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Maßnahmen gegen Krankheiten : Vierzig Tage sind eine Quarantäne

Seuchenbekämpfung in Grao, Spanien, im April 2020 Bild: Picture-Alliance

Schon immer haben Staaten drastisch reagiert, wenn sich eine Infektionskrankheit ausbreitete. Was wir jetzt in der Corona-Krise erleben, ist also gar nicht so neu. Ein Überblick über Isolierungsversuche von der Antike bis heute.

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          Eine Quarantäne durchzusetzen, das war schon immer eine Herausforderung für Regierungen. Und es gelang manchmal auch nur durch den Einsatz letzter Mittel, etwa durch das Militär. Die Quarantäne gibt es seit 1347. Damals grassierte die Pest. Genua und Venedig, die Metropolen der damaligen Welt, sperrten ihre Häfen für ankommende Schiffe, auch wenn sie nichts wussten von Bakterien und Viren.

          Frank Pergande
          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Venedig setzte eine eigene Seuchenbehörde ein und baute die erste Quarantänestation auf. Die lag zwei Meilen vor der Stadt auf der Insel Santa Maria di Nazareth. Die Station wurde deshalb kurz Nazaretum genannt. Ankommende mussten dort zehn Tage lang warten, ob bei ihnen die Krankheit ausbricht. Die Frist wurde später auf dreißig Tage verlängert, schließlich auf vierzig, quaranta giorni. Und daher hat die Quarantäne auch ihren Namen.

          Die Pest war ein besonderer Fluch

          Vierzig Tage – das entsprach der jüdischen Reinigungsvorschrift für Frauen, wenn sie Mütter geworden waren. Vierzig Tage liegen zwischen Weihnachten und Mariä Lichtmess, dem offiziellen Ende der Weihnachtszeit, früher auch Mariä Reinigung genannt. Im 19. Jahrhundert war allerdings noch ein anderes Wort für Quarantäne geläufig: Kontumaz. Es kommt vom lateinischen contumacia, Trotz, Stolz, Unbeugsamkeit.

          Auch andere Städte begannen im 14. Jahrhundert, Pestordnungen zu erlassen. Reggio bei Modena etwa legte herzlos fest, dass alle Pestkranken auf ein freies Feld vor den Toren der Stadt zu bringen seien. Dort sollten sie entweder sterben oder genesen.

          Die Pest war ein besonderer Fluch. Giovanni Boccaccio, dessen „Dekameron“ ja unmittelbar auf einen Pestausbruch zurückgeht – die handelnden Personen fliehen vor der Krankheit auf das Land und erzählen sich zum Zeitvertreib mitunter schlüpfrige Geschichten –, beschrieb die Lage so: „Wie Feuer auf trockene oder fettige Gegenstände überspringt, die ihm nahegebracht werden, so sprang der Pestkeim von den Kranken auf Gesunde über.“

          Später entstanden für solche Fälle wenigstens Spitäler. In Nürnberg etwa das Sankt-Sebastian-Spital. Sebastian wurde als Pestheiliger verehrt, weil die ihm durch Pfeile zugefügten Wunden ähnlich aussahen wie Pestbeulen. Jeder Ankommende in Nürnberg wurde kontrolliert, wer Symptome zeigte, durfte nicht in die Stadt. In London wurden Pesthäuser sogar polizeilich verriegelt und die Kranken oft ihrem Schicksal überlassen.

          Frühe Isolierungsversuche bei Lepra

          Bei Lepra gab es schon sehr früh den Versuch, die Patienten zu isolieren. Weniger wegen der damals noch gar nicht bekannten Ansteckungsursache, sondern wegen des Anblicks der Patienten mit ihren Ausschlägen, Geschwüren und Verstümmlungen. Lepra galt als „unreine“ Krankheit.

          Pippin der Kurze und Karl der Große verfügten in der zweiten Hälfte des achten Jahrhunderts per kaiserlichem Edikte, dass Aussätzige in besonderen Häusern zu versorgen seien. Daraus wurden überall in Europa Leprosorien. Das war zwar eine drastische Methode der Isolation, aber offenbar auch eine wirkungsvolle. Im 16. Jahrhundert erlosch die Krankheit zumindest auf dem europäischen Kontinent.

          Auch die Landesfürsten wollten ihre Reiche vor Infektionskrankheiten bewahren. Sie ließen Truppen an der Grenze aufmarschieren und die Küsten besetzen, um heimliche Landungen zu verhindern. Als 1831 eine aus Asien heranrückende Choleraepidemie über Russland und Polen schon in Preußen angekommen war, bildete die sächsische Regierung eine „Immediatcommission zur Abwehr der Cholera“.

          Beteiligt daran war damals der Arzt und Maler Carl Gustav Carus. Er erinnerte sich später: „Wir hielten wöchentlich drei bis vier Zusammenkünfte.“ Durch „Maßregeln einer Landessperre“ sei es gelungen, „den fürchterlichen, damals im ganzen noch wenig gekannten Feind abzuhalten“. Zu den Maßregeln gehörte, dass das Militär „nicht ohne hohe Kosten“ an der Landesgrenze aufmarschierte und keinen ins Land ließ.

          Die Mediziner stritten schon damals über den Wert solcher behördlichen Absperrungen. Dass sie aber nützen, hat später Australien bewiesen, denn das Land schaffte es, durch Quarantänemaßnahmen die Spanische Grippe vom Kontinent fernzuhalten.

          In Spanien überwacht das Militär die Maßnahmen

          Im Fall von Corona traf die Quarantäne zuerst das chinesische Wuhan. Von dort nahm die Infektionswelle ihren Anfang. Ende Januar wurde die ganze Millionenstadt unter Quarantäne gestellt. Die Einwohner waren angewiesen, die Stadt nicht zu verlassen. Das Militär schickte vierhundert Ärzte. Weitere Städte kamen hinzu.

          In Spanien wird das Militär derzeit eingesetzt, um die Einhaltung der im ganzen Land verhängten Quarantäne zu sichern. Nach Mitteilung des Verteidigungsministeriums werden Soldaten vor allem auf den Straßen von Madrid, Valencia, Sevilla, Saragossa, León, Las Palmas und Santa Cruz de Tenerife eingesetzt. Dort sind jederzeit Kontrollen möglich. Darüber hinaus haben die Einheiten die Aufgabe, die derzeit geltenden Einschränkungen der Bewegungsfreiheit zu überwachen.

          Auch in Deutschland wird darüber diskutiert, inwieweit die Bundeswehr zum Einsatz kommen kann, um die Gefahr einzudämmen. Das Grundgesetz zieht solchen Einsätzen sehr enge Grenzen. Und ganz bestimmt wird das Militär nicht an der Grenze aufmarschieren oder in Städten die Einhaltung der Quarantäne überprüfen. Dafür hilft es in Städten und Landkreisen oder transportiert Schwerkranke aus europäischen Nachbarländern in deutsche Intensivstationen.

          Die überhaupt erste Erwähnung einer Quarantäne, die noch gar nicht so hieß, stammt von 293 vor Christus. In Rom wütete die Pest. Eine römische Delegation fragte im Tempel des Asklepios nach, was dagegen zu tun sei. Asklepios schickte seine Schlange vor mit dem Hinweis, die würde im richtigen Augenblick die richtigen Weisungen erteilen.

          Und was tat die Schlange? Als die Delegation sich Rom auf dem Tiber näherte, schlängelte sie sich vom Schiff und schwamm zur Tiberinsel. Ihr folgten alle, die noch nicht erkrankt waren. Das war sozusagen Quarantäne verkehrt herum: Die Gesunden flohen vor den Kranken.

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