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Junge Union : Mißfelders Erben

  • -Aktualisiert am

Hauptsache unangepasst: Jungpolitiker Ziemiak und Pöttering Bild: Hinnerk Bodendieck

Die Junge Union ist ein Trainingslager. Wie schmiede ich Bündnisse, wie schalte ich Gegner aus? Benedict, der Haudegen, und Kapuzenpullipaul kämpfen um das Amt des Vorsitzenden.

          Pöttering spürt, dass seine Gegner aggressiv werden. Nervös. Pöttering findet seine Performance jetzt besser. In einer Woche will er Chef der Jungen Union sein. „Ich hoffe, dass meine Unterstützer nicht so aggressiv sind“, sagt Pöttering.

          Die Gegner sagen, dass die sogenannte Basistour von Benedict Pöttering Täuschung ist. Dass er auf Facebook Termine bei der Jungen Union sucht, sich selbst einlädt, kurz auftaucht, ein Foto macht, es auf seine Facebook-Seite lädt. Zum Beispiel: „In Hückelhoven-Doveren. Danke für die freundliche Einladung und Begrüßung vor Ort!“ steht über dem Bild.

          Und, gab es eine Einladung aus Hückelhoven-Doveren? Pöttering guckt genervt. Er sucht auf seinem Handy einen Dialog heraus, den er über Facebook geführt hat. Beim Kreisverband hatte er extra nochmal nachgefragt, ob die Einladung auch ernst gemeint sei. Weil der Kreisverband ja im Feindesland liegt. Der Kreisvorsitzende bestätigte das und vermittelte Kontakte zu Funktionären vor Ort.

          Das sind zwei Versionen ein und derselben Geschichte, wie so oft in diesem Wahlkampf. In diesem Fall gibt es sogar eine dritte: In Hückelhoven-Doveren, am Rand von Nordrhein-Westfalen, wird erzählt, die Facebook-Einladung sei routinemäßig an alle Kontakte verschickt worden, eine Woche vor dem Kreis-Fußballturnier. Man habe nicht damit gerechnet, dass Pöttering die sechshundert Kilometer aus Berlin dafür machen würde. Als er Interesse bekundete, konnte man ihn aber nicht mehr ausladen.

          Einmarsch der Gladiatoren

          Benedict Pöttering sagt: „Sie bekommen hier gerade einen tiefen Einblick. Sie müssen zum Deutschlandtag nach Inzell kommen. Sie haben die Gladiatoren kennengelernt, jetzt müssen Sie in die Arena.“

          Der andere Gladiator ist Paul Ziemiak. Der schreibt in einer E-Mail: „Gerne würde ich Ihnen anbieten, dass ich Ihnen meine Heimatstadt Iserlohn zeige. Diese Stadt hat mich geprägt, und hier hat auch das politische Engagement seine Wurzeln. Abends gehen wir dann gemeinsam zu der Festveranstaltung 20 Jahre Iserlohn Rösters.“ Das ist der Spitzname des örtlichen Eishockey-Clubs.

          Seit er für den Bundesvorsitz kandidiert, hat Paul Ziemiak kaum Pressearbeit gemacht. Nun will er sein erstes Porträt schreiben lassen. Kennenlerntreffen in Berlin, Ziemiak wählt ein Café im Stadtteil Schöneberg aus, weit weg vom Regierungsviertel. Hier besteht kein Risiko, erkannt zu werden - von Politikern oder anderen Journalisten. In vier Stunden erzählt er sein Leben: Aussiedlerfamilie, katholisch, 1988 aus Polen nach Deutschland geflohen, vier Wochen Auffanglager, eineinhalb Jahre Notwohnung neben einem Asylbewerberheim in Iserlohn, Deutsch gelernt im Kindergarten, Vater fand Arbeit als Gynäkologe.

          Benedict Pöttering ist für Journalisten immer erreichbar, unkompliziert mit Zitaten. Sein Vater war früher Präsident des Europäischen Parlaments, jetzt leitet er die Konrad-Adenauer-Stiftung. Der Bruder war stellvertretender Bundesvorsitzender der Jungen Union unter Philipp Mißfelder, bevor Benedict ihn ablöste.

          Wie ist es, in einer Politikerfamilie aufzuwachsen? Unfruchtbares Thema, zum Glück kommt die Kellnerin im Brauhaus am Berliner Gendarmenmarkt. Lieber erzählt Pöttering davon, wie er im Januar auf dem Majdan geredet hat. Und, Lieblingsthema: Wie er sich auf dem Bundesparteitag der CDU gegen die Rente mit 63 geäußert hat, als einer von drei Furchtlosen. Sein Gegenkandidat Ziemiak war damals auch Delegierter, hat aber nichts gesagt.

          Immer erreichbar: Benedict Pöttering

          Pöttering beobachtet seine Gegner genau: ein paar junge Typen um Ziemiak, aus befreundeten Landesverbänden. Young-Boys-Network. Pöttering mutmaßt, dass einer dieser Boys unter Ziemiak Schatzmeister werden will. Zwei Tage später steht das Gerücht in einer dpa-Meldung, der Betreffende dementiert sofort. Medien zu lenken will gelernt sein.

          Politikpraktikum bei der Müllabfuhr

          Als klar wird, dass hier kein einfühlsames Porträt über den Menschen Paul Ziemiak entsteht, kommt aus seinem Lager der Ratschlag, diese Entscheidung zu überdenken und die Chance nicht vorüberziehen zu lassen. Das erste Porträt des kommenden Bundesvorsitzenden, exklusiv! Zur Unterstützung der Recherche schickt Ziemiak eine Liste mit Terminen, die sich seiner Meinung nach zur Begleitung eignen. Es sind fast nur Termine, auf denen er allein auftritt, ohne Pöttering, bei befreundeten Verbänden.

          Die Junge Union ist ein Trainingslager. Wie schmiede ich Bündnisse, wie schalte ich Gegner aus, wie besetze ich Posten? Aber es reicht nicht, die Machtinstrumente zu beherrschen. Um gewählt zu werden, muss man mehr sein als ein aufstrebender, gerissener Jungfunktionär. Man muss sogar das Gegenteil sein: sympathisch, lässig, ein eigener Kopf.

          Paul Ziemiak wuchtet für die Berliner Stadtreinigung einen Vormittag lang Mülltonnen durch Toreinfahrten. Politikerpraktikum. Ziemiaks Fotograf hält es für die Facebookwelt fest. Dazu schreibt der Kandidat: „Es war zwar anstrengend, aber sehr interessant und auch lustig, häufig jedoch auf meine Kosten.“ Mehr als dreihundert (in Worten: dreihundert) Leuten gefällt das. Anschließend Besuch bei hippen Start-up-Unternehmen. Wieder gute Fotos.

          Ziemiak ist auf Twitter und Facebook ganz einfach „Euer Paul“. Er lädt regelmäßig Videobotschaften hoch, mit der Handykamera aufgenommen. Seine Themen: Scharia-Polizei, christliche Flüchtlinge - und Spaß mit politischen Freunden. Wie etwa in München, wo sein Gegner Pöttering stark ist. Ziemiak sitzt abends auf der Treppe am Fuße der bronzenen Bavaria, zur Rechten und zur Linken je ein zu ihm übergelaufener Delegierter, Diskomusik im Hintergrund: „Liebe Freunde, das sieht jetzt ganz ordentlich aus, als ob wir gar nichts trinken würden. Das stimmt jetzt nicht so ganz. Wir gehen wieder zurück ins Wirtshaus. Und aus dem Wirtshaus quasi zurück ins Studio. Euer Paul. Tschüss.“

          Ziemiaks Gegner sagen, diese Auftritte seien wohlkalkuliert. Einer spekuliert, die Unternehmensberater in Ziemiaks Lager hätten eine SWOT-Analyse gemacht: Stärken, Schwächen, Chancen, Risiken. Dann seien nach und nach die Profilfotos im Internet ausgetauscht worden. Aus dem streberhaften Jungpolitiker mit zu weitem Anzug und Krawatte wurde der lässige Kapuzenpullipaul.

          Wahlkampf quer durch Deutschland

          Auch Benedict Pöttering zimmert an seinem Auftritt. Aber anders. Gröber. Er posiert gerne mit hübschen Frauen und stellt verwackelte Fotos von JU-Partynächten ins Netz. Er gilt als trinkfest und reißt Witze, Politikertypus: Haudegen. Regelmäßig verschickt er Newsletter und pflegt seine sehr professionelle Homepage. „Unabhängig. Unbequem.“ So nennt er sich dort. Seine Gegner sagen, er wirke staatsmännisch und abgeklärt. Er habe alle wichtigen Visitenkarten in Berlin. Dass er mehr Basisbeteiligung fordere, sei nur Mittel zum Zweck: die eigene Karriere zu fördern.

          In den Wochen vor dem Deutschlandtag jagen beide Kandidaten kreuz und quer durchs Land. An einem einzigen Wochenende ist Ziemiak beim Biergartenfest der JU Bornheim, er macht Wahlkampf in Jena und Schleiz und steigt auf den Brocken. Pöttering besucht im selben Zeitraum die Stasi-Gedenkstätte in Dresden, feiert auf dem Laternenfest im Bierwagen in Bad Homburg, auf dem Sommerfest in Saarbrücken, grillt mit der JU Wonnegau und macht den Fassanstich beim Ebbelwoifest in Froschhausen.

          Gewollter Imagewechsel: Paul Ziemiak

          Die Medien sind Teil des Spiels. Die „Bild“-Zeitung bringt einen Zweispalter: „JU-Vizechef Pöttering: Kritik an Angela Merkel.“ Punkt für Pöttering. Ein Ziemiak-Unterstützer gibt einen peinlichen Mailwechsel zwischen Pöttering und dem Bundesvorstand an „Spiegel Online“ weiter. Punkt für Ziemiak.

          In Ingolstadt treffen die Kandidaten aufeinander. Verregneter Spätsommerabend, Wirtshaus hinterm Hauptbahnhof, vierzig bayrische Delegierte, junge Typen in Jackett oder Lederjacke, Haare nach hinten gekämmt. Alphatiere in mehr oder weniger spe. Ein Funktionär aus München, mit roter Hose und Einstecktuch. Eine Ortsvorsitzende mit Perlen in der blonden Hochsteckfrisur und Schoßhündchen. Holzverkleidete Wände, Geweih an der Decke, Junge-Union-Aufsteller. Der bayrische Landesvorsitzende sagt: „Das ist eine gute Geschichte, dass es zwei Kandidaten gibt. Man kann zwischen zwei Persönlichkeiten, zwei Vorstellungen wählen.“

          Skate-Park gegen Sammel-Taxi

          Pöttering steht vor den Delegierten. Er ist blond, kräftig, selbstbewusst. Ein Profi; nach dem BWL-Studium arbeitet er in der Kommunikationsabteilung einer Versandapotheke. „Ich bin Benedict aus Niedersachsen, bin 1983 geboren und mit 14 Jahren in die JU eingetreten.“ Dann kommt die Geschichte mit dem Skate-Park: „Damals waren meine Haare noch länger, und die Hose saß tief, und wir brauchten das Moos von der Stadt, um die Fläche zu asphaltieren.“ Die Junge Union besorgte das Moos, Pöttering trat ein. Man wird ja nicht als Beweeller geboren.

          Dann steht Ziemiak auf. „Liebe Freunde, Paul, 28, aus Enerwe.“ Er ist groß, schlank, dunkle Haare; der Kapuzenpulli hängt über dem Stuhl. Auch er trat mit 14 in die Junge Union ein. Auch er hat eine Geschichte dazu. „Das Sauerland ist keine Großstadt“, sagt er. Die Frage, die Jugendliche damals beschäftigt habe: „Wie komme ich von Feten abends nach Hause, ohne dafür so viel Geld dafür ausgeben zu müssen?“ Die Junge Union setzte sich für Anrufsammeltaxis ein, Ziemiak machte mit. Die Botschaft: Ich habe gelebt. Ich habe meine Jugend nicht nur damit verbracht, Vorstandssitzungen zu protokollieren und Posten zu sammeln.

          Er spricht auch über die Brüche in seinem Leben: Jura, Examen, durchgefallen. Jetzt studiert er in Iserlohn ein neues Fach: Unternehmenskommunikation. „Das Leben spielt sich nicht in Berlin bei irgendwelchen Sektempfängen ab“, sagt Ziemiak. Also nicht dort, wo sich sein Gegner herumtreibt. „Sondern dort, wo die harten Fragen des Lebens gestellt werden“, wo jemand eine Ausbildung suche, ein Unternehmen gründe - oder durchs Examen falle.

          Zwei Wochen später, das nächste Duell. Auf der Straße parkt Ziemiaks kleiner Opel Adam. Auf einer Seite klebt sein Twitter-Hashtag #EuerPaul, quer über der Motorhaube steht: „Aufbruch und Erneuerung - für und durch die Junge Union Deutschlands“. Der Saal ist voll, aufgeregte Begrüßungen. Pöttering kommt, kurzer Händedruck, Kalauer: „Ah, die Presse ist auch da. Ich seh Sie ja in letzter Zeit öfter als meine Mutter!“

          Als Erster redet Pöttering. Skate-Park, Haare noch länger, Hose saß tiefer, Moos von der Stadt, Rente mit 63, Aussprache mit Kanzlerin und so weiter. Dann Ziemiak: Sauerland, Disko, Anrufsammeltaxis.

          Einer aus dem Young-Boys-Network sagt: „Es ist jetzt wichtig, dass die Junge Union ein jugendliches Profil bekommt. Es spricht die Leute nicht an, wenn der Verband nur von Vollprofis geführt wird.“

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