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Jugendliche Alkoholexzesse : Das Verbot ist ihnen egal

Manchmal haben Achtzehnjährige den Alkohol besorgt, manchmal die Eltern: Schnaps für die Kinder. Irgendwann bleiben nur die leeren Flaschen zurück. Und der schale Geschmack im Mund, seitdem ein Jugendlicher gesagt hat: „Meine erste Flasche Wodka hatte ich mit elf Jahren.“

Und sich dann von einem Kumpel verabschiedet: „Ich rufe morgen an, wenn ich meinen Rausch ausgeschlafen habe.“ – „Dann ist es ja sechs Uhr abends.“ – „Na und, du musst dich gerade melden. Kiff nicht so viel.“

„Man muss härter vorgehen“

Die „Gang“ vor Lidl geht fast nie zur Tanke. Nur manchmal spät nachts, wenn kein Wodka mehr da war, sind sie früher losgezogen. Aber eigentlich sei es doch egal, dass es nun keinen Alkohol mehr gebe. „Hier im Supermarkt zahlen wir fünf Euro, bei der Tanke zehn. Dann kaufen wir jetzt einfach mehr.“ – „Ja, ist doch so. Jugendliche kaufen sich jetzt einfach früher am Tag das Dreifache, und dann fahren die Krankenwagen halt auch früher.“ Andreas grinst. „Scheiß Gesetze. Die haben doch alle keine Ahnung.“

Dann erzählt er von den Abenden auf diesem Parkplatz. Von Elfjährigen, die betrunken herumliegen, von Zwölfjährigen, die den Schnaps von ihren Eltern bekommen, von Dreizehnjährigen, die Leute „abziehen“, keinen Respekt haben, ältere als „Hurensöhne“ beschimpfen.

Eigentlich müsse man es hier wie in Amerika machen, sagt Andreas schließlich. „Die Gesellschaft hier ist doch vollkommen kaputt. Und die Jugend wird immer schlimmer. Da muss man härter gegen vorgehen.“ Er hat wohl vergessen, dass er auch zu dieser Jugend gehört.

Wodka mit Eistee gegen den Frust

„Geh auf die Knie, du Hund. Heute gehen wir wieder raus auf die Straßen . . .“, rappt Martin. „Gangmitglied“ Sven macht währenddessen breite Schultern und schaut auf die Disco. „Scheiß M-Park, da haben mich welche Hurensohn genannt, wollten mich abziehen. Da habe ich alle drei umgehauen.“

Martins Vater ist Türsteher bei den Hells Angels und in seinem anderen Leben Hartz-IV-Empfänger. Martin will es nicht werden. „Ich will kein Geld von anderen Leuten. Die Typen, die mit Hartz IV zufrieden sind, machen das Land kaputt.“

Aus fünf Schulen ist er rausgeflogen. Die Kumpels, die „Gang“, waren ihm wichtiger. „Ich bin zu faul.“ Nun will er den Hauptschulabschluss nachholen, den Realschulabschluss machen, Mechatroniker werden. „Ich will nicht, dass meine Mutter meinetwegen weint.“

Täte sie es denn nicht, wenn sie ihn hier sehen würde? „Ich trinke, um meine Probleme zu vergessen. Weil meine Mutter um mich weint“, sagt Martin. Und Andreas fügt hinzu: „Ich trinke, um Spaß zu haben.“ Erst der Wodka, dann der Eistee – fertig ist die Mischung im Mund.

Schlägereien in der Disko

Irgendwann in der Nacht ziehen die Jungs weiter zu einem Jugendtreff in der Nähe. Vorbei an einer anderen Disco, in der es vor einem Monat „abging“. Als ein Typ Martins „Bruder“ James so in die „Fresse“ schlug, dass der Blut und einen Zahn ausspuckte.

„Wenn ich auf Adrenalin bin, bin ich ein Psycho“, sagt Martin. „Dem Typen hätte ich so lange aufs Maul gehauen, bis er tot gewesen wäre. Aber ich muss aufpassen.“ Warum? „Weil ich zwei Jahre auf Bewährung habe. Halt Stress. Wir hatten oft kein Geld und wollten welches haben.“

Alkohol gibt es genügend

Die „Gang“ sitzt neben einem Jugendclub an einem Feuer. Die Flaschen sind fast leer, als ein 15 Jahre alter Russe sich schwankend nähert. Blut tropft aus seinem Mund, läuft das Kinn hinunter. Einer aus einer anderen „Gang“ hat ihm eine Kopfnuss verpasst.

Ein Einundzwanzigjähriger nimmt den Russen zur Seite. Er ist hier der Anführer. Er betrachtet das Blut des Russen, schreit herum. Die anderen weichen zurück. Dann ziehen sie los, zu dem Typen von der anderen „Gang“. Die Sache regeln. Doch in dieser Nacht kommt es zu keiner Schlägerei, man klärt es dieses Mal mit Worten. Lautstark auf einer Straße.

Auf der Tankstelle herrscht immer noch das monotone Treiben. Das Bier lockt nicht. Die „Gang“ sitzt schließlich wieder an ihrem Feuer. „Wenn sich einer besaufen will, dann macht er das auch“, sagen die Jungs. „Das Verbot ist da egal. Und Alkohol gibt es noch genügend.“ Dabei soll das Verbot gerade sie treffen. Dann sind die Schnapsflaschen leer. Jedenfalls in dieser Nacht. Und am nächsten Tag gibt es wieder Nachschub im Supermarkt.

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