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Julia Klöckner im Interview : „Frauen und Männer sind zum Glück verschieden“

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Klöckner: „Mein Glaube prägt auch mein politisches Tun” Bild:

„Die neue CDU Rheinland-Pfalz tickt anders“: Bei der nächsten Landtagswahl fordert Julia Klöckner Ministerpräsident Kurt Beck heraus. Im Interview mit der F.A.Z. spricht die CDU-Politikerin über Biologie, Gleichmacherei und ihren Glauben.

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          Bei der nächsten Landtagswahl in Rheinland-Pfalz fordert Julia Klöckner Ministerpräsident Kurt Beck heraus. Im Interview mit der F.A.Z. spricht die CDU-Politikerin über Biologie, Gleichmacherei und ihren Glauben.

          Frau Klöckner, haben Sie damit gerechnet, dass Ihnen die Spitzenkandidatur der CDU in Rheinland-Pfalz von Christian Baldauf auf dem Silbertablett serviert wird?
          Nein. So etwas ist kaum zu planen, und wenn, dann kommt es meist ganz anders. Entscheidend waren die Überlegungen von Christian Baldauf, ob er selbst antreten will oder nicht. Er fragte, ob ich dazu bereit wäre. Diesem ersten Gespräch folgten viele weitere. Es war eine Entwicklung in sehr freundschaftlicher Atmosphäre.

          In der Bibel wird Salome nach ihrem Tanz der Kopf von Johannes dem Täufer auf einem Silbertablett gebracht.

          Weder gab es Tanzmusik noch Silbertabletts.

          Die Köpfe der CDU-Spitzenkandidaten in Rheinland-Pfalz werden seit bald zwanzig Jahren im Wahlkampf auf dem Silbertablett serviert. Neben der Berliner Union ist Ihr Landesverband der zerstrittenste.

          (lacht) Die neue CDU Rheinland-Pfalz tickt anders. Wir gehen schon längst neue Wege und arbeiten auf gemeinsame Ziele hin.

          Das klingt zu schön, um wahr zu sein.

          Es ist wahr, und es ist schön.

          Was ist denn in Ihrer Partei im Heimatland Helmut Kohls so lange schiefgelaufen?

          Lagerbildungen kosteten Kraft und die freie Sicht. Lange Zeit gab es kein verbindendes Ziel, sondern Beschäftigung mit sich selbst.

          Die SPD unter Rudolf Scharping und später Kurt Beck hat diese Schwäche entschlossen genutzt und mit Bedacht den politischen Boden kultiviert. Unter den SPD-Landesverbänden gleicht der in Rheinland-Pfalz noch am ehesten einer Volkspartei.

          Gewagte Aussage. Europawahlen, Bundestagswahlen und Kommunalwahlen zeigen, dass die CDU eine erfolgreiche Volkspartei ist. Und die Zeit der Lagerbildung ist vorüber, das merken nicht nur die rund 50.000 Parteimitglieder. Beim politischen Mitbewerber hat man dagegen den Eindruck, dass immer zuerst die Partei, dann lange nichts und dann endlich das Land zählt.

          Haben Sie schon in dem Buch gelesen, das Ihnen der Ministerpräsident hat zukommen lassen: Friedrich Engels, „Die Frau und der Sozialismus“?

          August Bebel ist der Autor. Für Bebel ist die volle Gleichberechtigung nur im sozialistischen Staat möglich. Das entspricht nicht meiner Sichtweise.

          Die da wäre?

          Frauen und Männer sind zum Glück verschieden. Wie langweilig wäre es ohne Männer auf der Welt! Unsere Mütter und Großmütter haben viel geleistet für die Gleichberechtigung von Mann und Frau. In Bildung und Erwerbsleben wurde viel erreicht für mehr Chancen für Frauen. Weitere Anstrengungen lohnen sich. Zugleich müssen wir aber auch achtgeben, dass in der Förderung von Jugendlichen nicht die Jungs vernachlässigt werden. Deshalb kann der sogenannte „Girls’ Day“ nicht so bleiben, wie er ist.

          Die kanadische Feministin Susan Pinker meint, dass Frauen gemeinhin andere Lebensziele verfolgen als Männer.

          Vermutlich hat sie recht. Ich halte auch nichts von Gleichmacherei. Das sind letztlich individuelle Entscheidungen. Dafür muss es Wahlfreiheit geben.

          Ein Mann kann sich nicht dafür entscheiden, ein Kind zur Welt zu bringen. Können wir uns von unserer Biologie vollständig emanzipieren?

          Ich sehe keine Notwendigkeit, dass wir uns von unserer Biologie emanzipieren. Aber was ist durch unsere Biologie und was durch unsere Umgebung geprägt?

          Wir haben recherchiert, dass Mädchen massenhaft hingebungsvoll Pferde striegeln, jahrelang. Jungs tun das eher selten.

          Auf unserem Hof gab es zwei Pferde, aber das Striegeln hat mich als Mädchen am meisten genervt. Stereotypen stimmen nicht in jedem Einzelfall. Es gibt keinen Grund für Gleichmacherei. Aber auch nicht für gesellschaftlich vorgegebene Hindernisse.

          Gibt es die überhaupt noch?

          Natürlich gibt’s die. Beispiel aus meiner Bürgersprechstunde im Wahlkreis: eine junge Frau, alleinerziehend, Hartz-IV-Empfängerin. Sie will ein Stellenangebot annehmen. Nur: Sie findet keine Kinderbetreuung. Sie hat eben nicht die Möglichkeiten wie ein junger Mann, Hartz IV, nicht alleinerziehend.

          Eben. Es hat mit dem Geschlecht nichts zu tun.

          Die meisten Alleinerziehenden sind nun einmal Frauen. Das ist nicht nur eine Frage der Biologie, sondern ein soziokulturelles Phänomen.

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