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Junge Union : Mißfelders Erben

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In den Wochen vor dem Deutschlandtag jagen beide Kandidaten kreuz und quer durchs Land. An einem einzigen Wochenende ist Ziemiak beim Biergartenfest der JU Bornheim, er macht Wahlkampf in Jena und Schleiz und steigt auf den Brocken. Pöttering besucht im selben Zeitraum die Stasi-Gedenkstätte in Dresden, feiert auf dem Laternenfest im Bierwagen in Bad Homburg, auf dem Sommerfest in Saarbrücken, grillt mit der JU Wonnegau und macht den Fassanstich beim Ebbelwoifest in Froschhausen.

Gewollter Imagewechsel: Paul Ziemiak

Die Medien sind Teil des Spiels. Die „Bild“-Zeitung bringt einen Zweispalter: „JU-Vizechef Pöttering: Kritik an Angela Merkel.“ Punkt für Pöttering. Ein Ziemiak-Unterstützer gibt einen peinlichen Mailwechsel zwischen Pöttering und dem Bundesvorstand an „Spiegel Online“ weiter. Punkt für Ziemiak.

In Ingolstadt treffen die Kandidaten aufeinander. Verregneter Spätsommerabend, Wirtshaus hinterm Hauptbahnhof, vierzig bayrische Delegierte, junge Typen in Jackett oder Lederjacke, Haare nach hinten gekämmt. Alphatiere in mehr oder weniger spe. Ein Funktionär aus München, mit roter Hose und Einstecktuch. Eine Ortsvorsitzende mit Perlen in der blonden Hochsteckfrisur und Schoßhündchen. Holzverkleidete Wände, Geweih an der Decke, Junge-Union-Aufsteller. Der bayrische Landesvorsitzende sagt: „Das ist eine gute Geschichte, dass es zwei Kandidaten gibt. Man kann zwischen zwei Persönlichkeiten, zwei Vorstellungen wählen.“

Skate-Park gegen Sammel-Taxi

Pöttering steht vor den Delegierten. Er ist blond, kräftig, selbstbewusst. Ein Profi; nach dem BWL-Studium arbeitet er in der Kommunikationsabteilung einer Versandapotheke. „Ich bin Benedict aus Niedersachsen, bin 1983 geboren und mit 14 Jahren in die JU eingetreten.“ Dann kommt die Geschichte mit dem Skate-Park: „Damals waren meine Haare noch länger, und die Hose saß tief, und wir brauchten das Moos von der Stadt, um die Fläche zu asphaltieren.“ Die Junge Union besorgte das Moos, Pöttering trat ein. Man wird ja nicht als Beweeller geboren.

Dann steht Ziemiak auf. „Liebe Freunde, Paul, 28, aus Enerwe.“ Er ist groß, schlank, dunkle Haare; der Kapuzenpulli hängt über dem Stuhl. Auch er trat mit 14 in die Junge Union ein. Auch er hat eine Geschichte dazu. „Das Sauerland ist keine Großstadt“, sagt er. Die Frage, die Jugendliche damals beschäftigt habe: „Wie komme ich von Feten abends nach Hause, ohne dafür so viel Geld dafür ausgeben zu müssen?“ Die Junge Union setzte sich für Anrufsammeltaxis ein, Ziemiak machte mit. Die Botschaft: Ich habe gelebt. Ich habe meine Jugend nicht nur damit verbracht, Vorstandssitzungen zu protokollieren und Posten zu sammeln.

Er spricht auch über die Brüche in seinem Leben: Jura, Examen, durchgefallen. Jetzt studiert er in Iserlohn ein neues Fach: Unternehmenskommunikation. „Das Leben spielt sich nicht in Berlin bei irgendwelchen Sektempfängen ab“, sagt Ziemiak. Also nicht dort, wo sich sein Gegner herumtreibt. „Sondern dort, wo die harten Fragen des Lebens gestellt werden“, wo jemand eine Ausbildung suche, ein Unternehmen gründe - oder durchs Examen falle.

Zwei Wochen später, das nächste Duell. Auf der Straße parkt Ziemiaks kleiner Opel Adam. Auf einer Seite klebt sein Twitter-Hashtag #EuerPaul, quer über der Motorhaube steht: „Aufbruch und Erneuerung - für und durch die Junge Union Deutschlands“. Der Saal ist voll, aufgeregte Begrüßungen. Pöttering kommt, kurzer Händedruck, Kalauer: „Ah, die Presse ist auch da. Ich seh Sie ja in letzter Zeit öfter als meine Mutter!“

Als Erster redet Pöttering. Skate-Park, Haare noch länger, Hose saß tiefer, Moos von der Stadt, Rente mit 63, Aussprache mit Kanzlerin und so weiter. Dann Ziemiak: Sauerland, Disko, Anrufsammeltaxis.

Einer aus dem Young-Boys-Network sagt: „Es ist jetzt wichtig, dass die Junge Union ein jugendliches Profil bekommt. Es spricht die Leute nicht an, wenn der Verband nur von Vollprofis geführt wird.“

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