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Juso-Mitglied über die SPD : „Kevin Kühnert finde ich sensationell“

  • -Aktualisiert am

Vorbild für viele Nachwuchs-Politiker: Juso-Chef Kevin Kühnert Bild: dpa

Auf dem Weg zur Uni liest er Sitzungsanträge, im Bett schon die Zeitung von morgen: Silas Gottwald ist Juso-Mitglied – und glaubt noch immer an seine SPD. Ein Gespräch über Motivation, Vorbilder und die Zukunft der Sozialdemokratie.

          Die Talfahrt der SPD nimmt kein Ende. Nach dem Debakel bei den Landtagswahlen in Bayern und Hessen fielen die Sozialdemokraten in einer bundesweiten Umfrage Anfang November erstmalig auf 14 Prozent ein Allzeittief. Die Frage über den Verbleib in der großen Koalition spaltet die Partei weiterhin und von dem angekündigten Erneuerungsprozess ist bislang wenig zu spüren. Die SPD scheint in eine Sackgasse geraten zu sein. Um sie dort langfristig wieder herauszuholen, ist auch ein engagierter politischer Nachwuchs nötig. Doch wie ist die Stimmung bei den Jusos? Sind die Mitglieder bereit, sich weiterhin für die Partei stark zu machen? Ein Gespräch mit Silas Gottwald (19), Vorsitzender der Jusos Wiesbaden, über sein politisches Engagement, über die Frage, was ihn antreibt – und was sich in der SPD ändern muss.

          Herr Gottwald, Sie studieren im ersten Semester und sind nebenbei Vorsitzender der Jusos Wiesbaden und des Wiesbadener Jugendparlaments. Wie viel Zeit widmen Sie der Politik?

          Sehr viel. Ich nehme an drei bis vier Sitzungen pro Woche teil, aber ich arbeite auch immer zwischendurch. Anträge für die nächste Sitzung gehe ich beispielsweise unterwegs im Zug durch. Und jeden Abend, bevor ich ins Bett gehe, lese ich die Zeitung von morgen, weil es sein kann, dass am nächsten Tag etwas in der Lokalzeitung steht und ich darauf reagieren muss. Das muss ich ja im Vorfeld wissen. Es ist mein Anspruch, immer schnell und zuverlässig auf aktuelle Entwicklungen reagieren zu können.

          Das klingt ziemlich aufopfernd…

          Nein, das nicht. Ich lebe ja nicht für die Sozialdemokratie. Ich bin aber überzeugt von ihrer Grundausrichtung und will daran mitarbeiten. Diesen Gedanken finde ich ziemlich cool.

          Wie bringen Sie sich konkret ein?

          Für mich ist Jugendpolitik das große Thema. Ich habe mich bei den Jusos für öffentliches Wlan in Wiesbaden eingesetzt, und im Jugendparlament arbeite ich gerade zusammen mit den Dezernaten an einer Ausweitung des Nachtbus-Angebotes und an der Einführung eines Nachtbürgermeisters in Wiesbaden.

          Silas Gottwald studiert Politik und Geschichte auf Lehramt an der Johannes-Gutenberg Universität in Mainz.

          Haben Sie ein politisches Vorbild, an dem Sie sich orientieren?

          Nein, ich habe kein direktes Vorbild. Aber Kevin Kühnert finde ich sensationell. Er hat die Jusos innerhalb eines Jahres aus einem Tiefschlaf in die Mitte der Aufmerksamkeit der Gesellschaft gerückt. Kevin ist einer der Gründe, weshalb viele Jusos dabei bleiben und weiter kämpfen und vermitteln, was wir in der SPD brauchen. Er schafft es konsequent, gegen die Linie der Parteiführung zu argumentieren, aber der Partei trotzdem Kraft zu verleihen und sie zu mobilisieren. Er ist eine der wenigen Hoffnungen für die SPD. Ich schaue mir oft an, wie er Themen angeht und versuche dann, das auf die Jusos Wiesbaden zu übertragen.

          Die SPD setzt alle Hoffnungen auf den angekündigten Erneuerungsprozess. Wie bewerten Sie ihn?

          Der Erneuerungsprozess läuft überhaupt nicht. Wir reden über Überschriften wie „Hartz IV abschaffen“, haben aber noch keine erneuerte Programmatik. Im Herbst 2019 soll die erste Phase des Erneuerungsprozesses abgeschlossen sein. Wenn das so weitergeht, sind wir bis dahin bei der Fünfprozent-Hürde. Wichtig ist, dass Erneuerung auch bei jedem Mitglied selbst passieren muss. Wir können nicht nur von „denen in Berlin“ reden. Das muss bei jedem selbst passieren, auch bei den Jusos Wiesbaden. Konkret heißt das, dass wir mit den jungen Leuten ins Gespräch kommen müssen. Es reicht beispielsweise nicht, wenn auf einem Plakat steht „Mehr Busse und Bahnen einsetzen“ – wir brauchen eine direkte Kommunikation.

          Das Ergebnis der Hessenwahl war für die SPD ein Debakel. Haben Sie sich danach nicht überlegt, „das war’s jetzt“?

          Auf gar keinen Fall.  Es ist eher ein „jetzt erst recht“. Das läuft eigentlich, seit ich in dieser Partei bin. Die SPD bewegt sich von einem „jetzt erst recht“ ins nächste. Seit ich Mitglied bin, geht es nur bergab. Ich bin das gewohnt, aber es ist schon eine gewisse Ratlosigkeit vorhanden.

          Wäre es nicht attraktiv, sich in einer Partei zu engagieren, in der Sie auch Wahlerfolge feiern könnten? Sie könnten beispielsweise zur Grünen Jugend wechseln.

          Auf die Frage habe ich gewartet. Bei den jungen Leuten in meinem Alter ist Grün gerade „in“. Aber ich sehe das nur als Trend. Bei der Bundestagswahl hatten die Grünen gerade einmal acht Prozent. Bei den wichtigen Themen für die Jugend hat die SPD nach wie vor die Kernkompetenz und ist das „Original“. Ich wechsle auf keinen Fall. Nur weil gerade etwas „hipp“ ist, muss man dem nicht folgen.

          Wie motivieren Sie sich, weiterzumachen?

          An dem Sonntagabend nach der Hessenwahl, als die Ergebnisse bekannt wurden, war ich kurz deprimiert – aber fünf Minuten später dachte ich mir: „Ich habe Bock auf den Europawahlkampf.“ Dafür habe ich eine Leidenschaft.

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          Wie kann die Sozialdemokratie in Europa wieder an Bedeutung gewinnen?

          Europa ist eine geniale Idee, aber es hat auch ganz schön viel Kritik verdient. Und das darf auch ein Pro-Europäer sagen. Es reicht nicht, einfach nur dafür zu sein. Das Demokratiedefizit ist nach wie vor groß –  Kommissare werden nicht vom Volk gewählt, das Parlament ist viel zu schwach. Wer Europa einfach nur so toll findet, soll die Grünen wählen. Wer etwas besser machen will, der sollte die SPD wählen. Die Grünen und die AfD konzentrieren sich nur auf die stumpfen Überschriften „pro“ und „kontra“, das ist viel zu einseitig. Es kann auch nicht sein, dass nur die Antieuropäer die Probleme benennen. Das dürfen wir uns nicht nehmen lassen.

          Ganz utopisch gedacht: Wo sehen Sie die SPD in zehn Jahren?

          Ich hoffe, dass in zehn Jahren jeder sagen kann „Das hat die SPD gemacht.“ Ich habe mehr Mindestlohn, das hat die SPD durchgesetzt. Ich kann mir endlich meine erste eigene Wohnung leisten, das hat die SPD durch eine effektive Mietpreisbremse erreicht. Ich will, dass die Leute das selber spüren und nicht beschwatzt werden müssen. Die Leute sollen merken, dass die SPD da ist und Vertrauen in die Partei haben. Ein bisschen das Ideal aus der Willy-Brandt-Zeit.

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