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Junge Union : Mißfelders Erben

  • -Aktualisiert am
Immer erreichbar: Benedict Pöttering
Immer erreichbar: Benedict Pöttering : Bild: dpa

Pöttering beobachtet seine Gegner genau: ein paar junge Typen um Ziemiak, aus befreundeten Landesverbänden. Young-Boys-Network. Pöttering mutmaßt, dass einer dieser Boys unter Ziemiak Schatzmeister werden will. Zwei Tage später steht das Gerücht in einer dpa-Meldung, der Betreffende dementiert sofort. Medien zu lenken will gelernt sein.

Politikpraktikum bei der Müllabfuhr

Als klar wird, dass hier kein einfühlsames Porträt über den Menschen Paul Ziemiak entsteht, kommt aus seinem Lager der Ratschlag, diese Entscheidung zu überdenken und die Chance nicht vorüberziehen zu lassen. Das erste Porträt des kommenden Bundesvorsitzenden, exklusiv! Zur Unterstützung der Recherche schickt Ziemiak eine Liste mit Terminen, die sich seiner Meinung nach zur Begleitung eignen. Es sind fast nur Termine, auf denen er allein auftritt, ohne Pöttering, bei befreundeten Verbänden.

Die Junge Union ist ein Trainingslager. Wie schmiede ich Bündnisse, wie schalte ich Gegner aus, wie besetze ich Posten? Aber es reicht nicht, die Machtinstrumente zu beherrschen. Um gewählt zu werden, muss man mehr sein als ein aufstrebender, gerissener Jungfunktionär. Man muss sogar das Gegenteil sein: sympathisch, lässig, ein eigener Kopf.

Paul Ziemiak wuchtet für die Berliner Stadtreinigung einen Vormittag lang Mülltonnen durch Toreinfahrten. Politikerpraktikum. Ziemiaks Fotograf hält es für die Facebookwelt fest. Dazu schreibt der Kandidat: „Es war zwar anstrengend, aber sehr interessant und auch lustig, häufig jedoch auf meine Kosten.“ Mehr als dreihundert (in Worten: dreihundert) Leuten gefällt das. Anschließend Besuch bei hippen Start-up-Unternehmen. Wieder gute Fotos.

Ziemiak ist auf Twitter und Facebook ganz einfach „Euer Paul“. Er lädt regelmäßig Videobotschaften hoch, mit der Handykamera aufgenommen. Seine Themen: Scharia-Polizei, christliche Flüchtlinge - und Spaß mit politischen Freunden. Wie etwa in München, wo sein Gegner Pöttering stark ist. Ziemiak sitzt abends auf der Treppe am Fuße der bronzenen Bavaria, zur Rechten und zur Linken je ein zu ihm übergelaufener Delegierter, Diskomusik im Hintergrund: „Liebe Freunde, das sieht jetzt ganz ordentlich aus, als ob wir gar nichts trinken würden. Das stimmt jetzt nicht so ganz. Wir gehen wieder zurück ins Wirtshaus. Und aus dem Wirtshaus quasi zurück ins Studio. Euer Paul. Tschüss.“

Ziemiaks Gegner sagen, diese Auftritte seien wohlkalkuliert. Einer spekuliert, die Unternehmensberater in Ziemiaks Lager hätten eine SWOT-Analyse gemacht: Stärken, Schwächen, Chancen, Risiken. Dann seien nach und nach die Profilfotos im Internet ausgetauscht worden. Aus dem streberhaften Jungpolitiker mit zu weitem Anzug und Krawatte wurde der lässige Kapuzenpullipaul.

Wahlkampf quer durch Deutschland

Auch Benedict Pöttering zimmert an seinem Auftritt. Aber anders. Gröber. Er posiert gerne mit hübschen Frauen und stellt verwackelte Fotos von JU-Partynächten ins Netz. Er gilt als trinkfest und reißt Witze, Politikertypus: Haudegen. Regelmäßig verschickt er Newsletter und pflegt seine sehr professionelle Homepage. „Unabhängig. Unbequem.“ So nennt er sich dort. Seine Gegner sagen, er wirke staatsmännisch und abgeklärt. Er habe alle wichtigen Visitenkarten in Berlin. Dass er mehr Basisbeteiligung fordere, sei nur Mittel zum Zweck: die eigene Karriere zu fördern.

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