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Jugendliche Alkoholexzesse : Das Verbot ist ihnen egal

„Alkohol gibt es genug” - Verbote würden nichts bewirken, sagen die Jugendlichen Bild: picture alliance / dpa

Seit 1. März dürfen Tankstellen in Baden-Württemberg nachts keinen Alkohol mehr verkaufen. Darum sorgen die Jugendlichen nun in Supermärkten vor: Dort kriegen sie noch mehr für ihr Geld - und ertränken ihren Frust Nacht für Nacht in Wodka mit Eistee.

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          Die Kassierer ziehen im Edeka-Supermarkt die letzten Wodkaflaschen über die Scanner. Flasche um Flasche. Immer mehr Jungs in schwarzen Kunstlederjacken und Mädchen in Miniröcken und Hot Pants greifen nach dem Alkohol in den Regalen. Sie decken sich ein für die Nacht. Ein normaler Freitagabend im E-Center von Reutlingen – auf der anderen Straßenseite liegt die Disco M-Park, dort warten andere Jugendliche bereits auf Einlass.

          Philip Eppelsheim

          Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Woche.

          Es ist der erste Freitag, seit das nächtliche Alkoholverkaufsverbot in Baden-Württemberg gilt. Zwischen 22 Uhr und 5 Uhr dürfen Tankstellen, Supermärkte und Kioske keinen Alkohol mehr verkaufen. An Jugendliche durften sie Hochprozentiges eigentlich nie verkaufen, doch wenn man den Minderjährigen vor der Discothek glaubt, taten sie es oftmals doch.

          „Mit Verboten kann man nichts erreichen“

          Bis 22 Uhr hat der Supermarkt geöffnet. Dann patrouillieren Wachmänner mit ihrem Hund auf dem Parkplatz. Sie beachten die trinkenden Jungs auf dem Nachbargelände nicht. Neben Edeka gibt es einen Lidl: Der Treffpunkt der Jungs – sie lehnen an den Einkaufswagen. Ihre Uniformen sind Trainingshosen mit Pitbull-Aufschrift.

          Wodka für fünf Euro und dazu Eistee: Hochprozentige Mischungen sind günstig zu haben

          Sie trinken „Klarer“ und Wodka. Fünf Euro die Flasche. Die Jungs rappen. „Ich ficke dich, ich ficke deine Mutter.“ Dann schreien sie: „Azad“ und „Bushido“. Ein kurzer Blick auf die Wachleute: „Die Wichser interessiert sowieso nur ihr Parkplatz.“

          Es ist ein Freitag, wie es sie viele vor dem Verbot gab. Die Tankstellenbetreiber haben gegen dieses Verbot gekämpft. Es zerstöre die Existenz, führe zu Arbeitsplatzverlusten, helfe sowieso nicht. „Was soll erreicht werden? Mit Verboten kann man nichts erreichen“, heißt es beim Tankstellenverband. Außer, dass das Verbot bis zu 3.000 Arbeitsplätze kosten werde, es in ländlichen Regionen bald weniger Tankstellen geben werde.

          „Ein Verbot des Alkoholverkaufs an Tankstellen wird das Problem des jugendlichen Alkoholmissbrauchs und der Jugendgewalt nicht beheben, da die Ursachen gesellschaftlich tiefer liegen. Außerdem werden nur 2 Prozent des in Deutschland insgesamt abgesetzten Alkohols über den Vertriebskanal Tankstelle veräußert“, heißt es bei Aral.

          Die Streife fährt nur herum

          „Wir wollen damit exzessive öffentliche Trinkgelage, Lärm, Aggression und Gewalt verhindern“, sagt der Innenminister von Baden-Württemberg, Heribert Rech (CDU). Und die Wirkung des Verbots werde man nach gewisser Zeit überprüfen.

          Eines steht fest: Bei den Jungs vor dem Lidl wird es keine Wirkung haben. Die beschaffen sich ihren Alkohol auch so. Sie nennen sich eine „Gang“ – „Ringelbach 18“. Eine Bruderschaft seien sie, eine Familie, gemeinsam stark. „Alleine wären wir Opfer. Zusammen kriegen wir Respekt.“ Und das sei das Wichtigste im Leben: Ehre, Respekt, Familie.

          Auf der Straße fährt die Polizei Streife. Der Wagen bremst kurz vor dem Parkplatz ab, fährt dann wieder. „Die Spacken“, sagt Andreas (alle Namen der Jugendlichen von der Redaktion geändert). Der 18 Jahre alte Kasache blickt, die Wodkaflasche in der Hand, der Polizei hinterher: „Die fahren nur herum, steigen nie aus, kontrollieren nicht. Was bringt das?“ Die anderen Jungs, 15, 16, 17 Jahre alt, lachen und setzen die Flaschen an.

          Keine Gelage auf dem Gelände mehr

          Zwei Kilometer entfernt liegt die Aral, die früher einmal als Partytankstelle galt. Videos im Internet zeigen besoffene Jugendliche auf dem Tankstellengelände. Doch die Zeiten sind vorbei, waren es schon vor dem Verbot. Die Nacht über herrscht immer das gleiche Bild: Wagen kommen, die Fahrer tanken, und dann verschwinden die Wagen wieder.

          Aral hat ein Interview mit dem Tankstellenpächter untersagt. „Wir sehen darin wenig Sinn, denn das Verkaufsverbot für Alkohol ist seit 1. März in Kraft getreten, und die Tankstellenunternehmer in Baden-Württemberg müssen es umsetzen“, heißt es in der Begründung. Nur Tankstellen mit Gaststättenkonzession dürfen weiterhin Alkohol verkaufen, auch nach 22 Uhr. Diese Aral gehört dazu. Ein Bier bekommt man hier.

          „Kiff nicht so viel“

          Aber die Jugend kommt nicht in dieser Nacht. Auch in der Umgebung der Tankstelle sind sie lieber zum Supermarkt gezogen, haben Kaliskaya-Wodka für 4,99 Euro gekauft und sich neben Agentur für Arbeit, Bordell, Spielothek und Hells-Angels-Clubhaus auf Mauern oder in Bushaltehäuschen gesetzt und getrunken.

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