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Jung tritt zurück : Zuletzt ging auch die Kanzlerin auf Distanz

Auch Kanzlerin Merkel war Jungs Problem bewusst: Die Vermittlung nach außen Bild: REUTERS

Wenige Wochen vor der Bundestagswahl schien Kanzlerin Merkel den Luftangriff von Kundus politisch entschärft zu haben. Es blieb der Eindruck, dass die Chefin ihren Minister herauspauken musste. Jetzt, mit fast drei Monaten Verzögerung, half Jung auch sein Wechsel ins Arbeitsressort nicht mehr.

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          Ein gemeinsamer Tiefflug im Hubschrauber, mit zweihundert Stundenkilometern bei offener Heckklappe nur wenige Meter über dem Boden: das kann eine ziemlich verbindende Erfahrung sein. Als Angela Merkel und Franz Josef Jung im vergangenen Frühjahr die Truppe in Afghanistan besuchten, nach Kundus und Mazar-i-Scharif flogen, schien kein Rotorblatt zwischen die Bundeskanzlerin und den Verteidigungsminister zu passen.

          Stephan Löwenstein
          Politischer Korrespondent mit Sitz in Wien.

          Jung habe „einige Bausteine gesetzt“, lobte sie ausgiebig, als sich die Soldaten in Mazar für einen Abend mit den beiden Besuchern versammelten. Die Kanzlerin nannte das Ehrenmal, die Tapferkeitsmedaille, das öffentliche Gelöbnis vor dem Reichstag. Wer in jener Zeit fragte, wer wohl der nächste Verteidigungsminister sein werde, dem wurde mit einer Geste und einer Mimik, in der sich Anerkennung und Selbstverständlichkeit die Waage hielten, zu verstehen gegeben, es werde gewiss der gegenwärtige Amtsinhaber sein.

          Fünf Monate später, ein anderes Bild. Der Bundestag ist zu einer Sondersitzung zusammengetreten. Vor dem Einzug des Präsidenten stehen kleine Grüppchen beieinander. Hier Jung mit Kanzleramtsminister de Maizière, Regierungssprecher Wilhelm, der Generalinspekteur Schneiderhan. Dort Merkel mit den Ministern Scholz, Guttenberg, Steinbrück, Zypries, Schäuble, Steinmeier.

          Jungs Erklärung im Bundestag nahm die Kanzlerin zur Kenntnis - ihr Vertrauen war angesichts der  Informationspannen  „erschüttert”
          Jungs Erklärung im Bundestag nahm die Kanzlerin zur Kenntnis - ihr Vertrauen war angesichts der Informationspannen „erschüttert” : Bild: REUTERS

          Heikle Angelegenheit

          Die Opposition hatte in den Tagen zuvor die Informationspolitik Jungs über den Luftangriff bei Kundus auf von Taliban entführte Tanklastwagen als katastrophal kritisiert und eine Regierungserklärung der Regierungschefin verlangt. Für viele überraschend bereitwillig ging sie darauf ein. Jetzt tritt sie ans Pult und hält eine ihrer überzeugendsten Reden, die sie überhaupt im Bundestag gehalten hat. „Eines vorweg, ohne Umschweife: Jeder in Afghanistan unschuldig zu Tode gekommene Mensch ist einer zuviel.“ Beifall sogar in der Linksfraktion für die Kanzlerin. „Ich stehe dafür ein, dass wir nichts beschönigen werden, aber auch Vorverurteilungen nicht akzeptieren.“

          Ohne Festlegung in der Sache - hat es nun zivile Opfer im Bett des Kundus-Flusses gegeben oder nicht? - schien sie die heikle Angelegenheit wenige Wochen vor der Bundestagswahl politisch entschärft zu haben. Doch, so blieb der Eindruck, es war die Chefin, die den Minister herauspauken musste. (siehe auch: Kommentar: So springt man nicht mit Deutschland um)

          Von Anfang an einen schweren Stand

          Jetzt, mit fast drei Monaten Verzögerung, ist die Welle wiedergekommen und diesmal über Jung hinweggeschwappt. Dass er inzwischen ins Arbeitsressort gewechselt war, half ihm nicht mehr.

          Schon Anfang an hatte Jung einen schweren Stand gehabt, als er 2005 überraschend Verteidigungsminister wurde. Fachlich war er ebenso ein Neuling wie auf der Bühne der Bundespolitik, vom internationalen Parkett ganz zu schweigen. Schnell hatte er zwei sehr spezielle Probleme auf dem Tisch, die auch einen erfahrenen Fachminister hätten ins Schwitzen kommen lassen.

          Jung sollte zwei Generäle entlassen, weil der eine dem anderen Informationen über ein dienstliches Ermittlungsverfahren über dessen Sohn habe zukommen lassen. Die Sache sollte im Eiltempo durchgezogen werden, während die Betroffenen abwesend waren, was ihr einen unguten Geschmack verlieh. Sie war von General Schneiderhan und Staatssekretär Wichert für den Minister entscheidungsreif vorbereitet worden, als einer der beiden Betroffenen offene Briefe verschickte, was Jung einerseits unangenehm gewesen sein musste, anderseits aber sicherlich die Unterschrift erleichterte.

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