dem turbulenten Göttinger Parteitag - da war der „Realo“-Exponent nachdrücklich für den Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr samt Tornado-Flugzeugen gewesen.

          Wie die Chancen zuletzt standen, dazu waren die Wahrnehmungen unterschiedlich. Özdemir meinte, er könne nicht klagen, „im Gegenteil“. Ratzmann sah sich hingegen „Kopf an Kopf“. Doch hätte er sich nach eigenem Bekunden auch dann zurückgezogen, wenn er klar vorne gelegen wäre. Seinen Rückzug begründete er am Donnerstag damit, dass er zusammen mit seiner Lebensgefährtin, der Freiburger Bundestagsabgeordneten Kerstin Andreae, im nächsten Frühjahr ein Kind erwarte.

          Ratzmann will Özdemir unterstützen

          Frau Andreae werde für die Grünen abermals für den Bundestag kandidieren - sie strebt die Spitze der baden-württembergischen Landesliste an. „Die Verantwortung für unser Kind können nur wir beide allein übernehmen, die Verantwortung für die Partei können auch andere übernehmen.“ Ratzmann kündigte an, Özdemir zu unterstützen. Das Amt des Berliner Grünen-Fraktionsvorsitzenden will er behalten.

          Über die Stichhaltigkeit seiner Begründung zu spekulieren, verbietet sich wegen deren privaten Charakters. Doch über das Amt eines Grünen-Parteivorsitzenden und seine Attraktivität für ehrgeizige Politiker sagt der ganze Findungsprozess einiges aus.

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